Gemeint ist offenbar die Zeit kurz nach dem Bosnien-Krieg (1992-95), als in Belgrad noch das Regime von Slobodan Milosevic an der Macht war. Karadzic tauchte 1996 unter. In Serbien habe damals "eine für ihn (Karadzic) günstige politische Atmosphäre" geherrscht. "Es ist offensichtlich, dass er sein Parallelleben vor geraumer Zeit zu leben begonnen hat", sagte Vukcevic der Tageszeitung "Vecernje novosti" (Donnerstag-Ausgabe).
Der Belgrader Sender B-92 hatte am gestrigen Mittwoch berichtet, der Personalausweis sei in der Vojvodina-Kleinstadt Ruma - also in Serbien - ausgestellt worden. Demnach gab sich Karadzic als "Dabic" als Serbe aus der kroatischen Krajina aus.
Echter Dragan Dabic lebt noch
Der echte Dragan Dabic soll noch am Leben sein. Aus dem serbischen Innenministerium hieß es: "Ein solcher Mann lebt weiterhin, was bedeutet, dass von Karadzic ein gefälschter Personalauweis benutzt wurde."
Belgrader Medien berichteten am Mittwoch, dass es sich bei Dragan Dabic, auf dessen Namen der Personalausweis Karadzics lautete, um einen im Jahr 1954 in Sarajevo geborenen bosnischen Serben gehandelt habe, der 1993 gestorben sei. Gojko Vasic, Polizeifunktionär in Banja Luka, betätigte gegenüber Tanjug, dass in einem älteren Verzeichnis der Personaldokumente der Republika Srpska ein gewisser Dragan Dabic entdeckt worden sei, der inzwischen verstorben sei.
Andererseits wurde von serbischen Medien gerade in Ruma, wo der von Karadzic benutzte Personalausweis ausgestellt worden sei, ein Mann entdeckt, der Dragan Dabic heißt und mit Karadzic keine Ähnlichkeit hat. Dabic ist kein seltener Familienname und kommt besonders häufig unter Krajina-Serben vor.
Wird Anklageschrift geändert?
Die Anklageschrift des UNO-Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) wird von den Haager Anklägern inzwischen nach der Festnahme Karadzics erneut analysiert. Man wolle feststellen, ob es Gründe gibt, die Anklage zu ändern bzw. duch in den letzten Jahren gesammelte Beweise zu untermauern, erklärte Olga Kavran, Sprecherin der Tribunalsanklage.
Die erste Anklage wegen Kriegsverbrechen gegen Karadzic war im Juli 1995 erhoben worden, im November jenes Jahres folgte auch eine Anklage wegen des Völkermords in Srebrenica, wo im Sommer 1995 rund 8.000 bosnische Muslime (Bosniaken) von Truppen der bosnischen Serben ermordet worden waren. Im Jahr 2000 veröffentlichte die damalige Haager Chefanklägerin Carla del Ponte dann eine zusammengefasste Anklage. Dieses Dokument soll nun zumindest die Grundlage für das geplante Gerichtsverfahren gegen Karadzic vor dem ICTY darstellen. Sollten die Ankläger Änderungen vornehmen, müsste dies vom Tribunalssenat bestätigt werden.
Wieder Demonstrationen von Anhängern
Vukcevic wies Spekulationen und die angebliche Behauptung Karadzic' selbst zurück, wonach Karadzic bereits am Freitagabend in einem städtischen Bus im Belgrader Vorort Batajnica festgenommen worden sei. Serbische Boulevardmedien brachten am Donnerstag auch Angaben einer angeblichen Zeugin der Festnahme. Vukcevic: "Das ist eine Spekulation wie viele andere auch." Der mutmaßliche Kriegsverbrecher wurde laut offiziellen Angaben am Montagabend in der Umgebung von Belgrad verhaftet.
Der Anwalt von Karadzic, Svetozar Vujacic, kündigte an, dass er Anzeige gegen Unbekannt wegen "Entführung und gesetzwidrigem Festhalten von Karadzic von 18. bis 21. Juli" erstatten wird. Demnach wurde Karadzic bereits am Freitagabend (18. Juli) und nicht erst - wie von Belgrad offiziell angegeben - am Montagabend festgenommen. Dafür gebe es auch Zeugen, sagte Vujacic.
(APA/Red.)
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