Ob denn dieser Jörg Haider eine „catilinarische Existenz“ sei, frug der alte Otto Schulmeister den Autor dieser Zeilen zu Beginn der 90er-Jahre bei einem gemeinsamen Mittagessen im „Schwarzen Kameel“ in der Wiener Innenstadt. Das könne er nicht mit Sicherheit sagen, so die Antwort des Befragten. Gewiss sei nur, dass das kleine Österreich längst nicht mit der antiken Weltmacht Rom vergleichbar sei. Heute wissen wir es besser: Der am Samstag tödlich verunglückte Jörg Haider war ein Volkstribun. So etwas wie ein postmoderner Volkstribun mit bierzelterprobtem und medienwirksamem Charisma.
Ein Gespür für die Stimmung der Menschen hatte der Goiserer aus dem Bärental jedenfalls – insbesondere für jene zwischen Karawanken und Tauernkamm. In einem 30-jährigen Marathon quer durch alle Liederabende, Bierzelte und Kirchtage Kärntens hatte er sich da eine Klientel von geradezu unverbrüchlicher Treue in der Stärke von immerhin 50 Prozent der Bevölkerung geschaffen. Eine kleine, aber feine Trutzburg, aus der heraus man manchen politischen Einbruch und manchen Rückschlag verkraften konnte. Der bedeutendste Kärntner Politiker seit dem Karolinger-Kaiser Arnulf, so hört man es heute in den orangen Trauerreden.
Jedenfalls ein Politiker mit bemerkenswert langem Atem: Seit 30 Jahren in der Bundespolitik, hat er die FPÖ von zwei bis drei Prozent am Ende der Steger-Ära in lichte Höhen von nahezu 30 Prozent Wählerzustimmung geführt. Um sie dann wieder an den Rand des Ruins zu treiben, aus ihr ausgeschlossen zu werden und mit einer neuen Instant-Partei erst jüngst wieder auf die bundespolitische Bühne zurückzukehren. Nach den Gründervätern Raab und Figl, nach Bruno Kreisky zweifellos der prägendste Politiker der Zweiten Republik.
Eben dieser Jörg Haider, dieser Langzeitpolitprofi mit dem puerilen Charme, war überdies ganz ohne Zweifel einer der bedeutendsten Repräsentanten des Dritten Lagers seit dessen Bestehen. Wenn der 16-Jährige beim Redewettbewerb des Österreichischen Turnerbundes die Frage behandelte „wie deutsch“ denn Österreich sei, hat der bald 60-Jährige mit seinem konsequentem Eintreten gegen Massenzuwanderung, Islamisierung und Asylmissbrauch, offenbar den Kampf um die historisch gewachsene nationale Identität des Landes niemals aufgegeben. Und wenn der junge Student Haider im Attersee-Kreis geradezu linksliberale Perspektiven zu erarbeiten versuchte, scheint der lebenslange Kämpfer gegen den schwarz-roten Proporz, gegen den er noch im jüngsten Nationalratswahlkampf zu Felde zog, und der Streiter für die sozial Schwachen, eben auch über Jahrzehnte auf Linie geblieben zu sein.
Allzu oft wurde der Verblichene auch aus der Feder des Autors dieser Zeilen der primadonnenhaften Launenhaftigkeit, der weltanschaulichen Beliebigkeit und der Prinzipienlosigkeit geziehen. Angesichts der Tragödie, durch die sein Wirken nunmehr ihr Ende fand, vielleicht auch häufig zu Unrecht. Man muss dabei nicht ironisch werden wie Karl Kraus, wenn er meinte, „der Tod hat etwas Versöhnliches.
Es ist schon so: Wenn man ein lebenslanges politisches Wirken Revue passieren lässt, sich fragt, wo der gemeinsame Nenner des Ganzen ist und was davon bleibt, dann wird man Jörg Haider den gebührenden Respekt zollen müssen. Und dieser Respekt zwingt dann auch dazu, sich dem offensichtlichen Vermächtnis des Toten zu stellen: In seiner an Brüchen und neuen Aufbrüchen reichen Karriere hat er gewiss auch schwere Fehler gemacht – und sie auch selbst erkannt. Als einen solchen dürfte er bereits seit einiger Zeit die Parteispaltung vom April 2005 und die Gründung des BZÖ betrachtet haben. Allein dass er seine Kärntner Getreuen sofort wieder als „die Freiheitlichen in Kärnten“ firmieren ließ, deutet darauf hin.
Versöhnliches Gespräch
Wenn man angesichts einer solchen Tragödie von „Glück“ sprechen kann, dann war es eine glückliche Fügung, dass noch zwei Tage vor dem schrecklichen Unfall ein freundliches und versöhnliches Gespräch zwischen dem Obmann der FPÖ und dem Kärntner Landeshauptmann stattgefunden hat. Über dem offenen Grab werden nunmehr all jene, die sich als Freiheitliche betrachten und an das geglaubt haben, was der junge Jörg Haider zwischen 1979 und 1999 gepredigt hat, nicht umhin können, einander die Hand zu reichen. Mag man auch weiterhin in verschiedenen Parteien wirken, Gesinnungsgemeinschaft sollte angesichts dieser Tragödie niemand verweigern.