Ganz Europa liegt im Obama-Fieber. Der Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten löst eine Begeisterung aus, von der seine grauen Zunftgenossen auf dem Alten Kontinent nur träumen können. Welcher europäische Politiker wäre imstande, in der Fremde zehntausende Zuhörer anzulocken, wie das nun Barack Obama (bei Schönwetter) vor der Berliner Siegessäule gelingen wird? Nicht einmal Kolping-Heime könnten die meisten Amts- und Anzugträger jenseits ihrer eigenen Landesgrenzen füllen, wobei vermutlich auch John McCain Probleme hätte, über Dorfplatzgröße hinauszukommen.
Man wäre nicht wirklich gespannt, was einem die Merkels, Faymanns und Molterers zu sagen hätten, rechnete mit öden Technokratenformeln oder vorgestanzten Polemiken. Zugegeben: Auch Obama bleibt oft wolkig, wechselt Positionen wie der Wind die Himmelsrichtung. Doch er reißt mit, die meisten seiner Berufskollegen ziehen einfach nur runter. Vorwahlkämpfe sind da ein gutes Aufputschmittel, das zeigte sich auch in Frankreich. Sie entfachen Interesse für Politik und eignen sich als Ausleseverfahren, um Langweiler und Dummschwätzer auszusieben. Aber das erklärt den Unterschied noch nicht.
Eine der Errungenschaften Obamas ist, dass er in seiner kurzen Karriere die politische Rede zu neuem Leben erweckt hat. Als er sich etwa grundsätzlich zur Rassenfrage äußerte, haben sich abertausende Menschen rund um den Globus die seitenlange Niederschrift der Rede aus dem Internet heruntergeladen. Mittlerweile sind Hörbücher mit den Ansprachen des Senators aus Illinois erschienen. Erstaunlich nach Jahrzehnten, in der Politiker sich und ihr Publikum auf schmale fernsehgerechte Kost, auf Soundbites, abgerichtet haben.
Plötzlich bricht da eine Sehnsucht nach größeren Zusammenhängen durch, wenn sie mit Leidenschaft vorgetragen sind. Und Obama ist eben nicht nur ein Meister des gesprochenen Worts, er nützt diese Fähigkeit, um zu differenzieren. Das unterscheidet ihn von US-Präsident Bush, der eingestand: „Ich mache keine Nuancen.“ Es hebt ihn von hiesigen Geisteszwergen ab, denen nichts anderes übrig bleibt, als zum Dreschflegel zu greifen, weil ihnen für eine elegantere Auseinandersetzung die Worte fehlen.
Dem überwiegenden Teil europäischer Politiker mangelt es an beidem: an rhetorischem Talent und am Mut zum Pathos. Das mag kulturell bedingt sein: Amerikaner werden schon in guten Kindergärten und Schulen zur selbstbewussten Rede erzogen. In Österreich erlernen dieses Handwerk nicht einmal angehende Juristen, außer sie belegen ein entsprechendes Wahlfach. Partei- und Gewerkschaftsakademien sind die einzigen Institutionen, die Redner heranbilden. Die Ergebnisse sind nicht überzeugend. Obama übrigens hat sich Tricks von seinem Prediger abgeschaut; auch das wäre hierzulande nur wenig beflügelnd.
Pathos ist in Europa, mit der Ausnahme Frankreichs, tabu. Schade, denn dadurch vergeben Politiker die Chance, Botschaften, wenn sie denn welche hätten, emotional aufzuladen. Stattdessen sprechen sie hartnäckig Regionen des Gehirns an, die nahe dem Schlafzentrum angesiedelt sind.
Überhaupt haftet in Österreich und Umgebung dem Redner der Ruf des Verführers und Rosstäuschers an. Das hat vermutlich mit schlechten rauschhaften Erfahrungen in der jüngeren Geschichte zu tun, aber auch mit einer Tradition des Obrigkeitsdenkens, die sich zu einer völlig unterentwickelten Debattenkultur versulzt hat.
Es gibt noch etliche andere Facetten, die Obama herausstechen lassen: vor allem seine authentische Natürlichkeit. Er inspiriert durch sein Leben, tritt als zuversichtlicher Versöhner auf, wie ein völkerverbindender Koloss, der mit einem Bein im Amerika seiner weißen Mutter und mit dem anderen im Afrika seines schwarzen Vaters steht. Mit seinen 46 Jahren ist Obama der erste große Politiker, der dem Lebensgefühl einer neuen Generation Ausdruck verleiht, die mit den Kulturkämpfen der 68er nichts mehr am Hut hat. In einer Zeit angepasster Erstarrung spricht er wieder von Wandel. Das hat man mit dieser Überzeugungskraft schon lange nicht gehört. Obama hat einen coolen Spartakus-Aufstand der Café-Latte-Trinker und iPod-Hörer ins Rollen gebracht. Natürlich nervt sein Messiasgehabe. Natürlich wird auf die Euphorie die Enttäuschung folgen, wobei das jetzt schon so viele Kommentatoren geschrieben haben, dass die Enttäuschung gar nicht mehr so groß sein kann.
Egal, ob Obama die Wahl gewinnt: Er wird Legionen Nachahmer finden. Bitte kopiert mehr als nur seinen Slogan! „Yes, we can“ zu säuseln, ist zu wenig.
Das Phänomen Obama Seiten 1 und 2
christian.ultsch@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2008)





US-Automarkt brach im Dezember weiter ein
Skiunfall: Spitzenpolitiker Althaus ohne Erinnerung
Madoff-Skandal: Schwere Pannen der US-Aufsicht


RSS