Wien. Giorgio Armani, Karl Lagerfeld oder Vivienne Westwood müssen sich wohl nach neuen Stoffen umsehen. Denn einer ihrer Partner, der 172-jährige Dornbirner Betrieb Hämmerle, steht zum zweiten Mal vor dem Aus.
1986 war der Betrieb, der sich auf die Produktion von Hemdenstoffen spezialisiert hat, mit 2200 Mitarbeitern das größte Textilunternehmen Österreichs. Nun will man so schnell wie möglich den Konkursantrag einreichen. Im Vergleich zum Vorjahr seien die Aufträge um 50 Prozent eingebrochen. „Hier muss ich leider handeln“, sagte Geschäftsführer Josef Hahnl, der Hämmerle 2000 als Sanierer übernommen hat.
„Bei der aktuellen Konjunktur ist die Nachfrage nach Luxus-Stoffen nicht zu groß“, erklärt der Geschäftsführer der Fachgruppe Textil der Wirtschaftskammer Vorarlberg, Andreas Staudacher. Die Qualitätsansprüche der Kunden, im Fall Hämmerle vor allem aus Deutschland und Italien, würden immer höher, ebenso der Druck auf die Preise.
Fällt ein Großkunde aus, könne das einen Betrieb schon in die Pleite treiben. Anderen Textil-Produzenten aus Vorarlberg gehe es hingegen sehr gut, sagt der Branchenvertreter: „Huber Tricot läuft fantastisch, Wolford stellt ein.“
Druck aus Asien „gigantisch“
Seit den 1960er-Jahren wurden in der Vorarlberger Textilindustrie rund 13.000 Jobs gestrichen, die Zahl der Betriebe hat sich fast halbiert. Heute arbeiten in Vorarlberg – inklusive der knapp 300 Hämmerle-Mitarbeiter, die nun um ihren Job fürchten müssen – noch 4400 Menschen bei den 56 Unternehmen der Textilbranche.
Allerdings sei der Druck aus Asien noch immer „gigantisch“, sagt Staudacher. Bei der Massenproduktion können die Österreicher kaum mit den Preisen der Textilien aus Entwicklungs- und Schwellenländern mithalten: So kostet die Arbeitsstunde eines ungelernten Textilarbeiters in der EU etwa 15 Euro, in China nur rund 50 Cent. Auch Energie kostet hierzulande wesentlich mehr.
Langfristig hätten nur Unternehmen eine Chance, die sich in einer bestimmten Qualitäts-Nische positionieren können. Wie das Bludenzer Unternehmen Getzner. Das macht zwar noch immer zwei Drittel seines Geschäfts mit Hemdenstoffen wie Hämmerle, am stärksten wächst aber das Geschäft mit Afrika. Vor allem in Nigeria und anderen Ländern Westafrikas kauft man containerweise Stoffe aus dem Ländle. Getzner hat sich auf so genannten „Afro-Damast“ spezialisiert. Diese gewebten, bunten und vor allem glänzenden Stoffe werden seit 30 Jahren nach Afrika verkauft. „Richtig gut“ laufe das Geschäft seit rund fünf Jahren, erklärt Afrika-Vertriebsleiter Wolfgang Kunze.
In Nigeria wurde viel Geld mit Öl verdient, das man nun für Qualitätsprodukte ausgibt. Getzner hat sich auf die Veredelung spezialisiert, damit der Stoff lange glänzt und in Afrika bestickt werden kann. Mittlerweile bringt der Afrika-Export Getzner einen Jahresumsatz von etwa 30 Mio. Euro.
Sticken für Afrika
Nicht nur Damast, auch österreichische Stickereien kauft man in Westafrika. Die Vorarlberger Sticker machen mittlerweile 60 Prozent ihres Umsatzes mit Nigeria. Speziell die Yoruba, ein Volk im Süden Nigerias, kaufen tonnenweise Vorarlberger Stickereien.
Afrika sei für Österreich zwar ein riesiger Absatzmarkt, sagt Kunze, allerdings drängen auch die Chinesen zunehmend in diesen Markt. Den Europäern bleibe wiederum der Fokus auf Qualität.
Das, sagt Staudacher, sei generell die große Chance der Textilindustrie. Derzeit werden im Ländle hauptsächlich Stoffe für Kleidung hergestellt. Einige Betriebe konzentrieren sich auf technologische Produkte, etwa für die Flugzeug- oder Autoindustrie. Das seien aber noch zu wenige, meint Staudacher. Ob durch die Konjunkturschwäche weitere Textilunternehmen bedroht sind, lasse sich nicht abschätzen, sagt der Branchenvertreter. Einzig die Hämmerle-Pleite sei absehbar gewesen.
Wie lang die Produktion von Hämmerle aufrechterhalten wird, sei ungewiss, erklärt Betriebsrat Reinold Diem. Allerdings habe ein Großteil der Angestellten kein Urlaubsgeld erhalten. Auch ein Drittel der Löhne der Arbeiter, die zum 15. Juli fällig gewesen wären, sei nicht bezahlt worden.
