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Berlin ganz im Bann Obamas

23.07.2008 | 18:11 | Von unserem Korrespondenten THOMAS VIEREGGE (Die Presse)

Merkel übt sich in Vorsicht – und Politologen warnen vor „Erlöser“-Fantasien.

Berlin. „Ich werde mal sehen, ob ich um 19 Uhr den Fernseher einschalte.“ Es ist so ein typisch schnoddriger, leicht ironischer Merkel-Satz, den die Kanzlerin bei ihrer rituellen, von Ermattung der Großen Koalition gekennzeichneten sommerlichen Pressekonferenz hinwirft. Nur sich ja nicht vom Enthusiasmus anstecken lassen, der derzeit im Land grassiert – so lautet das Motto der Realpolitikerin vor dem Besuch Barack Obamas in Berlin. Außenminister Frank-Walter Steinmeier, beileibe kein Charismatiker, warf ihr im Streit um den Schauplatz der Obama-Rede prompt Kleinlichkeit vor.

Halb Deutschland ist im Urlaub, und der Rest steht im Bann der Visite des US-Senators. Prägnant titelte der „Spiegel“: „Deutschland trifft den Superstar.“ Es gibt kaum ein Entkommen: Alle relevanten TV-Sender sind bei der Rede Obamas vor der Siegessäule am großen Stern live dabei.

Es ist die Fanmeile der Republik, Tummelplatz von Fußball-Anhängern, Schwulen – und unter der Devise „Love rules“ ehedem Aufmarschgebiet der Love-Parade. Zu deren Hochzeiten strömten bis zu zwei Millionen Menschen hin – mehr als 100.000 Obama-Fans wären indes keine Überraschung.


„Goldelse“ und Königgrätz

Historisch Versierte erinnern politisch korrekt daran, dass das Denkmal einst als Zeichen des Triumphs Preußens über Frankreich, Dänemark und das Habsburgerreich nach der Schlacht von Königgrätz errichtet und von Hitler an den heutigen Platz versetzt worden ist – als Sichtachse zum Brandenburger Tor. Freilich ist die „Goldelse“, wie die Viktoria an der Spitze der Siegessäule im Berliner Volksmund heißt, zwei Kilometer vom Symbol der Teilung entfernt. Es wird eines Zooms benötigen, um Obama ins Licht zu setzen.

Doch auch Merkel, die am Donnerstagabend anlässlich der bevorstehenden „Parsifal“-Premiere bereits bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth weilen wird, kam nicht umhin, den Schwung des US-Wahlkampfs zu würdigen. Und sie ließ sich dann doch ein Wort der Vorfreude entlocken. Dabei ging sie freilich längst nicht so weit wie viele Politiker von CDU und SPD. Jürgen Trittin, der grüne Ex-Minister, schwärmte: „Es gibt ein anderes Amerika.“

Die Politik-Experten der „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“ warnen indessen vor den hochgeschraubten Erwartungen an den „Erlöser“ Obama. „Europa hat ja die sieben Bush-Jahre quasi als Beleidigung aufgefasst. Es wird einen ,Change ‘ im Stil geben, aber nicht in der Substanz“, analysierte Jan Techau vor der Auslandspresse. „Das transatlantische Paradies wird nicht kommen.“

Möglicherweise, so spekulierte sein Kollege Josef Braml, werde Obama einen „Marshall-Plan“ für den Nahen und Mittleren Osten präsentieren – und eine „Koalition der Zahlungswilligen“ schmieden. Und Braml erklärt sich die Wahl Berlins – neben aller Symbolik – auch mit der Persönlichkeit der Kanzlerin: „Merkel gilt als die starke Frau Europas.“ Deutschland sei inzwischen als Vermittler in eine führende Rolle hineingewachsen.


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