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Obama in Berlin: Sehnsucht nach dem guten Amerikaner

24.07.2008 | 18:05 |  Von unserem Korrespondenten THOMAS VIEREGGE (Die Presse)

Der Kandidat präsentierte sich wie ein Bilderbuch-Präsident: locker, charmant und dynamisch. Aber er fordert von Europa auch einen stärkeren Beitrag im weltweiten Anti-Terror-Kampf.

berlin. Die Bühne vor dem Rondell der Siegessäule war in ein zartes Himmelblau gekleidet: Eine perfekte Inszenierung in der Farbe der US-Demokraten. Und es schien beinahe so, als könnte kein Wölkchen den Auftritt Barack Obamas trüben. Der Himmel über Berlin strahlte passend in Blau-Weiß. Nur am späten Nachmittag, als bereits die ersten Scharen zur „Fanmeile“ zum politischen Public Viewing pilgerten und zwei Bands als Vorgruppen vor dem eigentlichen Polit-Popstar aufspielten, da zog es dann ein wenig zu.

Seit den Tagen eines John F. Kennedy, der im August 1963 in offener Limousine durch die geteilte Stadt rollte, hat Berlin so etwas nicht mehr erlebt. Hunderte neugierige Berliner und Touristen belagerten stundenlang das Hotel Adlon. Dort, an der ersten Adresse der Hauptstadt mit dem Luxus-Blick aufs Brandenburger Tor, stieg Obama samt seiner Entourage ab. Alle wollten sie einen Blick auf den Hoffnungsträger erhaschen und bejubelten ihn wie einen politischen Messias, der über den großen Teich wandelt.

Die Wagenkolonne mit dem weißen Chevrolet-Geländewagen, in dem er saß, rauschte aber beim Hintereingang des Hotels vor, vis-à-vis vom Holocaust-Mahnmal, das Obama später noch aufsuchen sollte. Vor seinem Abflug nach Berlin hatte er im Morgengrauen ja auch noch die Klagemauer in Jerusalem besucht und – wie es Usus ist – einen Zettel in eine Ritze gesteckt. Der Gebetswunsch blieb vorerst indes geheim.


Posen des Kandidaten

Zu Mittag schallten ihm in Berlin zaghafte „Yes we can“-Rufe entgegen, und er winkte lässig lächelnd zurück. Solche Posen gehen dem Präsidentschaftskandidaten nach dem zähen, einjährigen Vorwahlkampf inzwischen ganz leicht von der Hand. Dabei begrüßte ihn bereits ein Transparent an der Rückseite der DZ-Bank, zwischen US-Botschaft und Adlon gelegen: „Obama for President“. Rund um die Siegessäule machte sich auf T-Shirts Obamas Slogan breit: „Change we can believe in.“

So empfinden drei Viertel aller Deutschen: Obama ist für sie die Inkarnation des guten Amerikaners. Nur ein einziger Obskurant in der Menschenmenge vor dem Kanzleramt sprach sich für alle sichtbar für Obamas republikanischen Gegenkandidaten aus. Auf seinen verschlissenen Regenschirm hatte er selbst gefertigte McCain-Schilder appliziert. „Der ist in Vietnam sechs Jahre im Gefängnis gesessen – genug Zeit, um sich zu überlegen, die Truppen aus dem Irak zurückzuziehen und den Krieg zu beenden“, lautete die Argumentation des Pazifisten.

Den Gefallen werden ihm allerdings weder McCain noch Obama so schnell tun. Immerhin hat der demokratische Bewerber einen Abzug der US-Truppen aus dem Irak bis 2010 in Aussicht gestellt. Stattdessen will er das Engagement in Afghanistan forcieren und bei der Jagd nach den Fundamentalisten auch vor der pakistanischen Grenze nicht halt machen.


Wenig Gegenliebe – mehr Mittel

Am Nachmittag waren bereits die ersten Details seiner Rede durchgesickert. Für die Insider wenig überraschend fordert Obama von Europa einen stärkeren Beitrag im weltweiten Anti-Terror-Kampf, was zumindest in Deutschland nicht auf große Gegenliebe stößt. Die Bundeswehr ist im eher ruhigen Norden Afghanistans im Einsatz und soll im Herbst noch einmal um 1000 Soldaten aufgestockt werden. Damit, so der allgemeine Tenor in Berlin, hat Deutschland seine Schuldigkeit getan.

Neben der Beschwörung der engen transatlantischen Bindungen und der deutsch-amerikanischen Freundschaft ging es Obama als Newcomer in der Weltpolitik vor allem darum, außenpolitische Kompetenz auszustrahlen und ein Signal zu setzen, die europäischen Alliierten künftig – anders als George W. Bush – stärker in Entscheidungen Washingtons einzubeziehen. Mit seiner einwöchigen Wirbelwind-Tour in Kabul, Bagdad oder in Jerusalem hat er dies unter Beweis gestellt – und dabei nicht nur auf dem Basketballplatz beim Einwerfen mit US-Soldaten eine gute und geschmeidige Figur bei einem Dreipunkt-Wurf gemacht.

Nicht nur damit ist er seinem Konkurrenten weit voraus, der bedingt durch schwere, bei der Folter in „Hanoi Hilton“ erlittene Verletzungen seine Arme nicht mehr über den Kopf heben kann. Inzwischen gibt Obama die Außenpolitik-Themen vor. Sein Vorschlag nach harten Direktverhandlungen mit dem Iran hat mittlerweile sogar Bush übernommen.

Vielleicht hat Barack Obama, der Multi-Kulti-Kandidat aus dem Surfer-Paradies Hawaii, in Berlin auch seine Skeptiker wie jene drei Münchner Zaungäste vor dem Kanzleramt überzeugt. „Jetzt schauma uns amol sein G'sicht an. Der is jo no nix“, grummelte einer, während er an seiner Zigarre paffte. „Oh, Bama“, spöttelte ein anderer. Und ein dänischer Tourist fand: „Viel Wirbel für einen Kandidaten.“ Kommentar Seite 31

NEUE AUSSENPOLITIK

Irak. Obama hat angekündigt, innerhalb von 16 Monaten die US-Kampftruppen aus dem Irak abzuziehen. Nur einige US-Basen sollen bestehen bleiben.

Afghanistan. Die im Irak frei werdenden Kapazitäten sollen nach Afghanistan umgeleitet werden. Obama will die US-Truppen am Hindukusch um 7000 bis 10.000 Mann aufstocken.

Europa, Nato, UNO. Im Unterschied zu Bush setzt Obama klar auf internationale Zusammenarbeit in der Außenpolitik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2008)


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