Garanca: Anfangs die Talkshow

23.01.2004 | 00:00 |   (Die Presse)

Die lettische Mezzosopranistin Elina Garanca über die Frage, wie man scheinbar absichtslos schnell Karriere macht, wann einem die Tränen kommen und welche Klavierauszüge man am besten unstudiert wieder zuschlägt. Ein Gespräch vor dem Wiener Debüt als Dorabella in Mozarts „Così fan tutte“ an der Staatsoper.

Natürlich genieße ich’s“, sagt sie, auf ihre Erfolge in der Wiener Staats­oper und bei den Salzburger Festspielen angesprochen, „aber ich habe auch Angst.“ Dass der jungen Mezzosopranistin aus Lettland der rasche, beinahe über Nacht erfolgte Wechsel von der Warteposition im Gefolge etlicher „Geheimtipps“ in die Reihe der jungen Stars des Operngeschäfts zu Kopf gestiegen sei, kann man jedenfalls nicht behaupten. Elina Garanca bleibt angesichts hymnischer Kritiken und Sym­pathiebezeugungen von Seiten des Publikums ruhig und besonnen.

Und das, obwohl sich die Grenzlinien in ihrem Lebensplan kühn verschoben haben. Vor nicht allzu langer Zeit waren – zumindest aus der Perspektive des jetzt bereits Erreichten betrachtet – die Ziele keineswegs  besonders hoch gesteckt. Nur, dass sie Sängerin werden wollte, dass sie unbedingt auf der Bühne stehen wollte, das wusste Elina schon als Kind. Die Schauspielschule daheim in Lettland schob einer Theaterkarriere zunächst den Riegel vor: Zu groß gewachsen sei das Kind, hieß es. Undenkbar in zarten Mädchenrollen.

Was für ein Vorurteil, denkt man sich heute, sobald Elina Garanca in Partien wie etwa der Rosina im „Barbier von Sevilla“ in der Wiener Staatsoper erscheint. Zauberhaft, fürwahr. Die Rossini-Rolle fällt freilich musikalisch aus dem Rahmen, den sich die Sängerin heutzutage steckt. „Meine Mutter“, sagt sie angesichts von Rossinis vielen Koloraturen, „hätte Klavierauszüge wie diesen wegen der Stellen mit den vielen, kleinen schwarzen Noten sofort wieder zugeschlagen – und auch für meine Stimme sind das Grenzbereiche, um die ich mich zwar gern und dann doch immer mit Freude bemühe. Aber im Prinzip ist meine Stimme für das Leichte, Schwerelose nicht so wirklich geschaffen.“
Elina Garanca hat’s wie die Mama, die auch Sängerin ist, gern handfester. „Irgendwie bin ich ein slawischer Typ“, kommentiert sie ihre eigene Stimme und deren Potenzial. Sie freut sich, so weit ist der Begriff „slawisch“  jedenfalls gefasst, dass man ihr in der kommenden Saison die Charlotte im „Werther“ anvertraut – eine Premiere unter Philippe Jordans musikalischer Leitung. 
 
Von der Größe im Kleinsten. Die erste Staatsopern-Premiere hat sie schon hinter sich. In Verdis „Falstaff“ war sie die Meg Page und errang mit dieser Partie, die sonst geradezu als „Wurzen“ gilt, deren Gestalterinnen auch beim besten Willen nicht auffallen, einen geradezu triumphalen Erfolg. Schöner wäre gar nicht zu widerlegen gewesen, was Mutter Garanca einst prophezeit hat:„Eigentlich war sie ja dagegen, dass ich Sängerin werde. Weil sie die Härten des Berufs kennt. Dann hat sie aber gemeint“, erinnert sich die Tochter, „dass ich es bis zur Solistin in der Lettischen Oper schaffen könnte. Das war mir eigentlich auch genug. Ich war stur. Sängerin. Von mir aus in der Lettischen Oper. Nur: Wenn in der Lettischen Oper, dann die beste dort.“ Das schon.

Es sollte sowieso anders kommen. An der heimischen Oper hat Garanca gesungen, die schon erwähnte Rosina, aber erst nach ihrem Debüt. Das fand in Deutschland statt. „Christine Mielitz saß in der Jury des Belvedere Wettbewerbs in Wien“, erzählt die Sängerin, „und hat mich nach Meiningen engagiert.“

Tränen in Meiningen. Am dortigen Staatstheater gab es zunächst Partien wie die dritte Dame in der „Zauberflöte“. „Da war ich vielleicht nervös. Wegen der vielen Dialoge. Sobald die vorbei waren, war’s wunderbar. Ich konnte ja kein Wort Deutsch. War 22. Hab’ auch jeden Abend geweint zu Hause.“ Und dazu die modernen Inszenierungen: „Die Zauberflöte war von Brigitte Fassbaender inszeniert. Daheim in Lettland war alles so altmodisch. Und wenn man jung ist, denkt man: Oper, herrlich, da bekommt man schöne Kleider …“ Mit wenig märchenhaften Kleidern hat sich Elina Garanca mittlerweile abgefunden. Mit den Inszenierungen auch, „solange sie die Stücke erzählen“. Und Deutsch spricht sie perfekt. „Ich hab’s gelernt,  indem ich mir Talkshows angeschaut habe. Mit einem dicken Wörterbuch in der Hand.“
Auch die „Zauberflöte“ hat sie sich damals selbst übersetzt. „Und mit dem Rosen­kavalier zum Beispiel habe ich meinen Wortschatz unglaublich erweitert.“

In Bukarest sang Elina Garanca innerhalb von zehn Tagen die Jane Seymour in „Anna Bolena“. Zehn Tage nimmt sie sich normalerweise Zeit, um eine Partie „einfach durchzusummen, um zu schauen, wie sie in der Stimme liegt.“ Kann leicht sein, dass eine Rolle dann abgelehnt wird. „Es gibt“, sagt sie, „Dinge, bei denen man gleich spürt, dass sie nicht ideal sind. So habe ich zum Beispiel Glucks ,Armida’, die mir hier angeboten worden ist, nicht angenommen. Auch mit dem Idamantes in Mozarts ,Idomeneo’, für den ich auch schon gefragt worden bin, warte ich noch. Wenn eine Partie nur im Übergangsbereich zwischen Mittellage und Höhe liegt, dann ist das schlecht für mich. Darum habe ich etwa die Adalgisa in Bellinis ,Norma’ angenommen, die zwar mehrere hohe Cs hat, aber insgesamt angenehmer liegt“.

Intendanten und Agenten. Wie sie sich zu nichts zwingen lassen möchte, zwingt diese Künstlerin auch ihre Stimme nicht. „Auch wenn ich an einem Tag merke, dass die Stimme nicht in die Höhe will, dann lasse ich es. Das kann ja alle möglichen Ursachen haben. Ich singe auch nie an einem Tag, an dem ich reise. Viel schlafen, viel trinken – alles, was so die Faustregeln für Sänger sind, versuche ich einzuhalten.“

Dann hört Elina Garanca auf die Ratschläge wohlmeinender Zeitgenossen. Neben der Mama sind das durchaus auch Agenten. Es sind ja nicht immer nur die Intendanten, die auf junge Stimmen aufmerksam werden. Als Elina Garanca bei einem Wettbewerb in Finnland teilnahm, wurde ein Künstler­­manager auf sie aufmerksam und empfahl sie nach Frankfurt, wo sie zwei Spielzeiten lang engagiert war. Auch ein Wiener Agent hörte sie – in Cardiff. Und rief Wiens Staatsopernchef Ioan Holender an.

Der Erfolg: Innerhalb kürzester Zeit war das frisch gebackene Ensemblemitglied ein Publikumsliebling. Bei den Salzburger Festspielen ließ sie mittlerweile als Annio in der von Nikolaus Harnoncourt dirigierten Premiere von Mozarts „Titus“ aufhorchen.

Und auf den Besetzungslisten der wichtigen Wiener Premieren- und Wiederaufnahmen scheint ihr Name immer öfter auf. Demnächst bei der von Bertrand de Billy betreuten Aufführungsserie von Mozarts „Così fan tutte“.
Wenn Edita Gruberova ihre „Norma“ in Wien hören lassen wird, dann steht ihr Elina Garanca als Adalgisa zur Seite.
„Irgendwann“, träumt die Sängerin, angesprochen auf künftige Partien, vor sich hin, „möchte ich natürlich die Amneris singen. Aber nicht früher als in 15 Jahren.“ Für CD hat sie jüngst mit Fabio Biondi eine Vivaldi-Oper eingespielt: „Vier Arien“, erzählt sie, „eine davon sehr, sehr schwer. Wenn die ganze Partie so gewesen wäre, hätte ich sie nie angenommen. Auch im Plattenstudio nicht. Für so viel Koloraturen muss man geboren sein“, kommentiert sie. Die Mama hätte den Klavierauszug sowieso sofort zugeschlagen …

Tipp: Staatsoper: 29./31. 1., 3. 2.: Mozart: Così fan tutte  (Bertrand de Billy; Elina Garanca, Soile Isokosko, Stefania Bonfadelli, Rainer Trost u. a.)


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