Die Presse: An den Finanzmärkten und bei den Sparern herrscht Hysterie. Fördert diese Hysterie womöglich auch Unterbewusstes und Verdrängtes zutage?
Alfred Pritz: Mit der Krise wird ein Tabubereich ans Licht gebracht: die Beziehung zum Geld.
Das Geld wird tabuisiert?
Pritz: Geld ist ein großes Tabuthema. Ein Banker hat mir einmal gesagt: Wir leben gut davon, dass die Menschen ihr Geld nicht mögen. Viele Menschen haben ja ihr eigenes verdientes Geld irgendwelchen fremden Leuten gegeben, die damit spekulierten. Das ist ja eine kuriose Situation.
Warum gibt es diese unterbewusste Aversion gegen Geld?
Pritz: Die Menschen empfinden Geld als etwas Schmutziges. Darauf hat bereits Sigmund Freud hingewiesen. Geld erweckt die Assoziation mit Kot, hat er gesagt.
Wo begegnet man dieser Einstellung, Geld sei etwas Schmutziges?
Pritz: Man erkennt dieses Tabu etwa daran, wie Menschen ihr Einkommen gegenüber anderen darstellen. Sie spielen es herunter, weil sie Angst haben, dass der andere Neidgefühle bekommt. Oder: Viele wissen ja gar nicht, was sie mit dem ganzen Geld tun sollen. Die können es nicht emotional aufladen. Aber natürlich gibt es auch jene, die eine gute Beziehung zum Geld haben. Die in der Lage sind, das Geld für etwas für sie Sinnvolles einzusetzen.
Müssen wir also wirklich lernen, unser Geld mehr zu lieben?
Pritz: Sehr viele Menschen lernen überhaupt nicht, mit Geld umzugehen. Wenn ich Minister wäre, wie man so schön sagt, würde ich das Unterrichtsfach „Gelderziehung“ in der Schule einführen. Die ganze Schulzeit über hören die jungen Leute nie, wie man mit Geld umgehen soll. Weil Geld eben ein Tabubereich ist. Die jungen Leute lernen nie, wie man sich Geld einteilt. Was es heißt, einen Kredit zu haben. Das alles lernt man nirgends. Das ist das Augenscheinlichste am gesellschaftlich tabuisierten Geld.
Beim Umgang mit dem heißt es also: Learning by doing...
Pritz: Das ist wie bei der heimlichen Liebe. Man lernt es halt irgendwo. Und es gibt genügend Fälle, wo sich Menschen in jungen Jahren auf ihr Leben hinaus verschulden und nie mehr finanziell hochkommen. Geld ist ein Lebensmittel. Freud sagt: Geld ist die erste Erfahrung von Besitz.
Ab welchem Alter sollte denn Gelderziehung in der Schule unterrichtet werden?
Pritz: Ab acht Jahren.
Und was würde diese Gelderziehung bewirken?
Pritz: Die Menschen wären zumindest viel hellhöriger, wenn ihnen irgendwelche Vertreter gleißende Versprechungen verkünden. Vertreter, die nur an ihrer Provision interessiert sind.
Aber von dieser Krise sind ja nicht nur die Uninformierten überrascht und betroffen. Auch jene, die jahrelang auf dem glatten Parkett der Hochfinanz erfolgreich unterwegs waren, sind nun offensichtlich mit ihrem Latein am Ende.
Pritz: Deshalb haben die Menschen auch Angst. Weil selbst die Experten im Fernsehen sich die Krise nicht mehr erklären können.
Wann wird die Angst ums Ersparte besonders groß?
Pritz: Die Angst verstärkt sich besonders dann, wenn jemand sagt: Es gibt kein Problem.
„Wir haben alles im Griff“, hat Notenbankchef Ewald Novotny vor kurzem gesagt.
Pritz: Da werden die Leute besonders nervös...
Man hat das Gefühl: Gute Nachrichten sind normal, bei schlechten bricht Panik aus.
Pritz: Der Mensch empfindet das Leid viel stärker als die Freude. Das trifft ganz allgemein zu. Es gibt ja auch viel mehr Tragödien im Theater als Komödien. Das Dunkle ist sozusagen stärker als das Helle. Und so wird das in diesen Tagen auch an den Börsen erlebt.
Apropos dunkel: Kann man die zum Teil panische Angst an den Börsen auch damit begründen, dass die Ursachen des Crashs noch vielerorts im Dunkeln liegen?
Pritz: Das Unangenehme an diesem Börsencrash ist, dass es keine einzelnen Schuldigen gibt. Die normalen Menschen fühlen sich den Ereignissen hilflos ausgeliefert. Sie wissen nicht, was in den Tempeln der Hochfinanz vor sich geht.
Solange die Kurse in die Höhe geschnellt sind, haben die Leute auch nicht gewusst, was in diesen Tempeln geschieht. Man könnte salopp sagen: Der Crash ist jetzt die Strafe für die Gier.
Pritz: Gier ist ja an sich nichts Schlechtes, solange sie unter Kontrolle ist. Aber die Gier des Menschen hat ja etwas mit seiner Angst vor dem Tod zu tun. Die Vorstellung vom unendlichen Reichtum beendet ja Armut und eigentlich auch den Tod. Die Gier ist der Antagonist zum Sterben.