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Sarkozy und die linke Lust an der Panikmache

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Frankreichs neuer Präsident ist weder Nero noch die europäische Ausgabe von Bush, sondern ein Pragmatiker.

Jetzt hat er also gewonnen, der Gottseibeiuns der französischen Linken und ihrer aufgeregten Nachgackerer. Was hatten sie nicht alles unternommen, um Nicolas Sarkozy, den neuen Präsidenten Frankreichs, ins äußerste rechte Eck zu drängen? Als die europäische Ausgabe des George W. Bush hatten seine Gegner ihn verunglimpft, als Neokonservativen, der eigentlich einen amerikanischen und keinen französischen Pass haben sollte. Kein Spaß, keine Übertreibung – so war es auf der Homepage des Parti Socialiste zu lesen. Bei jeder Gelegenheit brandmarkte die ach so sanfte Ségolène Royal ihren Konkurrenten als rücksichtslosen Polarisierer. Geradezu lustvoll malte sie brennende Vorstädte an die Wand, wenn Sarkozy, der neuzeitliche Nero, in den Elysée-Palast einziehen sollte.

In ihrem Wahlkampf war Royal vor allem damit beschäftigt, Angst vor Sarkozy zu schüren. Ihre programmatischen Vorstellungen blieben unklarer, als es in politischen Auseinandersetzungen ohnedies üblich geworden ist. Sie bot eine Art Blümchen-Sozialismus für Alt-Achtundsechziger und ihre politisch korrekten Nachfahren. In keinem einzigen zentralen Punkt gelang es Royal, ihre für europäische Verhältnisse steinzeitsozialistischen Genossen ins 21.Jahrhundert zu führen. So trommelte sie fröhlich für die Beibehaltung der 35-Stunden-Woche, anstatt Pläne für den Umbau des abbruchreifen französischen Sozialstaats zu unterbreiten.

Die Franzosen wählten Sarkozy sicher nicht, weil sie ihn sympathischer als Royal fanden. Sie stimmten für ihn, weil sie ihm am ehesten zutrauen, das Land wieder auf Vordermann zu bringen. Nach Jahrzehnten chronisch hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Wirtschaftswachstums hat es sich mehrheitlich ins Bewusstsein der Bevölkerung eingegraben, dass etwas schief läuft in Frankreich. Sarkozy hat bei der Präsidentenwahl reüssiert, weil er sich als Reformer präsentiert hat.

Natürlich muss man die Glaubwürdigkeit dieser Rolle in Frage stellen bei einem, der die vergangenen Jahre nicht auf der Oppositionsbank zugebracht hat, sondern als Mitglied von (gescheiterten) Regierungen. Sarkozy kommt nicht von einem anderen Stern, sondern aus dem Herzen der gaullistischen Regierungspartei. Doch verfolgt er seit Jahren schon deutlich andere Ziele als sein Parteifreund Jacques Chirac. Beim scheidenden Präsidenten waren ja unter all dem rot gefärbtem Herbstlaub kaum noch bürgerliche Wurzeln zu erkennen. In seinem verwirrten Endstadium agierte Gaullist Chirac wie ein lupenreiner Linker. Es war nicht schwer, sich rechts von ihm anzusiedeln. Dass Sarkozy zusätzlich, als Innenminister schon, den Scharfmacher gegen gewalttätige Migrantenkinder gab, trug widerwärtig populistische Züge, war aber einem Kalkül geschuldet: Er musste die rechte Flanke absichern, weil dort die Bataillone des Extremisten Jean-Marie Le Pen warteten. Die Rechnung ging auf: Le Pen schnitt so schlecht ab wie nie zuvor. Es ist ein Missverständnis, Sarkozy als rechten Ideologen einzustufen. Er ist ein Pragmatiker, der, sofern es ihm nützt, Probleme offen anspricht und sich ansonsten machttaktisch verhält. Deshalb ist auch nicht zu erwarten, dass er in Europa einen neuen Trend nach rechts auslöst.


Europas Konservative sind mindestens ebenso orientierungslos wie die Linke. Vor ein paar Jahren noch hätte man vielleicht glauben können, dass der Wirtschaftsliberalismus zum neuen Leitbild wird. Doch in unverwässerter Form kommt das beim europäischen Wohlfahrtswähler nicht an – Beispiel Angela Merkel: So liberal ihre Agenda auch gewesen sein mag, nach dem bescheidenen Abschneiden ihrer CDU bei der letzten Bundestagswahl legte sie als Bundeskanzlerin einer Großen Koalition schnell sozialstaatliches Rouge an.

Es sind nur noch wenige Duftmarken, die sich, je nach landesspezifischer politischer Umgebung, für eine Akzentuierung rechter Politik eignen. Ein bisschen Nationalstolz da, ein wenig Law&Order dort und über allem schwebend wirtschaftspolitische Reformrhetorik. Von Werten oder gar von Religion zu sprechen war im Gegensatz zu den USA auf dem Alten Kontinent mit der Ausnahme Polens nie wirklich en vogue. Zu breit strömt der Mainstream, in dem linke und rechte Volksparteien nach Wählern fischen, in das Meer europäischer Toleranz, Liberalität und Beliebigkeit – seicht und angenehm warm wie in einer Badewanne. Wertemäßig hat der Klimawandel in Europa seit der Erosion der Religion längst stattgefunden. Nicolas Sarkozy wird die europäische Durchschnittstemperatur nicht senken.

Sarkozy und Europas Rechte Seiten 1 bis 3


christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2007)


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17 Kommentare
 
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Von Gast: nick4722 am 08.05.2007 um 19:23

@Wirtschaftsliberalismus

Wenn man sich schon so dafür begeistert, dann aber bitte ganz: 1000% Erbschaftssteuer. Ein Grundforderung des Lieberalismus im 19. Jhdt. Seltsam, dass man das heute im Zusammenhang mit "Neoliberal" nie hört - warum wohl ?

Antworten Von Franziska Malatesta am 09.05.2007 um 10:33

Re: @Wirtschaftsliberalismus

Bitte um Präzisierung: Welcher "Lieberale" hat im 19. Jh. 1000% Erbschaftssteuer gefordert? (Quellenangabe) Meines Erachtens ist der Respekt vor dem Privateigentum und der Widerstand gegen Übergriffe der Regierungen Fundament des Liberalismus.

Antworten Antworten Von Gast: nick4722 am 09.05.2007 um 20:21

Re: Re: @Wirtschaftsliberalismus

z.B John Stuart Mill. Grundlage des Liberalismus bildete der EIGENE Fleiss, nicht der ererbte. Schon traurig dass man 2 Jhdt nach Abschaffung des Adels wieder so weit ist, dass es die wichtigste Leistung im Leben eines Menschen zu sein scheint in welchem Bett man zur Welt gekommen ist. Eben DAS wollte der Liberalismus unter anderem NICHT, sondern Belohnung der eigenen Anstrengungen, basierend auf (idealerweise) gleichen Ausgangsbedingungen.

Antworten Von freeman am 08.05.2007 um 20:55

Interessant,

daß man heutzutage kaum noch von der Dampflok als Mittel zur Lösung von Verkehrsproblemen hört - dabei bildete die doch im 19. Jahhundert das Rückgrat des Transportwesens - warum wohl?


Von typhon typhoon am 08.05.2007 um 12:42

die dritte Wahlrunde?

glaubt diese Segolene wohl im Ernst, dass
1.) die Krawallos sozusagen die 3. Wahlrunde einläuten, um die Wahl zu ihrer Gunsten umzumodeln
2.) die offenen Sympathiebekundungen dieser Feuerteufel (diese wacheln u.a. ihr Bild bevor sie wieder einmal einen Kleinwagen in Brand stecken) sie als grosse demokratische Staatsfrau mit europ. Zuschnitt ausweisen?
3.) ausgerechnet sie den Schlüssel zur Lösung der sozialen Probleme im Banlieu besitzt? Die besten Resozialisierungsprogramme helfen gar nichts, wenn man sie nicht nützt bzw. nur zum Faulsein missbraucht! Die beiden Kids im Umspannwerk damals vor einem Jahr waren noch im Pflichtschulalter. Wie können die schon so von der Arbeitlosigkeit dort desperat gewesen sein?

Von ujvar am 08.05.2007 um 10:05

Danke für diesen Politial Inkorrekten Beitrag

Heute hat Herr Ultsch recht, man liest es zu selten. Die veröffentlichte Meinung ist so was von liberal, beliebig, dass es eine ernstere Kränkung Andersdenkender gar nicht gibt. Wer selbst an nichts glaubt, lääst auch nichts gelten und behängt seine Leere mit dem schäbigen, löchrigen Mantel der Liberalität.
Nur in diesem Punkte schmerzt uns manche gut meinende islamische Kritik: Wundert Euch nicht über unsere Erfolge, wenn den Glauben und Werte als Mode anseht.

Antworten Von freeman am 08.05.2007 um 11:25

Liberal?

Bestenfalls im US-amerikanischen Sinne des Wortes...


Von Gast: seneca am 08.05.2007 um 09:15

Demokratieverständnis

Das eigentliche Problem der Linken ist ihr mangelndes Demokratieverständnis, das sich jetzt sehr deutlich offenbart. Aber wahrscheinlich ist das normal bei einer Ideologie, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt. Hinter der zur Schau getragenen Toleranz der Linken steckt eben nicht geringes Maß an totalitärem Denken.

Von humbertomaturana am 08.05.2007 um 03:49

"Toleranz, Liberalität und Beliebigkeit"

Man könnte fast meinen, Herren Ultsch wären Toleranz und Liberalität ein Dorn im Auge? Deren Fürsprecher werden in diesem Artikel quasi als "Warmduscher" verunglimpft. Man kann sich nur wundern.

Antworten Von Ayan Hirsi Ali am 08.05.2007 um 11:57

Re:

man sollte zwischen toleranz und selbstzerstörung sowie liberalität und beliebigkeit schon unterscheiden können !

europa hat genug von dem linken selbsthass und will endlich wieder sowas wie ein allgemein akzeptieres kulturelles selbstbewußtsein. das ist unsere einzige chance von totalitären ideologien wie dem islam nicht hilflos überrannt zu werden !

Antworten Antworten Von Aaron Fishhof am 08.05.2007 um 13:51

Re: Re:

Was verstehen Sie unter Kulturelles Bewußtsein?

Christliches Abendland mit Kreuzritter-Mentalität?

Haben Sie eigentlich DOCH einen unpassenden NICK gewählt oder doch?

Salem á leikum!

Armin Kolovrat vom Berg der Freude

Antworten Antworten Antworten Von Ilse Albrecht am 10.05.2007 um 16:29

Re: Re: Re:

Hassen Sie sich eigentlich? Sie schreiben immer nur n e g a t i v e Beiträge. Wenn Ihnen Europa nicht gefällt, könnten Sie doch in den Maghreb auswandern. Vielleicht finden Sie dort, was Sie hier vermissen.
Vertrottelt!!

Antworten Von freeman am 08.05.2007 um 07:36

Er setzt "europäisch" davor,

denn die aktuelle "europäische" Version dieser Tugenden hat mit den ursprünglichen Begriffen nur mehr den Namen gemein.

Die heutige europäische Intelligenzia würde ganz "liberal" sogar die Nazis "tolerieren", wenn sie nur auf das allzu auffällige Hakenkreuz verzichteten.

Von Gast: Christian am 07.05.2007 um 22:51

N. Sarkozy erinnert ein wenig an Altkanzler Schüssel

Es ist also nicht ganz richtig zu sagen: "Zu breit strömt der Mainstream, in dem linke und rechte Volksparteien nach Wählern fischen, in das Meer europäischer Toleranz, Liberalität und Beliebigkeit – seicht und angenehm warm wie in einer Badewanne ... Schüssel und jenen Ministern, die für den Erhalt von Werten eintraten, wurden von der Vereinten Linken und der Journalistik sehr schnell das Mäntlein der "Altmodischheit" und der "sozialen Kälte" umgehängt, die Reformbestrebungen konterkariert und der alten Regierung, wo es nur ging, ein Bein gestellt. Erstaunlicherweise sind Schüssel immer noch eine Menge von Reformen gelungen, die andere (meist rot dominierte Regierungen) auch in Jahrzehnten nicht zustande gebracht hätten. Auch der wirtschaftliche Aufschwung des Jahres 2006 kam nicht von ungefähr. Alles in Allem hatten wir (im Gegensatz zu den Franzosen) mit unserer Regierung Glück, und es ist mir noch jetzt ein Rätsel, wieviele Österreicher den hochbegabten Schüssel abwählen konnten!

Antworten Von Ilse Albrecht am 10.05.2007 um 16:33

Re: N. Sarkozy erinnert ein wenig an Altkanzler Schüssel

Seit der Performance der jetzigen Regierung bereuen das auch viele "Falschwähler".

Antworten Von typhon typhoon am 08.05.2007 um 12:47

Re: N. Sarkozy erinnert ein wenig an Altkanzler Schüssel

stellt sich die Frage, wer eigentlich die konservativste Strömung in Ö ist. Unschwer zu erkennnen die SPÖ!
Medienliberalisierung: man glaubt es heute kaum, es war die FPÖ
EU-Integration: ÖVP: es gab damals sogar heftigen Widerstand in der SPÖ (u.a. Lanc, der damaligs Juso Chef Cap (na sein Bruder, arbeitet jetzt angeblich in einem internat. Konzern))
Ökolog. Reformen: Grüne
Bundesheermodernisierung: Eurofighter-Kasperltheater von Darabos!!

Antworten Von Gast: Insider am 08.05.2007 um 09:47

Re: N. Sarkozy erinnert ein wenig an Altkanzler Schüssel

Schüssels Stolperstein war die Trägheit seiner Wähler. Die Franzosen werden hoffentlich wachsamer sein.

 
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