Im Jahr 2005 hatte Labour die Wahl in Glasgow-Ost bei 30.000 abgegebenen Stimmen noch mit 13.500 Stimmen Vorsprung auf die SNP gewonnen. SNP-Vizechef Nicola Sturgeon sprach von einer Umschwung "epischen Ausmaßes" zugunsten seiner Partei. Die Nachwahl war notwendig geworden, weil der Labour-Abgeordnete David Marshall sein Mandat aus gesundheitlichen Gründen niedergelegt hatte.
Schon Anfang Mai hatte Labour bei der britischen Kommunalwahl eine schwere Niederlage erlitten. Sie landete landesweit auf dem dritten Platz und verlor den Bürgermeistersessel des bis dahin "tiefroten" London an die Tories. Drei Wochen später ging bei einer Nachwahl im Wahlkreis Crewe und Nantwich eine weitere Labour-Hochburg - nach 25 Jahren - an die Tories.
Plus 22,5 Prozent für Nationalisten
Die Schottischen Nationalisten erreichten im Wahlkreis Glasgow-Ost 11.277 Stimmen, um 365 mehr als Labour. Im Vergleich zum Jahr 2005 legte die SNP damit um 22,5 Prozentpunkte zu. Laut BBC war Glasgow-Ost bisher "einer der sichersten Wahlkreise für Labour" gewesen. "Diese Nacht hat den Beweis geliefert: Jeder Teil Großbritanniens hat sich von Labour abgewandt", kommentierte die Tageszeitung "The Guardian" (Internetausgabe).
Nach dem Verlust dieses Wahlkreises dürfte der innerparteiliche Druck auf Premierminister Gordon Brown zunehmen, seinen Posten zu räumen. Schon nach der Schlappe bei der Kommunalwahl hatten sich in einer Umfrage 55 Prozent der Labour-Anhänger für einen Wechsel an der Parteispitze ausgesprochen. Dem früheren langjährigen Schatzkanzler Brown (1997-2006), der erst im Vorjahr den Posten des Regierungschefs von Tony Blair übernommen hatte, werden von Beobachtern nur wenig Wahlchancen gegen den jugendlichen und unverbraucht wirkenden Oppositionsführer David Cameron eingeräumt.
Sieg ist "politisches Erdbeben"
Der siegreiche SNP-Kandidat John Mason sagte in der Wahlnacht, sein Sieg "ist nicht nur ein politisches Erdbeben, es liegt jenseits der Richter-Skala. Die Erschütterungen werden bis (zum Londoner Regierungsviertel) Westminster zu spüren sein." Die Wähler hätten Premierminister Brown ausgerichtet, dass er den Bezug zu ihnen verloren habe. "Es ist Zeit für einen Wechsel."
Labour-Minister Douglas Alexander gab sich in einem ersten Kommentar bedeckt zu den Konsequenzen aus dem "sehr enttäuschenden" Wahlergebnis. Das Boulevardblatt "The Sun" berichtete jedoch unter Berufung auf Labour-Regierungsmitglieder, dass ein Führungswechsel nun "wahrscheinlich" sei.
Die sonst zurückhaltende "Times" sprach von einem "Alptraumergebnis" für Brown. "Man kann das Ausmaß dieser Katastrophe für Labour und Gordon Brown gar nicht unterschätzen", hieß es in einem Kommentar. "The Guardian" zog Vergleiche zu den schweren Nachwahl-Niederlagen der Tories in den 1990er Jahren. "Die vielleicht größte Parallele ist die Nachwahl in Eastbourne in 1990, als ein Umschwung von 21 Prozentpunkten hin zu den Liberaldemokraten den Sturz von Margaret Thatcher (als Premierministerin) einen Monat später einläutete." Die "Eiserne Lady" wurde damals Opfer einer Rebellion von Tory-Hinterbänklern im Unterhaus. Brown drohe nun dasselbe Schicksal, so "The Guardian".
Konservative fordern Neuwahlen
Oppositionsführer und Chef der Konservativen, David Cameron, rief angesichts des Ergebnisses der Nachwahl Premier Brown dazu auf, vorgezogenen Unterhauswahlen zuzustimmen. Die Regierung steckt seit Monaten im Umfragetief.