
Stop. Eine schlichte schwarze Grenzlinie am Asphalt. „Linie queren, um sich weiblich zu fühlen“, steht daneben. Bitte? Mitten im Getümmel auf Wiens Gehsteigen? Wie reagieren? Stehen bleiben und grübelnd das eigene Gender-Bewusstsein schärfen? Ignorieren, fotografieren, zurückkehren, umgehen oder ausweichen – alles wird getan. Nur gefühlt scheint weniger zu werden. Das zeigt jedenfalls Stefan Wirnsberger in der Video- und Foto-Dokumentation seiner Aktion „Genderline“. Wobei es hier weniger feministisch zugeht, als bei dieser offensiven Strategie erst angenommen werden kann – es gibt ebenso Linien, nach deren Überschreitung man sich „männlich“ fühlen darf. Etwa am Trottoir vor dem Weiskirchnerstraßen-Eingang des Museums für angewandte Kunst.
Hier im ersten Stock zeigt bis 15.Juli die benachbarte Universität für angewandte Kunst wieder ihre „Essence“, die Jahresausstellung nicht unbedingt der aktuellen Diplomarbeiten, sehr wohl aber der besten Arbeiten – kuratorisch unterstützt von dem der Angewandten lehrend verbundenen Viennafair-Messechef Edek Bartz. Ein System, das sich schon die vergangenen zwei Jahre bewährt hat. Was heuer aber noch stärker spürbar wird, ist die mediale Offenheit der einzelnen Klassen. Gerade einmal Designer und Architekten scheinen durchgängig das zu tun, was auch drauf steht. Die „Genderline“-Aktion aber etwa stammt aus der Malerei-Klasse von Johanna Kandl.
Rasender Tierschweif aus der Weinkiste
Diese Offenheit überrascht und tut den Studierenden sichtlich gut: Die Skulptur-Klasse von Erwin Wurm zum Beispiel ist mit einer bestechend klaren konzeptuellen Klang-Installation in der gesamten Schau präsent: „Hört“ von Barbara Wegscheider vermisst die Halle, eine sonore Frauenstimme lässt die Augen den artikulierten Spannen neugierig folgen. So kann jeder Zentimeter des Raums zum Erlebnis werden.
Wie es auch einzelne, besonders schöne Stücke sind: Bei „Mantler“ von Foto-Student Benjamin Eichhorn wieselt so spekulativ wie faszinierend ein pelziger Tierschweif an einer Schnur aus einer Kiste vom Weingut Mantler die Wand hinauf und wieder zurück. Druckgrafikerin Karoline Riha webte aus bemalten, bedruckten, geprägten Papierstreifen den Teppich ihrer Großmutter nach, inklusive dem, was unter ihn gekehrt worden war. Und vor Peter Tilgs Bildschirm kann jeder einem anfänglich weißen Pferd seinen digitalen Fingerabdruck als hochindividuelles Zebra-Muster aufprägen.
Teils können Vorbilder nicht ganz verleugnet werden: Zwischen Rosa Roedelius Wäldchen aus lustvoll spielerischen Kleinplastiken aus Pappmaschee und „armen“ Fundstücken weht etwa eindeutig ein Hauch von Franz West. Und mit Hanno Schnegg, ebenfalls Klasse Attersee, und seinen menschenleeren, in den Perspektiven verwirrenden, retrofarbenen Räumen hat Wien plötzlich einen veritablen Leipziger Maler, nicht zwingend originell aber handwerklich sehr überzeugend.
Während die Akademie der bildenden Künste erst 2008 wieder zu einer großen kuratierten Ausstellung bittet und heuer nur für wenige Tage in den einzelnen Klassen verstreut ihre Diplomarbeiten präsentierte, hat die junge Galerie „Momentum“ hinter dem Museumsquartier für eine erstmalige Umarmung gesorgt: Bei „Skoop 07“ stellen alle neun aktuellen Diplomanden der Fotoklassen von Angewandte und Akademie, also von Gabriele Rothemann und Matthias Herrmann, gemeinsam aus. Was trotzdem zu medialen Grenzüberschreitungen führen konnte, wie etwa mit dem verstörenden Video von Roberta Lima, das die zarte Künstlerin fakir-gleich mit Fleischerhaken an ihrer eigenen Haut hängend zeigt.
Akzent auf das verborgen Erotische
Birgit Graschopf hat selbst verursachte Interferenzen beim Skypen fotografiert, Julia Müller-Maenher dokumentierte in Soweto die durch individuelle Eingriffe changierende Identität eines Fertigteilhauses. Am stärksten aber ist die dreiteilige Fotoserie von Hamid Reza-Tavakoli: Mit dem einzigen Erbstück seiner Großmutter, einem traditionellen Tschador, akzentuiert er an einem Modell genau das, was aufgrund zu irritierender Erotik in islamischen Staaten sonst mit genau diesem Schleier verhüllt werden soll: die Haare, die bloßen Arme, das Dekolleté. Allerdings ohne platt provozieren zu wollen, sehr sanft, sehr unaufgeregt, sehr alltäglich wirkend – mit einem völlig normal gekleideten Mädchen in einer wienerischen Seitenstraße. So wird das für die eine Kultur Enthüllte im Alltag einer anderen Kultur verborgen.
„The Essence 07“: kuratierte Jahresausstellung der Universität für angewandte Kunst, bis 15.Juli im MAK, Weiskirchnerstraße 3, erster Stock, Di. 10–24 Uhr, Mi–So. 10–18 Uhr. Achtung: Eintritt (4 bzw. 2,50 Euro) ist nicht im MAK-Eintritt inkludiert.
„Happy And“: Studierende der Malerei-Klasse von Johanna Kandl (Angewandte) stellen bis 15.Juli im Kunstraum Praterstr. 15 aus, Mi., Fr., Sa. 16–20h.
„Scoop 2007“: alle neun Diplomanden der beiden Fotografie-Klassen von Angewandter und Akademie stellen gemeinsam in der jungen Fotoeditionen-Galerie Momentum hinterm MQ aus, bis 14.Juli, Di.–Fr. 11–19h, Sa. 11–17h, Karl-Schweighofer-Gasse 12, Wien 7. Hier kann auch direkt gekauft werden, Preise: 400–2300 €. www.momentum.co.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2007)

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