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"Das Kapital" verfilmen? Aus der ideologischen Antike

10.10.2008 | 18:38 | CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Wie adaptiert man Karl Marx? Wie „Ulysses“? Und was blieb von Marx? Zu Alexander Kluges Großprojekt auf den Spuren von Sergej Eisenstein.

Zu Anfang ein Satz des sowjetischen Filmpioniers Sergej Eisenstein: Zwei Jahre nach seinem bahnbrechenden Film Panzerkreuzer Potemkin notiert er im Oktober 1927 gleich nach den Dreharbeiten zum Revolutionsepos Oktober: „Der Entschluss steht fest, das ,Kapital‘ nach dem Szenarium von Karl Marx zu verfilmen.“

Nun, über 80 Jahre später, greift das Alexander Kluge auf, ein zentraler Denker der deutschen Kulturszene. Als intellektueller Pionier des Autorenfilms (Abschied von gestern, 1966) wurde er bekannt, seither hat er seinen Status zum Beispiel als eigensinniger Schriftsteller („Chronik der Gefühle“) sowie als Sozialtheoretiker („Öffentlichkeit und Erfahrung“, mit Oskar Negt) untermauert.

Seit 1987 wirkt Kluge vor allem im Fernsehen: Seine Produktionsfirma „dctp“ besetzte eine gesetzlich verordnete Nische für „unabhängige“ Kulturprogramme im Privatfernsehen. Beiträge für „Spiegel TV“ und Formate wie „News & Stories“ tragen Kluges Handschrift: enzyklopädische Erkundungen, assoziativ montiert und mit irritierenden Widerhaken versehen – unübliche Textblöcke, poetische Filmminiaturen, offenbar „gefälschte“ Interviews (etwa mit Helge Schneider als G-8-„Kampfschwimmer“).

 

Brandaktuelle Bezüge: Wirtschaftskrise

Die Methodik dieser brechtisch durchs Nachtprogramm geisternden Beiträge verwendet Vielarbeiter Kluge bei einem selbst für ihn außergewöhnlichen Unternehmen: Ausgehend von Eisensteins nie realisierter „Kapital“-Verfilmung hat er ein Großprojekt vollendet, das im Stadtkino Wien vorgestellt wird, bevor es auf DVD erscheint (s. Kasten).

„Nachrichten aus der ideologischen Antike“ heißt programmatisch die fast zehnstündige Mammut-Materialsammlung: Die Gegenwart böte nichts Vergleichbares zu Eisensteins Plan oder der (obendrein längst historisierten) Leistung von Marx, befindet Kluge, sie seien so weit weg wie die Antike. Jedoch, argumentiert er weiter, in einem Gespräch mit Negt über die Suche nach adäquaten (Film-)Bildern im „Kapital“: Gerade was so „fern wie der Mond“ sei, werfe die ergiebigsten Vergleiche für die Gegenwart ab – die deutliche Differenz unterstreiche erst die Parallelen der Grundideen.

Faszinierend an Kluges „Nachrichten“ ist denn auch, wie theoretisch oder anekdotisch angelegte Interviewsituationen zur Ideenwelt von Marx zu brandaktuellen Themen führen. Die derzeitige Wirtschaftskrise nehmen viele Interviews vorweg, nicht nur wenn Kluge mit Hans Magnus Enzensberger über dessen Geburtsjahr 1929 samt dem Börsenkrach spricht: „Ein Sommer wie jeder andere. Und dann kam die Katastrophe“.

 

Treffen mit dem erblindeten James Joyce

Dieser Schwarze Freitag und die Weltwirtschaftskrise interessierten Eisenstein verblüffenderweise kaum als „Kapital“-Material, weiß wiederum dessen Biografin Oksana Bulgakowa, die eingangs Bemerkenswertes berichtet: Eisenstein erblindete zeitweise, als er Tage durcharbeitete, dank sanktionierter Drogen (um seine 49.000 Meter Oktober-Rohmaterial binnen zwei Wochen auf 2000 Meter Premierenlänge zu schneiden).

Mit einem anderen Erblindeten – James Joyce – spricht Eisenstein 1929 über die Verfilmung von dessen „Ulysses“. Das Marx-Projekt will er zeitweise damit fusionieren: zur Geschichte des Arbeitstags zweier Menschen, eines Proletariers und seiner Frau, in der sich zugleich die ganze Weltgeschichte und die gesamte Ökonomie spiegeln soll.

Kluges vielstimmiges Montage-Konstrukt ist wie ein Echo davon: viele kleine Einschübe zwischen den großen, geduldig den jeweiligen Sprecher (und Denker) ins Bild setzenden Interviews, sorgen für tragikomische Kommentierung. Ob „Landschaft mit klassischer Schwerindustrie“ als simples Intermezzo – oder eine Episode, in der die Arbeiterschaft 1929 alles Kapital aufkauft, was in einer fernen Science-Fiction-Fantasie endet, bei der Eroberung der Mars-Monde.

Blinde Flecken – nicht nur die vom Literaturwissenschaftler Joseph Vogl in der „Kapital“-Komposition dargelegten – nutzt Kluge dialektisch als Strukturprinzip: Direkte Antworten auf die Frage nach guten Bildern bei Marx bleiben oft unbefriedigend. Mit typischer Ironie kommentiert Kluge ein solches Bild: Es hätte auch Dschingis Khan gepasst.

Dafür öffnen sich neue Assoziationsräume: Autor Dietmar Dath vergleicht Marx' ökonomische Theorie mit der Liebe (über die Sophie Rois dann singt und sinniert). Lyriker Durs Grünbein beleuchtet mit Brechts Hexameter-Nachdichtung des „Kommunistischen Manifests“ Marx als Poet. Kluge, selbst Freund der bunten Zwischentitel, debattiert öfters, ob die Marx-Konzepte eben nur als Wort, nicht als Bild funktionieren.

 

Wagner-Oper in Potemkin-Kostümen

Den Kontrapunkt bildet die Musik, auch in Bezug auf Musikalität bei Marx: Von Lugi Nonos Arbeiter-Avantgardeoper zu Werner Schroeters Wagner-Inszenierung – Tristan im Panzerkreuzer-Potemkin-Kostüm. Das letzte Wort bekommt auch ein (Teilzeit-)Musiker: Helge Schneider tritt u.a. als fiktiver Eisenstein-Komponist auf, und als Marx-Darsteller (mit hoher Stimme und falschem Bart). Mit der Wiederholung der Geschichte als Farce hat das kaum zu tun, eher mit der philosophischen Sicht auf Humor: auch das eine Nachricht aus der Antike.

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