Es gibt nur eine Regel für Schriftsteller und die lautet: „Schreib!“ Ob täglich 100 Zeilen wie Jack London oder 200 Seiten in einem einzigen Schaffensrausch wie Joseph Conrad beim „Herz der Finsternis“. Ob im Stehen wie Ernest Hemingway, im Liegen wie Marcel Proust, oder im Sitzen wie viele Autoren, am Computer, an der Schreibmaschine oder auf Papier: Irgendwie müssen die Ideen aus dem Kopf gebracht und in Sätze gefasst werden.
Genie braucht man allerdings keines zu sein, um einen Roman zu schreiben. Talent und Sitzfleisch gehören jedoch zu den Tugenden, die ein Autor aufweisen sollte. „Handwerk kann man erlernen, Kreativität wohl eher nicht. Handwerk macht mehr als fünfzig Prozent aus, aber das Entscheidende hat etwas Alchimistisches, das wir uns alle gern erklären würden, uns aber nicht erklären können“, sagt der Schriftsteller Arno Geiger. Er muss es wissen: Sein Roman „Es geht uns gut“ wurde 2005 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Die Salzburger Literatin Kathrin Röggla rät: „Sich nicht kleinkriegen lassen.“ Auch Ausdauer sollte man beweisen, glaubt Clemens J. Setz, der heuer am Bachmann-Preis teilnahm und im Frühjahr seinen zweiten Roman veröffentlichen wird. „Ich wundere mich immer, warum viele Leute so erstaunt reagieren: ,Was, du schreibst jeden Tag?‘ Bei einem Sportler würde bestimmt niemand fragen: ,Was, du trainierst jeden Tag?‘“ Auch die Wiener Slam-Poetin und Romanautorin Mieze Medusa vergleicht ihre Tätigkeit mit Sport: „Das Schreiben ist ein bisschen wie Tennisspielen: ein Teil Talent, aber ohne Training und Ausdauer fliegt der Ball irgendwohin.“
Mittels Lehrgang zum Autor
Wie man diesen trifft, kann man lernen. Nicht nur in Eigenregie, an Universitäten in den USA und in Deutschland gibt es Lehrgänge für angehende Schriftsteller. Der „Iowa Writer's Workshop“ gehört zu den renommiertesten Kursen für Literaten. Dort hat etwa Dauer-Nobelpreis-Anwärter Philipp Roth den jungen John Irving in die Kunst des Erzählens eingeweiht, auch T. C. Boyle bekam hier seinen Feinschliff. Wegen mangelnder Anerkennung braucht man sich in Iowa nicht beschweren: Ganze 16 Pulitzerpreise wurden seit 1947 an Absolventen des Programms vergeben. Im Unterricht werden hauptsächlich die Texte der Teilnehmer diskutiert und analysiert. Die oberste Maxime lautet: Selbstdisziplin.
Blutige Erfahrungen
Auch im deutschen Sprachraum haben sich inzwischen einige Angebote entwickelt, zumindest in Deutschland. Dort kann man am „Deutschen Literaturinstitut Leipzig“ eine universitäre Ausbildung zum Schriftsteller absolvieren. An der Universität Hildesheim gibt es den Studiengang „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“. In Österreich startet man langsam. In Wien wird ab Herbst 2009 kreatives Schreiben gelehrt. Dann startet die Universität für angewandte Kunst ein Bachelor-Studium für Sprachkunst. „Ich für meine Person glaube, dass mir solche Kurse mehr geschadet als geholfen hätten“, sagt Arno Geiger. „Nachträglich gesehen war es besser, mich langsam auf eigene Faust und in eigener Verantwortung zu entwickeln. Knapp zehn Jahre lang musste ich auf jeden Fehler, den ich gemacht habe, selbst draufkommen, da hätte ich mir mit Schreibkursen vieles ersparen können, aber die blutigen Erfahrungen sind einprägsamer oder präziser gesagt: Sie sind kreativer.“
Kathrin Röggla, die seit Jahren in Berlin lebt, macht es misstrauisch, was in Deutschland bisher herausgekommen ist. Es helfe zwar, Texte in einer Gruppe zu diskutieren, aber schlimm ist es, wenn eine ästhetische Richtung vorherrschend ist, sagt sie.
Auch Clemens Setz sieht das kritisch. „Wenn es auf eine Art akademischer Schreibwerkstatt hinausläuft, bin ich eher skeptisch. Solche Kurse sind wahrscheinlich mehr für Leute interessant, die noch kaum etwas geschrieben haben und einfach mal in dieses Metier hineinschnuppern möchten.“
Genau das sei doch positiv, meint Mieze Medusa. „Und sei es nur, damit möglichst viele Menschen mal versuchen, kreativ mit Sprache zu arbeiten. Ich glaube auch, dass man viel über Literatur lernt, wenn man versucht, selbst welche zu schaffen.“ Eine universitäre Ausbildung sei aber auch mit Vorsicht zu genießen, sie könnte falsche Erwartungen wecken – von Kunst alleine lässt es sich zumindest anfangs mehr schlecht als recht leben. Medusas ganz persönlicher Tipp für angehende Schriftsteller lautet: Man soll schlechte Bücher lesen. „Ein gutes Buch ist in sich so schlüssig, dass ich keinen Platz zum Einhaken und Nachdenken finde. Doch jedesmal, wenn ich mir bei einem mittelmäßigen Buch denke: ,Naja, so kann man das eigentlich nicht machen‘, lerne ich etwas über Figurenzeichnung, Struktur, Sprache.“
Nicht auf Inspiration warten
Nicht lesen, sondern schreiben, lautet die Devise von Clemens Setz. Seinen schriftstellerischen Durchbruch erlebte er mit seinem ersten Roman. „Ich habe gesehen: Ich kann das. Zudem in so großem Umfang“, sagt Setz. Mehr als 1000 Seiten Umfang hat das Erstlingswerk. Veröffentlicht wurde es aber nicht und – geht es nach dem Verfasser – wird es auch nie. „Schriftsteller dürfen keine Scheu haben, etwas, das sie überwunden haben, wegzuschmeißen.“ Er selbst hat sich von seinem Erstling aber nicht getrennt.
Sein Rat für Menschen, die Autoren werden wollen: „Nicht auf Inspiration warten, sondern sich jeden Tag eine Stunde hinsetzen.“ Für ihn selbst heißt das auch: früh aufstehen. Um halb fünf ist er auf den Beinen und geht dann auch gleich an den Schreibtisch. Eine Seite mindestens schreibt er täglich.
Auch wenn man auf einen richtig dicken Wälzer abzielt, man muss es ihm nicht nachmachen. „Es gibt so viele Arten zu schreiben wie es Schriftsteller gibt“, glaubt Arno Geiger. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie schreiben.
