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Nobelpreis: Späte Genugtuung für den Friedensprofi

10.10.2008 | 18:38 | Von unserem Korrespondenten HANNES GAMILLSCHEG (Die Presse)

Das Osloer Komitee zeichnet den gefragten Vermittler Martti Ahtisaari aus. Nichts gegen den Finnen, sagen Kritiker, aber hätten chinesische Bürgerrechtler die Auszeichnung nicht eher verdient?

OSLO/KOPENHAGEN. Seine Taktik, um Frieden zu stiften, hat Martti Ahtisaari einmal ganz simpel beschrieben: „Zuhören, zuhören, zuhören.“ Seine Fähigkeit, aus dem Gehörten die richtigen Schlüsse zu ziehen, hat den 71-jährigen Finnen seit Jahrzehnten zu einem der gefragtesten Friedensmakler gemacht. Und jetzt hat er dafür die höchste Auszeichnung bekommen: Am Freitag kürte das Nobelkomitee in Oslo Ahtisaari zum Friedensnobelpreisträger.

Die Wahl löste nicht nur Begeisterung aus. Nichts gegen Ahtisaari. Aber warum, fragten sich viele, wurden auch diesmal die chinesischen Bürgerrechtler übergangen, die im Vorfeld der Verleihung als Favoriten gegolten hatten? Gao Zhisheng oder Hu Jia, den Chinas Machthaber als „Kriminellen“ bezeichneten und dem Norwegen sogar mit Sanktionen drohte, wenn man ihn auszeichne?

Schon die erste Frage, der sich Komiteevorsitzender Ole Dambolt Mjøs nach der Verkündigung Ahtisaaris stellen musste, gab die Stimmung an: „Wagt ihr nicht, euch den Zorn Pekings zuzuziehen?“ „Wir wagen alles“, gab Mjøs zurück und griff in der Nobelgeschichte auf das Jahr 1935 zurück, als der Hitler-Gegner Carl von Ossietzky zur Empörung des deutschen Diktators den Preis erhielt. „Wir wagten damals, und wir wagen heute.“ 1975 Andrej Sacharow, 1989 der Dalai Lama, 2003 die Iranerin Shirin Ebadi seien Beweise dafür, dass das Nobelkomitee Konflikte nicht scheue.

Bei Ahtisaari musste Oslo allenfalls Proteste aus Belgrad befürchten, denn in Serbien ist der Architekt der Kosovo-Lösung nicht gut angesehen. Er habe einseitig die Positionen der Kosovaren vertreten, wirft man ihm dort vor.

 

Würdigung eines Lebenswerks

Das Nobelkomitee zeichnete diesmal wieder, wie zuletzt bei Jimmy Carter, ein Lebenswerk aus, nicht einen konkreten Erfolg. Ahtisaari habe sich durch drei Jahrzehnte und auf drei Kontinenten um die Lösung internationaler Konflikte bemüht, betonte Mjøs, und er habe damit zu einer „friedlicheren Welt“ beigetragen.

Mit Vermittlung in Konflikten haben wenige mehr Erfahrung als der 1937 im heute russischen Karelien geborene Finne, der als junger Lehrer und Entwicklungshelfer in Pakistan sein Interesse für internationale Fragen entdeckte, das ihn erst in den diplomatischen Dienst seiner Heimat und dann zur UNO führte. Die zwölf Jahre, in denen er als UN-Kommissar für Namibia und als Organisator der ersten freien Wahlen die Unabhängigkeit des ehemaligen Südwestafrika vorbereitete, bezeichnet er bis heute als seine wichtigste und erfolgreichste Periode.

Weniger brillant war sein Abstecher in die finnische Innenpolitik, als ihn die Sozialdemokraten auf der Suche nach einem unabhängigen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl aufstellten. Ahtisaari gewann, doch er wurde nie populär, und ehe er vier Jahre später zur Wiederwahl antreten konnte, machte die Partei klar, dass sie ihn nicht wieder nominieren wollte.

Da er dann in den letzten Monaten seiner Amtsperiode im Auftrag der EU den serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic in zähen Verhandlungen zur Aufgabe im Kosovo-Krieg überreden konnte, war seine Antwort auf die Kritik: in der Heimat umstritten, international gehuldigt.

Danach gründete er das private Friedensmaklerbüro CMI (Crisis Management Institute). Er gehörte zur Gruppe der „Weisen“, die Österreich auf seine demokratische Gesinnung prüften und zur Aufhebung der EU-Sanktionen gegen die schwarz-blaue Regierung in Wien rieten.

Er vermittelte an Afrikas Horn und holte verfeindete irakische Gruppen an den Verhandlungstisch in Helsinki. Dort gelang ihm auch sein Meisterwerk, als er nach dem verheerenden Tsunami, der die Aceh-Provinz verwüstete, 2005 die indonesische Regierung und die Separatistenbewegung für ein Freies Aceh zusammenbrachte und eine Autonomielösung aushandelte. „Eines der seltenen Beispiele für eine dauerhafte Friedenslösung“, pries ihn der Osloer Friedensforscher Sverre Lodgaard.

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