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Aggressive Ignoranz

10.10.2008 | 18:35 |  MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

In der gegenwärtigen Krise gibt es für die nationale Politik wenig zu tun, aber mehr als genug zu reden.

Wenn die Sonne der Finanzmärkte tief steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten, könnte man in Abwandlung eines berühmten Karl-Kraus-Wortes sagen. Was wir derzeit aus dem analytischen Epizentrum der globalen Finanzkrise, der Reichs- und Hauptstadt Wien, an politökonomischer Expertise zu hören bekommen, kann es, was die Länge der Schatten anlangt, mit der Wall Street und der City of London locker aufnehmen.

Weil die österreichische Politik zum Löschen des Brandes aus eigener Kraft absolut nichts beitragen kann, wird der Krisendiskurs von der öffentlichen Befriedigung ideologischer Bedürfnisse dominiert. Vor allem Expolitiker mit ökonomischen Biografieanteilen und Ökonomen mit politischen Ambitionen erklären von Wien aus der Finanzwelt, dass ihr Ende vorausgesehen und verhindert hätte werden können. Von Wien aus.

Denn dass der Neoliberalismus, der Finanzkapitalismus und die übrigen im institutionellen Finanzbestiarium verzeichneten Kreaturen am Ende sind, hätte man in Wien sicher früher erfahren können als sonst wo auf der Welt. Der österreichische Gewerkschaftsbund scheute in seinem wissenschaftlichen Eros, der ganz auf den Nachweis der moralischen Verderbtheit und Untergangsgewissheit des Finanzkapitalismus gerichtet war, auch den Selbstversuch nicht. Trotzdem wurde Fritz Verzetnitsch nicht mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet.


Wenn man also die Herren Vranitzky, Androsch und Lauda hört, lauter Leute, die politisch und wirtschaftlich nicht erst ein Mal bewiesen haben, wie's geht, kann man nur hoffen, dass Heinz Fischer sich doch noch für ein überparteiliches Expertenkabinett entscheidet. Dieses Kabinett würde innerhalb kürzester Zeit ein Manifest wider den Neoliberalismus verfassen, das von den Turbokapitalisten Molterer, Schüssel, Gusenbauer, Buchinger, Haider und Neugebauer öffentlich vorgetragen und mit dem Satz „Ich widersage“ beendet werden muss. Dann wird es mit Zweidrittelmehrheit in den Verfassungsrang erhoben.

Wenn Sie der Meinung sind, dass man mit der schwersten Finanzkrise seit den 30er-Jahren keine Scherze treiben soll, kann ich nur sagen: Ganz bei Ihnen. Leider wird aber derzeit genau das getan: Weil man nicht weiß, was man tun soll – und zwar aus guten Gründen, denn es gibt für Österreich derzeit nichts zu tun –, überlegt man sich eben, was man sagen soll. Also sagt man, was nun zu tun sei, sei der ideologische Widerruf. Wenn schon, denn schon: Am Beginn der eben erst im Platzen befindlichen Blase stand eine ideologisch motivierte Geldschwemme der US-Notenbank. Vielleicht werden bald Bill Clinton und Alan Greenspan zum parlamentarischen Untersuchungsausschuss nach Wien zitiert?

Dass die neuen starken Männer von SPÖ und ÖVP, Werner Faymann und Josef Pröll, abgesehen von der Mitwirkung am Beschluss der vollständigen Einlagensicherung zur internationalen Finanzkrise, noch nichts gesagt haben, ist ein gutes Zeichen: Sie wissen über ihre Rolle Bescheid.


Dass es für Österreich bei der Bekämpfung der gegenwärtigen Krise nichts zu tun gibt, stimmt allerdings auch nur mit Blick auf den nationalen Aktionsradius. Die wichtigste Aufgabe österreichischer Politiker ist derzeit die aktive Mitwirkung an der Schaffung finanzpolitischer Strukturen auf europäischer Ebene. (Obwohl das eine ziemlich massive Änderung der europäischen Realverfassung wäre, bleibt zu hoffen, dass sich der künftige Bundeskanzler Werner Faymann zum Verzicht auf eine einschlägige Volksabstimmung bewegen lässt.)

Wenn man sich über die einzigen konkreten Möglichkeiten des Agierens – Vermittlung von Vertrauen und Mitwirkung in Europa – in der Gegenwart hinaus auch mit der Reflexion der Vergangenheit beschäftigen will, sollte man das gleich mit Blick auf die nächste Zukunft tun, denn da gibt es jede Menge zu tun für die nationale Politik. Und einer der Gründe dafür, dass man in der Rezessionsphase die Defizite für die Investitionen in Infrastruktur, Forschung und Bildung besonders stark ausdehnen wird müssen, ist, dass man die windfall profits der vergangenen Boomjahre verjuxt hat.

Die derzeit kursierende These, dass man zum Übertauchen dieser Krise ausgerechnet jene Regierungsform wieder installieren sollte, die für die ungenügende Vorbereitung auf das angeblich so absehbare Platzen der Bubble verantwortlich ist, zeugt von einer relativ aggressiven Spielart der Ignoranz gegenüber der Wirklichkeit.


michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2008)


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15 Kommentare
 
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Von Gast: Bösewicht am 15.10.2008 um 17:32

DANKE PRESSE


Bisher musste ich immer auf der Heimseite von Abg Klement nachlesen, wenn mir nach Horror war.

Wo lernt man nur diesen Schreib-un-stil?


Von Gast: Manioc am 13.10.2008 um 17:51

Doch, doch

Die österreichische Politik könnte sehr wohl etwas gegen die Krise tun, aber sicher ist da nichts darunter, dem man als Vertreter der Industrie und des Kapitals ohne Einschränkung zustimmen könnte.
Und damit stimmt natürlich, was Fleischhacker sagt.

Persönliche Haftung für Aufsichtsräte, nicht für Vorstände wäre schon mal etwas.
Vorstände sind Angestellte, die muß man entlassen (unter Streichung aller vertraglich zugesicherten Finanzleistungen).
Wenn ich als normaler Angestellter entlassen werde (nicht gekündigt!), dann hab ich auch kein Recht auf irgendwelche Vertragsleistungen.

Die Aufsichtsräte aber vertreten die Eigentümer. Und das Eigentum haftet! Es kassiert ja auch wenn's gut geht.

Möchte mal sehen, ob man dann die Edelgammler nicht aus den Konzernen rauskriegen und durch verantwortungsbewußte ordentliche Kaufleute ersetzen kann.

Von Gast: andreas am 13.10.2008 um 12:38

zumindest hat man auch in wien hören können

wohin die reise geht, wenn die blasen immer größer werden und das hier keine realen Bewertungen mehr vorgenommen werden. ganz blöd braucht man sich also auch nicht stellen!

Von Faktum Est am 12.10.2008 um 15:10

Am Beginn der eben erst im Platzen befindlichen Blase stand eine ideologisch motivierte Geldschwemme der US-Notenbank...

... und am Ende der Krieg. Der Krieg, den die Bush-Administration angefangen hat und von dem sie erwartet hat, ihn aus der Portokasse bestreiten zu können.
Für beides trägt nicht der "Markt" die Verantwortung.
Was wir derzeit erleben ist nichts anderes, als die Abrechnung oder Verteilung der Kriegskosten!
Clinton hat aus ideologischen Gründen den "financially handicapped" Kredite zum Hauskauf zukommen lassen - und durch die darauffolgende Aufnahme von Krediten durch die Regierung zur Kriegsfinanzierung sind dann auch die Zinsen für die Immobilien gestiegen...
"Schuld" sind nun die Banken - denn Politiker sind unfehlbar.
Einmal sind es "die Spekulanten", jetzt sind es "die Banken" - aber wer macht die Regeln und glaubt immer sich über den Markt, der per se immer zu einem Gleichgewichtszustand führt, hinwegsetzen zu können? Es ist die Politik.

Von Gast: last_exit am 12.10.2008 um 14:45

Schwer zu glauben - aber selbst nach dem Whalkampf geht's noch dümmer weiter!

Mittlerweile ist es ein völlig sinnloses Ansinnen einen faktenbasierten und nachvollziehbaren Gedanken in Fleischhackers Kommentaren zu finden.

Weder unterhaltsam noch diskussionswürdig, nur noch völlige Zeitvergeudung!

Das ganze Vorgehen erweckt bei mir den Eindruck völliger Verzweiflung und Panikreaktion...

Antworten Von white shark am 13.10.2008 um 13:58

Re: Schwer zu glauben - aber selbst nach dem Whalkampf geht's noch dümmer weiter!

Ich stimme hier voll zu. Herrn Fleischhacker hat offenbar eine rechtsideologiebedingte Linksphobie-Krankheit erfasst, die diese konfuse Geschreibsel hervorwürgt. Alle anderen konservativen Wirtschaftsjournalisten und "Experten" argumentiern wenigstens verständlich, wenn sie auch die wahre Ursache der Krise verschleiern und den Auslöser (sub-prime-krise) als Ursache vorschieben).
Gäbe es in der Presse am Samstag nicht auch noch das Spektrum und das Feulleton, ich wäre schon längst keine Abonnent mehr.

Von Gast: Reinhard am 12.10.2008 um 09:48

Polemik pur

Durch das polemische Gefasel des Herrn Fleischhacker wird es mir immer mehr verleidet, die Presse zur Hand zu nehmen.
Will der wirklich eine Koalition Pröll-Strache-Petzner samt Konsorten wie Grasser, Stadler, Windholz usw.? Da sei, um in die ÖVP-Diktion zu verfallen, der liebe Gott vor.
Der Herr Chefredakteur dürfte dem geballten Charisma und Charme von Schüssel, Khol und Bartenstein total verfallen sein.

Antworten Von white shark am 13.10.2008 um 14:05

Re: Polemik pur

Ich verstehe nicht, wie Fleischhacker Chefredakteur der Presse sein kann! Die Presse ist zwar das geheime "Zentralorgan der Industriellenvereinigung" aber selbst in der Pravda sind Leitartikel und Kommentare von einer journalistischen Grundqualität und die Argumente nachvollziehbar, wenn sie auch meist verlogen oder polemisch sind. In letzter Zeit sind aber Fleischhackers Ergüsse so konfus, dass es nicht einmal mehr Wert ist die Argumente zu widerlegen.

Von Gast: Manioc am 11.10.2008 um 21:58

Nichts tun oder wie immer tun?

@Fleischhacker

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann sollen die Österreicher (Politiker und Normalbürger) nicht auf die Krise reagieren weil man eh nix dagegen machen kann.

Das heisst, so weitermachen (und denken), wie bis jetzt.
Genau das habe ich an anderer Blog-Stelle mit 'Schwärmen' vom alten System umschrieben.

Ach ja, zur Begriffsdefinition: das alte System ist, wenn im Ausland Politik und Wirtschaft gemacht wird und das dann in Österreich vollzogen wird. Eigene Ideen sind da so erwünscht wie eine akute Leberzirrhose.

Antworten Von starfury am 13.10.2008 um 13:42

ich möchte diesen Artikel nicht verteidigen,

aber das steht da nun wirklich nicht.
siehe: "Dass es für Österreich bei der Bekämpfung der gegenwärtigen Krise nichts zu tun gibt, stimmt allerdings auch nur mit Blick auf den nationalen Aktionsradius. Die wichtigste Aufgabe österreichischer Politiker ist derzeit die aktive Mitwirkung an der Schaffung finanzpolitischer Strukturen auf europäischer Ebene."

Antworten Antworten Von Gast: Manioc am 13.10.2008 um 17:39

Re: ich möchte diesen Artikel nicht verteidigen,

Ja genau, das hab ich in die 'Begriffsdefinition altes System' reingeschrieben: Befiehl Europa, wir folgen!

Richtig ist, daß Lösungen NUR auf regionaler (wohlgemerkt: nicht nationaler) Ebene gefunden werden können.

Die EU ist heute wie vor 40 Jahren in erster Linie eine Wirtschaftsgemeinschaft, sowohl ohne demokratische als auch ohne echte politische Strukturen (das europäische Parlament hat weit weniger Kompetenzen als die russische Duma).
Mit dem Instrument EU kann es daher nur wirtschaftliche, aber niemals politische Lösungen geben.
Wirtschaftliche Lösungen sind aber, wie wir bereits sehen, Stopfen der Löcher durch Steuergeld und Stützen der Konzerne, damit das Abkassieren noch ein wenig weitergehen kann.
Leidtragende (d.h. Zahlende) solcher Entscheidungen werden wie immer Gewerbetreibende, mittlere Unternehmen und die Konsumenten sein.

Von Gast: hawkeye am 11.10.2008 um 10:30

Das Warten ...

auf die Magie des Marktes hat sich als falsch herausgestellt, also liegt es nahe, daß man sich die Dinge halt untereinander ausmacht ...

Was das Ökonomische betrifft: Die Blase ist nicht zuletzt dadurch entstanden, daß Produktivitätsgewinne ausschließlich nach ganz oben geflossen sind (das wird von einer verantwortungsbewußten Sozialpartnerschaft verhindert).

Von Paige am 10.10.2008 um 22:55

Was getan wurde

Vor der Wahl wollte man mit 5 Punkten, die wohl der Krone gerade in den Sinn gekommen waren, gegen die angeblich so exorbitante Teuerung ankämpfen. Schenkte man den wahlkämpfenden Parteien Glauben, so musste schon ganz Österreich verhungern und erfrieren. Mittlerweile ist zwar das Barrel Rohöl auf 80 Dollar abgesackt, dennoch erhöhen besonders Wien und NÖ (Häupl und Pröll) die Kosten für Gas und Strom um beinahe 30 Prozent (börsianische Dimensionen also). Ist das nicht lieb? Und auch so vertrauensbildend.

Wenig verwunderlich ist, dass die Menschen auf Beschwichtigungen unserer Politiker, aber auch der europäischen, erst recht mit Panik reagieren...

Antworten Von Gast: Manioc am 13.10.2008 um 18:04

Re: Was getan wurde

Das Problem ist, die meisten reagieren nicht mit Panik, sondern glauben den Unfug, weil's einfach bequemer ist, andere 'vordenken' zu lassen, als die eigenen Gehirnwindungen zu bemühen.

Ich bin letztlich davon überzeugt, daß man auch diese Krise noch zudecken kann. Aber es wird wieder eine kommen und wieder ...
Und jedesmal wird es schwerer (und für uns teurer) werden, den Mist einzugraben. Irgendwann einmal, vielleicht in 5 oder 6 Jahren, vielleicht in 20 Jahren, wird alles nichts mehr nützen ...

Von Pragmatiker am 10.10.2008 um 22:19

Tja

der Gorbach und die Haubner hätten das Problem sicher im Griff, oder war das der Haupt und der Fiona-Bub?

 
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