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Finanzkrise könnte Voest zum Aufschub zwingen

10.10.2008 | 18:37 | HEDI SCHNEID (Die Presse)

Eine Entscheidung wird noch heuer erwartet – eventuell sogar gegen den Bau?

Washington/Wien. Es ist das größte Projekt, das die Voestalpine je in Angriff genommen hat, und deshalb auch ein Prestigeprojekt: ein komplett neues Stahlwerk – so groß wie Linz – am Schwarzen Meer mit einem Investitionsvolumen von fünf bis sieben Mrd. Euro. Eine wichtige Vorentscheidung – die Auswahl von zwei der vier potenziellen Standorte in Rumänien, Bulgarien, der Türkei und der Ukraine – sollte im September fallen. Doch das Projekt war nicht Thema der Aufsichtsratssitzung.

Voest-General Wolfgang Eder hofft zwar nach wie vor, den Zeitplan einhalten und die endgültige Entscheidung vor Jahresende fällen zu können. Bei der Weltstahlkonferenz in Washington ließ Eder aber jetzt mit der Bemerkung aufhorchen, das Projekt könnte angesichts der Finanzkrise aufgeschoben werden. Damit sprach er erstmals öffentlich aus, worüber in Bankerkreisen schon seit längerem spekuliert wird. Auch in Aufsichtsratskreisen wäre man nicht unglücklich, sollte das „zweite Linz“ aufgeschoben werden, heißt es.

Obwohl die Voest auch im laufenden Geschäftsjahr 2008/09 neuen Rekordwerten bei Umsatz und Gewinn entgegensteuert, hat sich infolge der Übernahme von Böhler-Uddeholm die Verschuldung auf 3,6 Mrd. Euro erhöht. Bis dato sind die Kreditzinsen gestiegen. Das Gearing (Nettoverbindlichkeiten gemessen am Eigenkapital) liegt bei 80 Prozent. Gleichzeitig hat der massive Kursrutsch der Voest-Aktie den Börsewert des Konzerns auf 2,75 Mrd. Euro gedrückt.

Analysten sollen deshalb zuletzt ebenfalls dazu geraten haben, das Megaprojekt hintanzustellen. Zumal der sechs Jahre anhaltende Stahlboom nachlässt und die Preise bröckeln. Großkunden wie die Autobauer leiden unter massiver Nachfrageschwäche, und auch im Maschinen- und Anlagenbau kühlt sich die Konjunktur ab.

 

Keine Bedarfsprognose für 2009

Damit kommen auch Erzeuger von teuren Spezialstählen wie die Voest unter Druck. Rund um den Globus drosseln Stahlhändler und -verarbeiter die Bestellungen, um die Lager zu leeren und billiger nachkaufen zu können. Erstmals hat der Weltstahlverband bei der Jahrestagung keine Bedarfsprognose für 2009 abgegeben und aufs Frühjahr vertröstet – ein Novum der Organisation.

Abgesehen von der Finanzkrise ist beim neuen Stahlwerk die EU-Klimapolitik ein wichtiges Entscheidungskriterium. Erst im Dezember sollen die Emissionsregeln für die Zeit nach 2012 entschieden werden. Die Voest bekämpft den EU-Vorschlag, dass die Industrie CO2-Zertifikate über eine Börse zukaufen soll. Sollte Brüssel dabei bleiben, gilt als sicher, dass das neue Stahlwerk nicht in Rumänien oder Bulgarien entsteht.

Eder hat mehrmals betont, dass der Stahlkoloss nur gebaut werde, wenn er sich wirtschaftlich rechne. Möglicherweise hat sich die Kosten-Nutzen-Rechnung jetzt massiv verschlechtert.


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