Die Presse: Spielen Sie lieber die netten oder die bösen Frauen?
Christiane Hörbiger: Mit den netten muss ich mir die bösen verdienen. Heitere Frauen hat das Publikum lieber. Wenn man gute Quoten hat, darf man sich etwas wünschen. Ich habe mir „Der Besuch der alten Dame“ gewünscht. Mit Dürrenmatt habe ich mich seinerzeit noch unterhalten, auch über dieses, sein berühmtestes Stück. Mein damaliger Mann, der Journalist Rolf Bigler, hat mit Dürrenmatt die Zeitung „Sonntagsjournal“ herausgegeben. Dürrenmatt war oft bei uns in der Frankengasse in Zürich. Er hat wahnsinnig gern inszeniert – ob gut, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich war damals am Zürcher Schauspielhaus engagiert. Er hat mit mir „Urfaust“ inszeniert, „Wozzeck“, da war ich die Marie – und die Uraufführung seines Stückes „Porträt eines Planeten“...
Die alte, reich gewordene Dame kommt in die Heimat zurück, rächt sich am Exliebhaber, der sie mit dem Kind sitzen ließ, und lässt ihn ermorden. Wie stehen Sie zu Rache? Wenn man sich anschaut, was die Frau mitgemacht hat, könnte man ihr fast recht geben.
Hörbiger: Nein, sie hat natürlich nicht recht. Sie bildet sich ein, es ist Gerechtigkeit, die sie am Ende ihres Lebens ausübt. Aber es ist reine Rache. Man muss sehen, dass schon viel zusammenkommt im Leben der Frau. Sie war nicht immer seelisch verkrüppelt wie am Ende. Sie hatte es lustig mit den Burschen im Dorf – und selbst noch im Puff. Aber in einen hat sie sich eben verliebt, hat dann keinen anderen mehr in ihr Bett gelassen, wie die Dorfbewohner behaupten. Ihr Kind hat sie auch noch verloren und konnte nie wieder eines bekommen. Ihr ist sehr viel passiert. Aber einen Mord in Auftrag geben, das kann ich doch weniger nachvollziehen. Ich spiele die Rolle ein bisschen durchsichtiger als im Theater. Ich möchte zeigen, dass da ein Mensch ist, der sensibel ist und Gefühle hatte. Die Frau hat vieles nicht verarbeitet und verliert sich in Rachegedanken, die Körper und Gesundheit schaden.
Wenn Sie im Burgtheater oder in der Josefstadt auftreten würden, würden sich die Leute bis zum Westbahnhof anstellen...
Hörbiger:Das ist nett, dass Sie das sagen. Aber es kann auch sein, dass sie sich schieflachen, wenn ich komme und sich auf einen Ausrutscher freuen. Peter Zadek hat mich ans Zürcher Schauspielhaus für eine Premiere im Januar eingeladen. Ich habe mich gefreut, dass so ein toller Mann anfragt, aber ich habe abgesagt. Ohne Filmverpflichtungen hätte ich es gemacht. Aber das sind lang abgeschlossene Verträge. Ich hätte auch am Volkstheater spielen können, aber das war auch zu einer Zeit, in der ich nicht konnte.
Also, Sie wären verführbar fürs Theater?
Hörbiger: Da müsste mir unendlich fad sein. Ich habe ja auch oft verkündet, ich möchte nicht mehr Theater spielen. Wenn Sie sehen, was ich alles gespielt habe, halten Sie es nicht für möglich. Mein Leben damals in Zürich war: Bad, Bett, Bühne, Bühne, Bad, Bett. Ich war dauernd dran. Dann kam diese etwas leichtere, einfache Form, sich mit Gedanken auszudrücken. Der berühmte Satz: Vor der Filmkamera muss man nichts tun, der stimmt nicht ganz. Man muss sich schon beschäftigen. Aber man muss nicht so viel denken wie selbst in den intimeren Momenten am Zürcher Schauspielhaus.
Sie sind der Inbegriff der eleganten Frau. Ist Eleganz noch wichtig? In der Mode hat sich viel geändert. Man kann auch mit H&M-Sachen gut ausschauen. Beschäftigt sie so was?
Hörbiger: Da könnte ich stundenlang darüber reden. Die Mode kommt heute von der Straße. Wenn die jungen Mädels für ihre Jeans dünne Beine haben – ich hatte sie nie –, dann sind sie schon von Gott gesegnet. Die junge Generation ist langbeiniger geworden. Man trägt lockere Blusen, darüber ein Jäckchen, Stiefel mit hohen Absätzen, da sehen die Beine noch länger aus. Das ist absolut schick. In einer Zeitung habe ich gelesen, die gnädige Frau kommt wieder. Da sah man auf dem Laufsteg Kostümchen, Handschuhe. Wichtig ist, dass man seinem Alter entsprechend angezogen ist. Ich brauche keine älteren Damen, denen man eingeredet hat, sie könnten enge weiße Hosen und Stöckelschuhe tragen. Wenn sie plötzlich aufstehen, wackeln sie, weil die Knochen nimmer ganz mitmachen. Dann muss ich sehr lachen und denke, das kann ich für eine Rolle verwenden. Für mich bedeutet Eleganz immer noch möglichst wenig Farben. Weniger Rüschen sind mit zunehmendem Alter anzuraten.
Ist der Siebziger ein schwieriger Geburtstag?
Hörbiger: Ja. Das 68. Jahr war schlimm. Man sagt sich, man wird jetzt 70 und hat alle diese Gedanken: Wie lange noch? Wie oft werde ich noch Weihnachten erleben? Wie lange werde ich noch Zeit mit dem Enkel (Luca, dreieinhalb Jahre alt, Anm.) haben? Werde ich Kraft haben, mich um ihn zu kümmern, wenn er nach Europa kommt und womöglich in der Pubertät ist. Da werden ja alle Kinder etwas ekelhaft. Werde ich da sein, gesund sein?
Solche Gedanken hatten Sie früher nicht?
Hörbiger: Nein, eigentlich nicht. Ich habe immer nach vorn geschaut. Das mache ich auch jetzt, weil alles andere keinen Sinn hat.
Was wünschen Sie sich zum Geburtstag?
Hörbiger: Dass möglichst viele Leute den guten Film „Besuch der alten Dame“ ansehen. Darüber hinaus, es klingt immer so blöd, aber es ist wirklich so: Dass alles bleibt wie es ist, in jeder Beziehung, das wünsche ich mir.
Was haben Sie als Nächstes vor? Macht Ihnen Drehen noch Spaß nach den vielen Filmen?
Hörbiger: Ja, Gott sei Dank. Im November nochmal „Zwei Ärzte sind einer zu viel“, das hatte die berühmte Quote. Noch eine Geschichte, das Ganze nach Mallorca verlegt.
In einem Interview haben Sie gesagt, Sie möchten keine Großmütter spielen...
Hörbiger: Das ist ein Missverständnis. Ich möchte keine Großmutter hinter dem Ofen mit zwei Sätzen spielen, sondern wenigstens eine große Chefin. Ich habe mit Leidenschaft 2006 die Großmutter im „Räuber Hotzenplotz“ gespielt, mit grauem Haar und Kaffeemühle – und Ende der Achtziger mit 50 war ich auch schon eine Großmutter, in „Das Erbe der Guldenburgs“.
