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Balkan: Serbien schäumt über Montenegros „Verrat“

10.10.2008 | 18:37 | Von unserem Korrespondenten THOMAS ROSER (Die Presse)

Die Anerkennung des Kosovo durch den „abtrünnigen Bruderstaat“ trifft Belgrad besonders hart.

Belgrad. Jede Anerkennung des Kosovo tut Serbien weh. Die Tatsache, dass mit Mazedonien und Montenegro zwei ex-jugoslawische Nachfolgestaaten die Daseinsberechtigung von Europas jüngstem Staat bestätigten, regt die Serben aber besonders auf.

Belgrads Wut trifft vor allem das erst 2006 abgenabelte Montenegro. Der Zorn über den vermeintlichen Dolchstoß des abtrünnigen Brudervolks dampfte Serbiens forschem Außenminister Vuk Jeremicförmlich aus allen Poren. Im serbischen staatlichen Fernsehen wetterte Jeremic gegen die montenegrinische Regierung als das „Regime in Podgorica“.

Zum ersten Mal habe Montenegro Serbien „verraten“, ärgerte sich Kosovo-Minister Goran Bodganovic. In ihrer ganzen Geschichte hätten die Montenegriner gemeinsam mit Serben gekämpft“, klagte Innenminister Ivica Dacic: „Es ist kaum zu glauben, dass Staaten wie Ägypten oder Panama die Bedeutung Kosovos für Serbien-Montenegro besser verstehen als Montenegro selbst.“ Die Botschafter Montenegros und Mazedoniens in Belgrad wurden ausgewiesen.

In einer gemeinsamen Erklärung hatten Mazedonien und Montenegro als 49. und 50. Staat am späten Donnerstagabend das im Februar unabhängig gewordene Kosovo mit mehrmonatiger Verspätung anerkannt. Zwar zogen auch vor der mazedonischen Botschaft in Belgrad Demonstranten auf. Doch die Anerkennung durch Montenegro – unmittelbar nach der UN-Entscheidung zur Überprüfung der Unabhängigkeit vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) – nahm Belgrad persönlich.

 

Warnung vor Zerwürfnis

Seit Jahrhunderten sind die beiden Völker eng verbunden, waren selbst nach dem Zerfall Jugoslawiens bis 2006 noch in einer Staatenunion vereint. Oppositionspolitiker der serbischen Minderheit in Montenegro warnten die Regierung des nur 620.000 Einwohner zählenden Adria-Staats vergeblich vor einem Zerwürfnis mit dem großen Bruderstaat im Fall der Anerkennung des Kosovo.

Nicht nur die lange Grenze mit Kosovo und ähnliche Erfahrungen bei der eigenen mühsamen Abnabelung von Serbien veranlassten Podgorica aber schließlich zur Anerkennung des neuen Nachbarstaates: Auch sanfter Druck der EU-Staaten auf den EU-Anwärter Montenegro dürfte die Entscheidungsfindung in Podgorica beschleunigt haben.

Obwohl Belgrad dem kleinen Bruder „langfristige Konsequenzen“ angedroht hat, können sich beide Staaten ein dauerndes Zerwürfnis kaum leisten. 200.000 Serben leben in Montenegro. Die Wirtschaft ist eng verquickt: Erst zu Monatsbeginn hat der serbische Delta-Konzern in Podgorica seine bisher größte Shopping-Mall im Ausland eröffnet.


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