Wien. Da ist es wieder, dieses kaum hörbare, mechanische Surren. Martin Wehrle nimmt ein Glas in seine rechte Hand, führt es zum Mund. Eine leises „Ssssssss“. Wehrle trinkt und stellt das Glas wieder auf den Tisch. Wieder dieses leise Surren.
Die Geräusche kommen aus dem Unterarm des 28-Jährigen: Eine elektromechanische Handprothese ist an seinen Armstumpf angepasst. Die Muskelspannung wird über Elektroden in Bewegungen der künstlichen Hand übertragen. „Man denkt eine Bewegung“, erklärt Wehrle das Prinzip.
Das Hightech-Gerät funktioniert über Gehirnbefehle – elektronische Gedankenübertragung also, über die Interessierte dieses Wochenende beim „Forschungsfest“ (siehe Kasten) am Rathausplatz mehr erfahren können. Dort nimmt unter anderem der Prothesenhersteller Otto Bock teil, größter Produzent von Armprothesen weltweit, mit einem R&D-Zentrum in Wien. Und die komplizierte Technik soll dort für Kinder verständlich erklärt und Berührungsängste sollen genommen werden.
Etwa 2000 Menschen müssen sich in Österreich pro Jahr einer Amputation unterziehen. Zwei Drittel davon sind Beinamputationen – meistens aufgrund von Unfällen oder von Gefäßverschluss; ein Drittel betreffen die oberen Extremitäten. Eine Prothese soll „einen möglichst hohen Grad an Unabhängigkeit“ bieten, erklärt der Österreich-Geschäftsführer von Otto Bock, Hans Dietl. Wobei: „Ein Feinmechaniker, der zwei Arme amputiert hat, wird wohl nicht mehr in seinem Beruf arbeiten können.“ Oder noch nicht. Denn die Forschung arbeitet an einer „Vergrößerung der Freiheitsgrade“, wie es im Fachjargon heißt.
Das bedeutet, dass eine Prothese möglichst viele Gelenksbewegungen ermöglichen soll. Eine menschliche Hand – „das komplexeste Werkzeug, das die Natur erfunden hat“, sagt Martin Wehrle – hat 22 Freiheitsgrade. Wehrles Prothese hat zwei. Er kann die Hand öffnen und schließen, das Handgelenk drehen. In Labormodellen hat man bereits 15 Gelenksbewegungen nachempfunden. In fünf Jahren könnte eine Prothese auf den Markt kommen, die sechs bis sieben Gelenksbewegungen ermöglicht, sagt Hans Dietl.
Wie Partner, Kinder umarmen?
Wenn Martin Wehrle Besucher begrüßt, dann macht er das dennoch mit seiner „echten“ Hand, der linken. Ihm fehlt der rechte Unterarm aufgrund eines Geburtsfehlers: „Amniotisches Band-Syndrom“ heißt diese Krankheit, Eiweißfäden umzogen schon im Mutterleib einen Arm und schnürten das Gewebe ab. „Pech, Zufall“, sagt der Deutsche dazu, der vor zwei Jahren nach Wien kam und nun im Schulungsbereich des Prothesenherstellers arbeitet. „Für mein Umfeld war das kein Problem, denn mich hat nie jemand anders gekannt“, erklärt er. „Ich hatte nie das Gefühl, dass mir etwas fehlt.“ Menschen, die von einem Tag auf den anderen einen Arm oder ein Bein verlieren, hätten es da ungleich schwerer. Es gibt Amputierte, die plötzlich nicht mehr wissen, wie sie ihren Kollegen begegnen sollen, wie sie den Partner umarmen oder die Kinder herzen sollen. Ganz wichtig sei deshalb, meint Martin Wehrle, ein „unterstützendes Umfeld“. Denn gegen die psychische Akzeptanz der Behinderung sei die Handhabung der Prothese wirklich einfach. Nämlich „reine Übungssache“.
Wie Prothesen funktionieren, können Besucher des Wiener Forschungsfestes am 11. und 12. Oktober im Wiener Rathaus und in einem Forschungszelt auf dem Rathausplatz herausfinden.
Moderne Handprothesen arbeiten „myoelektronisch“ („mys“ – griech. für Muskel): Am Handstumpf entsteht bei Muskelbewegung elektrische Spannung, die von Elektroden abgenommen und in Bewegungsbefehle übersetzt wird.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2008)

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