Pjöngjang/Tokio. Die USA wollen offenbar einen lästigen Feind loswerden. Die Regierung in Tokio wurde davon unterrichtet, dass Präsident Bush Nordkorea nun endgültig von seiner Liste der Schurkenstaaten streiche.
In Aussicht gestellt hatten die USA dies schon vor Monaten. Doch die Angelegenheit verhakte sich zunächst. Das Atomabkommen mit Pjöngjang begann zu bröckeln, die Nordkoreaner bauten wieder ihre Atomanlagen auf.
Die nunmehrige Geste der Amerikaner soll das Abkommen zur Entnuklearisierung Nordkoreas und damit einen der wenigen außenpolitischen Erfolge Bushs retten. Ob die USA Kim Jong-Il wirklich nicht mehr als gefährlich einstufen, steht auf einem anderen Blatt Papier.
Nach Informationen der südkoreanischen Zeitung „Chosun Ilbo“ haben die Nordkoreaner nun im Gegenzug angeboten, den Abbau seiner umstrittenen Atomanlagen wieder aufzunehmen. In Tokio wurde bisher lediglich bestätigt, dass der Deal während des jüngsten Pjöngjang-Besuches von US-Chefunterhändler Christopher Hill ausgehandelt wurde. Details des Kompromisses würde Washington bekannt geben, sobald Präsident Bush die Entscheidung gebilligt habe. Japan und Südkorea haben erhebliche Zweifel, dass ein Persilschein für Kim berechtigt wäre.
Bau neuer Atomsprengköpfe?
Nach Einschätzung des südkoreanischen Generalstabschefs Kim Tae Young entwickelt Pjöngjang einen leichten Atomsprengkopf für seine Mittelstreckenraketen. Vor einem Parlamentsausschuss sagte der Militär, Nordkorea verfüge bereits über 40 Kilogramm angereichertes Plutonium, das für sechs bis sieben Atomwaffen reiche. In dieser Woche hatten Nordkoreas Streitkräfte bereits zwei neue Raketen kurzer Reichweite über dem Gelben Meer getestet.
Nach Erkenntnissen des südkoreanischen Geheimdienstes werden gegenwärtig weitere Tests vorbereitet. Die USA wissen schon seit fünf Jahren, dass Pjöngjang atomare Sprengkörper testet. Bisher waren diese allerdings zu schwer, um mit einer Trägerrakete abgeschossen zu werden. Seouls Geheimdienste wollen herausgefunden haben, dass mindestens zehn Kurzstreckenraketen auf eine Abschussbasis an der nordkoreanischen Westküste verlegt wurden.
Streit um Reaktor Yongbyon
Mitte September hatten südkoreanische Medien berichtet, dass Nordkorea auch Triebwerkszündungen für Interkontinentalraketen erprobt. Pjöngjangs stärkstes Geschoss vom Typ Taepodong-2 könnte nach Einschätzung des US-Militärs im Falle der technischen Perfektionierung nukleare Sprengköpfe bis auf das Gebiet der USA tragen. Besorgnis hat in Tokio und Seoul auch die Mitteilung der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien ausgelöst, dass die Regierung in Pjöngjang die komplette Nuklearanlage Yongbyon für UN-Kontrolleure gesperrt hat. IAEA-Kontrolleure dürften den Atomkomplex nun überhaupt nicht mehr betreten. Vor zwei Wochen war ihnen bereits der Zugang zur Atomaufbereitungsanlage verwehrt worden.
In der Vergangenheit hat das nordkoreanische Regime solche Maßnahmen stets ergriffen, wenn es die USA zu Zugeständnissen erpressen wollte. Auch Raketentests werden in der Regel stets in Zeiten erhöhter Spannungen oder schwieriger Verhandlungen abgehalten, wenn Pjöngjang eine harte Linie demonstrieren will.
Das US-Außenministerium führt die „Liste der staatlichen Unterstützer des Terrors“. Staaten, die sich auf dieser Liste wiederfinden, unterliegen Exportbeschränkungen, einem Waffenexportverbot und Entwicklungshilfe-Beschränkungen. Derzeit stehen noch fünf Länder auf dieser Liste:
■Kuba: Seit 1. März 1982
■Iran: Seit 19. Jänner 1984
■Nordkorea: Seit 20. Jänner 1988
■Sudan: Seit 12. August 1993
■Syrien: Seit 29. Dezember 1979
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2008)





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