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Der Dachstein war ein heiliger Berg

22.07.2007 | 19:19 |  SAMIR H.KÖCK (Die Presse)

Volkslied. Gretl Steiner, Jahrgang 1924, Interpretin seltenster Jodler, verteidigt alte Singkunst gegen Verkitschung. Am 26.Juli jodelt sie bei "Glatt & verkehrt" in Krems. Die "Presse" besuchte sie am Fuß der Dachstein-Südwand.

(c) Samir H. Köck

Die Presse: Wie sind Sie eigentlich zum Jodeln, zum Singen gekommen?

Gretl Steiner: Schon im Mutterleib. Mei' Mutter hot vül gsunga, und wie man heute weiß, hören auch die ungeborenen Kinder alles. Auch mei' Vater, meine Brüder und mein Onkel hoben ålle gesunga. Heit lernen s' ja nimma Singen in der Schul', nur mehr Englisch. Des is jå eine Kindesmißhandlung. Dann tatn's kane andern dumman Såchn, weil im Singen kaunst du dich befreien. I hon jå keine Aggressionen, oba heite muaß ma oan hobn, sunst is ma net modern. Man muaß sölba singen. De Unterrichtsminister kean jo olle vajågt!

 

Welche Gefühle spielen sonst eine Rolle in Ihrer Kunst?

Steiner: Du kaunst wütend sei, du kaunst lachen, weinen, übermiatig sein, du kaunst ållas einelegen. Heit håmma nur mehr Zuhörer, aber du muaßt jå söwa singen. Zu mir hot a Professorin g'sågt, Singen is nit nur guat für die Seele, es massiert die ganz'n Eingeweide. Kau ma si eh vorstellen, vibriert jå ois. Es miaßat hoit jeda singa. Jeda Mensch kaun singa, die Vegl singan jå a. Natirli bis zu an gewissen Grad. Da oane is bessa, da oane weniger.

 

Sie haben sich als Interview-Ort den Fuß der südlichen Dachsteinwand ausgesucht. Wieso?

Steiner: I bin hoid gerne då herinna, wäu då siach i die Wänd. Wenn man koa Waund siecht, geht ei'm jå koa Jodla aufa. Das Volksliad g'heat in die Gåststubn, des is kloar, oba a Jodla, der is jå gefangen in an Raum.

 

Sie waren ja auch ein Leben lang eine passionierte Bergwanderin und Kletterin.

Steiner: Jo, waun scho ois då steht, muaß ma geh. I bin scho aus ana Bergsteigafamilie. Mei Voda und da Steiner Jörg, de hobn die Erstbesteigung gmåcht von da Dachstein-Südwaund. Des woa hoit domois wos. Friacha wår'n jo de Berg gefürchtet. So wie in Tibet drübn. In Aussee hob i ma amoi an Gedichtbaund von da Kaiserin Sisi kauft. Aufgfoin is ma oa Gedicht: „Ich möchte der Dachstein sein“. Sågt die Kaiserin, wos hoaßt'n des? I waß heit no net, wos des hoaßt. Entweder woa sie då so gerne drin, dass ihr schwer gfoin is wegz'foan, oda aber håt sie so an Kummer g'håbt, dass sie si denkt håt, der Berg spiat nix, so mechtat mia's a gehen. I bin Dachstein-noarrisch, mechtat nie mei Hoamat vertauschn. Scho reisen, die gaunze Wöd interessiert mi, åba nie tat i auswandern. Der Dachstein is mei Rückgrat.

 

Was ist denn an diesem Berg so Besonderes?

Steiner: I hob amoi beim Singen an Volkskundler kennen glernt, der sågt ma: Der Dachstein woar a heiliger Berg. Des is vaständlich, a so a Kalkmauer ragt do mittn außa ausn schensten Gebiet Österreichs. Hob ihn gfrågt, warum er des waß. Sågta, sie håb'n festg'stellt, dass auf jedem Punkt, wo Kapellen und kleine Gebetsstellen stehen, immer Blick auf den Dachstein is. Is jå hochinteressant. Net nur die Tibeter håb'n an heiligen Berg, mia a.

Zieht das nicht zu viele Menschen an?

Steiner: Jå, die Sportkletterer. Für die zöhlt nur die Nummerierung, der Schwierigkeitsgrad. De gehen jå goa net auf den Gipfel, die seilen sich sofort wieder ab. Ich bin bergsteigen 'gangen, weil I wissen woilt, wia's hint ausschaut. Die Schönheit war wichtig, nicht kundzutun, dass I guat klettern kaun. Es kumman jå a vül Esoteriker. Do woan amoi 400 Esoteriker in Filzmoos und hobn se die Bischofsmützn angschaut. De Filzmooser Wirtin håt zu mir g'sågt: Gäst' sans kane guatn, aber anstelln tan's a nix. De sitzn oiso do und lossn se bestrahlen. Angeblich is do ans der größtn Kraftfelder der Erde. I kaun des net bestätign, weil bei mia geht net amoi de Wünschelrutn. I muaß oiso gläubig sei.

 

Ihr langjähriger Lebens- und Jodelpartner Heli Gebauer ist vor wenigen Monaten ums Leben gekommen. Wie machen Sie denn weiter?

Steiner: Wir hob jå dort gsunga, wo uns des Herz aufgangan is. Waun's schee woa, hat aner aussa miassn. Jetzt suach i ma a paar Junge, weil allan jodeln des ist nix. Überhaupt, wenn I net singen und jodeln hätt kennan, hätt i net vül g'sengn von da Welt.

 

In Neuseeland waren Sie sogar...

Steiner: Jo, do sad's es no dem Beinvater nochgflogn! Im 56er-Jahr war des. Mit dem Schiff, weil Fliegen war zu teuer. Heut is umgekehrt. Zwei Mal zwei Monate nur Wossa und Himmel. Hin- und Rückfahrt mit am neuseeländischen Schiff, mit an Wiener Professor und Studenten. I warad a mit'm Teifel gfoan, weil I hon g'wisst, da kimm i sonst nimma hin. Sog i zum Professor: „Eine Jodlerin, wos Sie sich vorstelln, bin ich nicht. So a Salonjodlerin, so a Schnackelwerch. Bei mir is nix mit Akrobatik, i sing die reinen Volksjodler.“

 

Wie haben Sie denn Ihr Repertoire gefunden, all diese steinalten, zum Teil nirgends aufgezeichneten Jodler?

Steiner: Es gibt an Jodler, des is da „Kiahmülcher-Jodler“. Man sogt, des is da schönste Jodler vom Alpenland. Wer håt den g'måcht? Jede Stimm geht aunders, des is wia a Gebet. Wenn den mei' Vater in da Lodenwalcherei gsungan håt, is mir schon ols Kind kolt übern Buckel glafn. Do hon i ollwoil im Geist die Südwand g'sengn. Der Jodler is oba von hinterm Berg kumma. Mir hörn die Jodler, lernen s', aber wer die gsetzt håt, des war interessant, oba mir wissn's oft net. I sog oiwäul, der Jodler is die Kammermusik der Alpenländer. Und mir in da Steiermark haben besonders viel davon, weil wir immer weltlich regiert woan. Wir hob'n lustig sein dürfen mit de Grafen. In Österreich gibt's kein Moll in der Volksmusik.

 

Darüber hinaus diente der Jodler aber doch auch ganz praktischen Zwecken.

Steiner: Der Jodler ist bestimmt ein Ur-Ruf. Schon amoi verständigungsmäßig, weil Funkgeräte håt's früher jå keine gegeben. Ich kenn so an Ruf: „Liesl, kumm umma auf d'Nocht. I hätt' an schen Almerbuam.“ Alle Völker haben so was. Wir haben auch immer am Gipfel gejodelt. Aus überschäumender Lebensfreude. Und es gibt Rufe, die den Zweck haben, die Viecher zusammenzurufen. Die Kiah reagieren auf des, de san so musikalisch.

 

Geben Kühe nicht auch mehr Milch, wenn Sie Musik ausgesetzt sind?

Steiner: Mei Vater hot olwäu zu mia gsagt: Dirndl, geh auffe in Stall, sing, weil do geb'n die Kiah die Mülch lieber her. De haben aufg'hert zum Fressen, d'Lauscher aufgstellt und Blickrichtung zur Tür, wo I g'jodelt hab. Da hon I was Lustiges erlebt. Da ist die Nora Frey amoi auf die Ramsau kumman. I hon ihr Verschiedenes erzählt, a des von de Kiah, und dass in die modernen Ställe scho an Musikberieselung gibt. Sie hat brav alles g'sendet, nur ans nit. I hon g'sogt: „Wenn's en Ö3 hean, daun kriagatn's Euterkrämpfe.“ So vül Humor hat's net g'håbt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2007)


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2 Kommentare
 
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Von Gast: Reiseführer am 23.07.2007 um 20:28

Eiterkrämpfe

Lieber Herr Köck,

eine Freude, Ihr Artikel. In unseren Zeiten, wo ein Unwort wie "Event" für jede Menschen-Ansammlung ab 2 Personen in Gebrauch ist, ist`s mehr als nur unterhaltsam, Ihren sehr schönen bodenständigen Artikel zu lesen!

Wie gern wär ich mit Euch am Fusse des Dachsteins bei einer Speck und Mostjaus`n gsess`n und don hätt ma oiwei gschewad üba die mödungen vo dem griawign` Weibal`!

Ma muas oafoch guad zualos`n kinna...

Von Gast: Jeannie am 23.07.2007 um 15:55

"Die Steiner"

Lieber Herr Köck,
alle Achtung was Du aus diesem Thema alles rausgeholt hast und wie gut Du das mit dem Dialekt hingekriegt hast. Der Charme der alten Dame blieb durch Deine authentische Wiedergabe ihrer Antworten erhalten. Hat richtig Spaß gemacht es zu lesen.

 
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