Belgrad. Jahrelang galt der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic, der vom UN-Kriegsverbrecher- Tribunal für Ex-Jugoslawien wegen Völkermords gesucht wurde, als spurlos abgetaucht. „Unauffindbar“, „Spur verloren“, konstatierten in- und ausländische Geheimdienste unisono. Doch nach der Verhaftung des mutmaßlichen Massenmörders fördern Serbiens Medien fast stündlich neue Unglaublichkeiten zu Tage.
Mit eindrucksvollem Rauschebart suchte und fand der vermeintliche Heilpraktiker als Doktor Dragan Dabic bewusst das Licht der Öffentlichkeit. Selbst vor laufenden TV-Kameras dozierte der von Patienten als „charismatisch“ und „gütig“ beschriebene Alternativ-Mediziner über die bio-energetische Kraft des Handauflegens. Doktor Dabic habe als Kind die Wälder seines Heimatdorfs erforscht, berichtet seine „offizielle“ Internet-Seite (www.dragandabic.com) In Moskau habe er später Medizin studiert und sich nach zahlreichen Reisen in Asien auf chinesische Heilkunde spezialisiert. Für Einladungen zu TV-Auftritten oder privaten Konsultationen sei Dabic am besten per E-Mail zu erreichen, empfiehlt die - gefälschte - Seite, die auch Lieblings-Weisheiten des „Gurus“ verrät: „Ein Diamant mit Makel ist besser als ein perfekter, normaler Stein.“
Eleganter Bohemien
Leise Zweifel hatten Goran Kojic, Chefredakteur der Zeitschrift „Gesundes Leben“, bei seinem neuen Kolumnisten allenfalls wegen dessen Qualifikation beschlichen. Auf die Frage nach seinem Diplom habe Doktor Dragan behauptet, dass seine in den USA lebende Ex-Frau dieses aus Rache einbehalten habe: „Aber es kam mir nie in den Sinn, dass dieser Mann Karadzic sein könnte“. Doktor Dragan habe durch Handauflegen geheilt, berichtet eine Patientin: „Ich fühlte mich danach besser. Aber vielleicht war es Autosuggestion: Ich weiß nicht mehr, was ich eigentlich noch glauben soll.“
Zumindest ein Jahr bewohnte der einstige Kriegsherr eine bescheidene Zwei-Zimmer-Mietwohnung in den Plattenbausiedlungen der Gagarin-Straße in Novi Beograd. Seinen Nachbarn präsentierte sich Doktor Dabic als eleganter Bohemien. Meist trug er einen weißen Hut und schwarze Kleidung aus Naturfasern. Regelmäßig war er in der Öffentlichkeit Hand in Hand mit einer anonymen etwa 50-jährigen, dunkelhaarigen Frau zu sehen: Den Redakteuren von „Gesundes Leben“ stellte er sie als „Mila“ vor, die Liebe seines Lebens.
„Radovan sieht prächtig aus“
In der Kneipe „Luda Kuca – Irrenhaus“ nippte der Stammgast gerne an einem Rakija. Volksmusik habe er gerne gehört, sei einsilbig, aber freundlich gewesen, erzählen die Gäste. Einmal habe er selbst die Gusla, das traditionelle serbische Volksmusik-Instrument, von der Wand genommen, um auf ihr ein Lied zu zupfen, erzählt Wirt Misko Kovijanic: Von seinem Stammplatz aus habe Doktor Dabic die im Wirtshaus aufgehängten Fotos von Ratko Mladic und Radovan Karadzic genau im Blick gehabt.
Im bosnischen Pale verweigern die Ehefrau und Tochter von Karadzic mittlerweile jede Stellungnahme. „Radovan hat ein paar Kilos verloren, sieht prächtig aus, ist gesund – und voller Optimismus,“ berichtet hingegen sein Bruder Luka, der am Dienstagabend gemeinsam mit 200 randalierenden Nationalisten in der Belgrader Innenstadt für dessen Freilassung demonstrierte.
Bart und Haarpracht sind ab
Vermutlich am Wochenende wird der des Völkermords angeklagte Karadzic in das Gefängnis des UN-Kriegsverbrecher-Tribunals im niederländischen Scheveningen überstellt. Vor dem Gericht wird er sich – unterstützt von einem Juristen-Team – selbst verteidigen, kündigte sein Belgrader Anwalt am Mittwoch an. Bei seiner Rückkehr ins Scheinwerferlicht wird Karadzic auch wieder dem Mann auf den Fahndungsfotos ähnlich sehen: Bart und Haarpracht sind bereits ab. Bis der Prozess tatsächlich beginnt, könnten aber noch mehrere Monate vergehen.
In Serbien hegt angesichts des offenbar völlig sorglosen Doppellebens fast niemand mehr Zweifel, dass Karadzic bisher den Schutz der Sicherheitsdienste und hoher politischer Kreise genoss. Die Polizei habe nichts mit der Verhaftung zu tun, beteuert der neue Innenminister Ivica Dacic, der als Chef der einst von Ex-Autokrat Slobodan Milosevic gegründeten Sozialisten (SPS) die Auslieferung von Kriegsverbrechern stets abgelehnt hatte: „Der Geheimdienst hat ihn geschützt, der Geheimdienst hat ihn jetzt übergeben.“
Von den Schlapphüten habe Karadzic bereits 1998 einen Pass auf den Namen Dabic erhalten und sei damit zweimal nach Russland gereist, berichtete am Mittwoch das Belgrader Boulevardblatt „Presse“. Mit weiteren Überraschungen darf gerechnet werden.
