Wo Christiane Hörbiger ihren Geburtstag verbringen wird? Vor dem Fernseher, weil da die Neuverfilmung vom „Besuch der alten Dame“ (20.15Uhr, ORF2) läuft. Mit Hörbiger in der Hauptrolle. Sie will sich den Film gemeinsam mit allen anschauen, „die mit mir bei Regen und Schnee am Set gestanden sind“ und hat die gesamte Crew zu einem gemeinsamen Fernsehabend eingeladen. Es sei für sie eine „große Freude“, sich ihre Filme anzusehen, gestand Hörbiger bei der Präsentation der Dürrenmatt-Verfilmung, die ORF und ARD anlässlich ihres 70ers in Auftrag gegeben haben.
Hörbiger stand schon mit 32 Jahren unter Dürrenmatts Regie auf der Bühne des Schauspielhauses Zürich. Sie setzte sich mit den Kollegen sogar dafür ein, dass er dort Direktor werden sollte – was Dürrenmatt dann aber nicht wollte. Er sei „ein wunderbarer Mann“, ja „ein Genie“ gewesen, findet sie. Und nach den Vorstellungen habe man sich in der „Kronenhalle“ getroffen. Auch mit deren Besitzerin, die „grüßte oder auch nicht – je nach Bedeutung des Gastes“, machte Hörbiger Bekanntschaft. „Ich wollte gern so ausschauen wie sie.“ Auch Dürrenmatt war fasziniert – und nahm die Gastronomin als Vorbild für die rachsüchtige Claire Zachanassian in dem Stück.
Dürrenmatt-Rechte lagen in Hollywood
Hörbiger stattet die Figur nicht nur mit dem verbissen-säuerlichen Missmut der einst vom ganzen Dorf Geschmähten aus, sondern fügt mit leisen Andeutungen die noch immer mitschwingende Liebe für den Ex-Verlobten Alfred Ill bei, dessen Tod Claire von der kleinen Gemeinde verlangt. Eine Paraderolle, die Hörbiger feinsinnig interpretiert – und die schon länger auf ihrer geheimen Wunschliste stand. Allerdings: Die Rechte lagen in Hollywood. Dass das Projekt dennoch möglich wurde, liegt an der Hartnäckigkeit von Co-Produzentin Regina Ziegler, die von sich sagt: „Ich bin ein Treppen-Terrier.“ Nach einem dreiviertel Jahr aussitzen hatte sie die Rechte in der Tasche.
Regisseur Nikolaus Leytner, der den Klassiker behutsam modernisiert hat, lässt ganz langsam die Eiseskälte von Verrat und Geldgier in die vermeintliche Dorfidylle des vom wirtschaftlichen Erstickungstod bedrohten Güllen sickern – und stellt das Publikum vor die Frage: Wäre so etwas tatsächlich möglich? Die hervorragende Besetzung impft dem Geschehen eine erschreckende Plausibilität ein. Den unglücklichen Ill spielt Michael Mendl, den Hörbiger für „einen wunderbaren Schauspieler“, „ein echtes Mannsbild“ hält – „bei der Rolle ziemlich wichtig“, findet sie.
Der ORF wollte mit diesem Film „etwas Besonderes“ zu Hörbigers Geburtstag machen. „Etwas ihrer Kunst Würdiges“, erzählte Fernsehfilmchef Heinrich Mis. „Ein Theaterstück filmisch umzusetzen ist kein Garant für viele Zuschauer – aber mit Frau Hörbiger kann man dieses Stück vor ein großes Publikum bringen. Der Stoff ist ja nach wie vor gültig – wie der ,Ödipus‘.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2008)

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