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Es war einmal ein Volkstribun?

12.10.2008 | 18:24 |  ANDREAS MÖLZER (Die Presse)

Über dem offenen Grab sollten sich all jene, die sich als Freiheitliche betrachten, die Hand reichen.

Ob denn dieser Jörg Haider eine „catilinarische Existenz“ sei, frug der alte Otto Schulmeister den Autor dieser Zeilen zu Beginn der 90er-Jahre bei einem gemeinsamen Mittagessen im „Schwarzen Kameel“ in der Wiener Innenstadt. Das könne er nicht mit Sicherheit sagen, so die Antwort des Befragten. Gewiss sei nur, dass das kleine Österreich längst nicht mit der antiken Weltmacht Rom vergleichbar sei. Heute wissen wir es besser: Der am Samstag tödlich verunglückte Jörg Haider war ein Volkstribun. So etwas wie ein postmoderner Volkstribun mit bierzelterprobtem und medienwirksamem Charisma.

Ein Gespür für die Stimmung der Menschen hatte der Goiserer aus dem Bärental jedenfalls – insbesondere für jene zwischen Karawanken und Tauernkamm. In einem 30-jährigen Marathon quer durch alle Liederabende, Bierzelte und Kirchtage Kärntens hatte er sich da eine Klientel von geradezu unverbrüchlicher Treue in der Stärke von immerhin 50 Prozent der Bevölkerung geschaffen. Eine kleine, aber feine Trutzburg, aus der heraus man manchen politischen Einbruch und manchen Rückschlag verkraften konnte. Der bedeutendste Kärntner Politiker seit dem Karolinger-Kaiser Arnulf, so hört man es heute in den orangen Trauerreden.

Jedenfalls ein Politiker mit bemerkenswert langem Atem: Seit 30 Jahren in der Bundespolitik, hat er die FPÖ von zwei bis drei Prozent am Ende der Steger-Ära in lichte Höhen von nahezu 30 Prozent Wählerzustimmung geführt. Um sie dann wieder an den Rand des Ruins zu treiben, aus ihr ausgeschlossen zu werden und mit einer neuen Instant-Partei erst jüngst wieder auf die bundespolitische Bühne zurückzukehren. Nach den Gründervätern Raab und Figl, nach Bruno Kreisky zweifellos der prägendste Politiker der Zweiten Republik.

Eben dieser Jörg Haider, dieser Langzeitpolitprofi mit dem puerilen Charme, war überdies ganz ohne Zweifel einer der bedeutendsten Repräsentanten des Dritten Lagers seit dessen Bestehen. Wenn der 16-Jährige beim Redewettbewerb des Österreichischen Turnerbundes die Frage behandelte „wie deutsch“ denn Österreich sei, hat der bald 60-Jährige mit seinem konsequentem Eintreten gegen Massenzuwanderung, Islamisierung und Asylmissbrauch, offenbar den Kampf um die historisch gewachsene nationale Identität des Landes niemals aufgegeben. Und wenn der junge Student Haider im Attersee-Kreis geradezu linksliberale Perspektiven zu erarbeiten versuchte, scheint der lebenslange Kämpfer gegen den schwarz-roten Proporz, gegen den er noch im jüngsten Nationalratswahlkampf zu Felde zog, und der Streiter für die sozial Schwachen, eben auch über Jahrzehnte auf Linie geblieben zu sein.

Allzu oft wurde der Verblichene auch aus der Feder des Autors dieser Zeilen der primadonnenhaften Launenhaftigkeit, der weltanschaulichen Beliebigkeit und der Prinzipienlosigkeit geziehen. Angesichts der Tragödie, durch die sein Wirken nunmehr ihr Ende fand, vielleicht auch häufig zu Unrecht. Man muss dabei nicht ironisch werden wie Karl Kraus, wenn er meinte, „der Tod hat etwas Versöhnliches.

Es ist schon so: Wenn man ein lebenslanges politisches Wirken Revue passieren lässt, sich fragt, wo der gemeinsame Nenner des Ganzen ist und was davon bleibt, dann wird man Jörg Haider den gebührenden Respekt zollen müssen. Und dieser Respekt zwingt dann auch dazu, sich dem offensichtlichen Vermächtnis des Toten zu stellen: In seiner an Brüchen und neuen Aufbrüchen reichen Karriere hat er gewiss auch schwere Fehler gemacht – und sie auch selbst erkannt. Als einen solchen dürfte er bereits seit einiger Zeit die Parteispaltung vom April 2005 und die Gründung des BZÖ betrachtet haben. Allein dass er seine Kärntner Getreuen sofort wieder als „die Freiheitlichen in Kärnten“ firmieren ließ, deutet darauf hin.

 

Versöhnliches Gespräch

Wenn man angesichts einer solchen Tragödie von „Glück“ sprechen kann, dann war es eine glückliche Fügung, dass noch zwei Tage vor dem schrecklichen Unfall ein freundliches und versöhnliches Gespräch zwischen dem Obmann der FPÖ und dem Kärntner Landeshauptmann stattgefunden hat. Über dem offenen Grab werden nunmehr all jene, die sich als Freiheitliche betrachten und an das geglaubt haben, was der junge Jörg Haider zwischen 1979 und 1999 gepredigt hat, nicht umhin können, einander die Hand zu reichen. Mag man auch weiterhin in verschiedenen Parteien wirken, Gesinnungsgemeinschaft sollte angesichts dieser Tragödie niemand verweigern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2008)


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14 Kommentare
 
1
 
Von Gast: M am 15.10.2008 um 12:36

ein spitzenmäßiger Artikel,

so wie man es von Mölzer gewohnt ist, danke

Von derpradler am 13.10.2008 um 18:44

ein Antisemit,

ein Rassist, ein Verhetzer, ein Vernaderer unserer Republik, ein Kinderschreck für viele Asylantenkinder, die er kreuz und quer durch Österreich schickte, und ein Menschenfeind für alle Asylanten und Dunkehäutigen.
Im Ortsgebiet, mit über 140h/km in einem ca 100.000€ Dienstauto zu Tode gekommen, zeigt nicht gerade von einem "Landesvater".........
meine Trauer hält sich daher in Grenzen!

Antworten Von draken am 14.10.2008 um 15:14

Re: ein Antisemit,

Es hat Sie auch niemand gefragt!

Antworten Antworten Von derpradler am 14.10.2008 um 19:15

Re: Re: ein Antisemit,

kein Wunder, solche Leute werden von der Redaktion noch gedeckt.

Antworten Antworten Von derpradler am 14.10.2008 um 19:14

Re: Re: ein Antisemit,

Von einem Braunstiefler, werde ich mir das Wort verbieten lassen, das wäre ja noch schöner!

Antworten Von amornwan am 14.10.2008 um 08:41
Von Paumgartner am 12.10.2008 um 22:02

Was für ein Unsinn!

Erstens heißt es “fragte” und nicht “frug”; zweitens” Tragödie? Wenn einer bei Nacht und Nebel mit 142 durchs Ortsgebiet faehrt, ist er ein Krimineller. Wenn er dabei ums Leben kommt, kann man nichts sagen als: gut, dass er nicht die Frau, die er überholt hat, auch noch umgebracht hat. Hier von Trag ödie zu sprechen, Herr Chefideologe a.D., ist eine Verhöhnung derer, deren Leben wirklich tragisch ist. Und ich kann mir vorstellen, dass es den einen oder anderen gibt, in dessen Leben der Verstorbene Tragisches angerichtet hat. Denken, wie der alte Lehrerspruch lautet, dann reden!

Antworten Von Gast: Crusader am 13.10.2008 um 07:51

Re: Was für ein Unsinn!

Gerade die Linke sollte über das Ableben tief erschüttert sein! Hätte Haider noch Jahre weitergemacht wäre er eben ein bekannter Politiker mit vielen Erfolgen geblieben aber doch nur ein Politiker. Vielleicht hätten die Wähler ihm wie schon Kreisky eines Tages die Zustimmung versagt und damit wäre er einfach nur ein ehemaliger Politiker gewesen. Mit seinem Ableben mitten in einem seiner Erfolge wird er zum Mythos - zur Haider Legende. Wie lange wird es dauern bis die ersten sagen "mit dem Haider wär`s aber ganz anders (besser)". Ich habe seine Politik der letzten Jahre zwar nicht mehr mitgetragen aber er hat große Veränderungen bewirkt die richtig waren!
An die ganzen Linken die sich über sein Ableben so freuen, daß man sogar die Foren schließen mußte: Wie bekämpft man einen Mythos der nichts mehr falsch machen kann?
BZÖ und FP werden sich über kurz oder lang wiedervereinen mit dem "historischen Haider" als gemeinsame Identifikationsfigur!
Rechts hat nun seinen eigenen Kreisky!

Antworten Antworten Von Gast: Messalina am 15.10.2008 um 12:33

Re: Re: Was für ein Unsinn!

prima Kommentar,
ich war selbst einmal links, mir ist aber das nackte Grausen gekommen, anläßlich einer Volksinitiative, die nur ganz bestimmte Leute mittragen konnten, dies aber aus Bequemlichkeit und was weiß ich was für Ausreden nicht getan haben, im Gegenteil, Linke sind nur da dabei, wo sie einen direkten, Vorteil für sich sehen, oder aber aus Spaß an der Randale

Antworten Antworten Von geneigter Leser am 13.10.2008 um 21:57

Re: Re: Was für ein Unsinn!

Hm...bin selten mit Ihnen einer Meinung.Aber hier liegen Sie wohl absolut richtig.

Antworten Von Gast: Idefix am 13.10.2008 um 00:13

Re: Was für ein Unsinn!

"hat der bald 60-Jährige mit seinem konsequenteN Eintreten" würde es korrekt lauten. Aber diese Fehlerart ist hierzulande auch bei sehr vielen Journalisten anzutreffen.

Antworten Von Gast: Hartmann am 12.10.2008 um 23:09

Re: Was für ein Unsinn!

Sollen die Vergleiche stimmen, dann ist auch der Rudi Vouk ein Verbecher

Antworten Antworten Von Gast: Jupiter am 30.12.2008 um 10:26

Re: Re: Was für ein Unsinn!

Rudi Vouk ist nicht sternhagelbesoffen mit ca. 170km/h (142km/h war lediglich die letzte Tachoanzeige nach einigem abbremsenden Touchieren) durch Orte gefahren sondern nüchtern mit einer Geschwindigkeit, die gerade ausreicht um ein Strafmandat zu kassieren, das als Basis einer geplanten politischen Aktion diente. Er ist deswegen auch nicht in der Nacht, wenn die Wahrscheinlichkeit des Ertapptwerdens gering ist, gefahren und hat auch niemanden wirklich gefährdet. Vouk mit einem Kriminell gewordenen Potentaten zu vergleichen ist ein starkes Stück.

Von Tom93 am 12.10.2008 um 20:03

die heuchler die ihn gestern noch als verräter gebrandmarkt haben sind jetzt soooo traurig

wer soll das glauben?

 
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