Joseph Cassano zählt wohl zu jenen Menschen, mit denen derzeit kaum jemand tauschen möchte: Cassano ist einer von tausenden Bankern, die im Zuge der tobenden Finanzkrise ihren Job verloren haben. Der frühere Risikomanager des Versicherungskonzerns American International Group (AIG) kann sich wenigstens über ein kleines Trostpflaster freuen: Sein früherer Arbeitgeber überweist ihm nach wie vor eine Million Dollar auf sein Konto. Pro Monat. Zudem stehen noch 34 Millionen Dollar an Gehaltszulagen offen.
Nicht schlecht. Immerhin schätzte Joseph Cassano jahrelang die Risken der AIG-Gruppe ein. Nicht gerade mit durchschlagendem Erfolg – andernfalls hätte der Versicherungsriese wohl kaum mit Staatshilfen vor dem Bankrott gerettet werden müssen.
Der Fall Cassano ist nicht die Ausnahme, er ist die Regel. Zahlreiche Banken, die nun die Allgemeinheit um Hilfe anflehen, haben gescheiterte Manager mit Millionen abgefertigt nach Hause geschickt. Der spektakulärste Fall war jener von Stanley O'Neal (Merrill Lynch): Nach einem Verlust von 52 Milliarden Dollar musste er seinen Sessel räumen – mit 161 Millionen Dollar Abfertigung im Gepäck. Wenn in den USA der Staat nun 700 Milliarden Dollar an Steuergeldern lockermachen muss, um den Banken aus der Patsche zu helfen, ist der aufkeimende Zorn in der von der Finanzkrise hart getroffenen Bevölkerung nur verständlich.
Interessanterweise werden die US-Staatshilfen vor allem in Europa mit Hohn und Spott begleitet. Ausgerechnet im Epizentrum des Turbokapitalismus müsse der Staat den freien Markt mit „horrenden“ Summen vor sich selbst retten, wie Kolumnisten vor sich hin japsen.
Drei Jahre ÖBB-Subvention
700 Milliarden Dollar sind eine Menge Geld, keine Frage. Umgerechnet 514 Milliarden Euro – mehr als das Doppelte der Wirtschaftsleistung Österreichs. Allerdings ist die US-Wirtschaft auch 42-mal größer als die heimische. Dividieren wir also 514 Milliarden durch 42, bringen wir das gigantische Rettungspaket auf österreichische Dimensionen. Investiert die US-Regierung 700 Milliarden Dollar, dann ist das relativ betrachtet dasselbe, als nähme die Republik Österreich zwölf Milliarden Euro in die Hand.
Eine Summe, mit der sich locker zwei große Steuersenkungen finanzieren ließen. Andererseits reichen zwölf Milliarden Euro gerade einmal, um den Subventionsbedarf der staatlichen Bundesbahnen für drei Jahre zu decken. Rund vier Milliarden Euro erhalten die ÖBB vom Vater Staat – Jahr für Jahr. Gelingt es den USA, mit 700 Milliarden Dollar die Finanzwirtschaft aus dem Sumpf zu ziehen, dann wäre das eine höchst vielversprechende Investition – zumal das Geld den Banken nicht geschenkt, sondern nur vorgestreckt wird.
Ungute „Sternenkonstellation“
Die 700-Milliarden-Dollar-Spritze ist also weniger das Problem. Auch nicht die unappetitlich hohen Abfindungen an die früheren Leuchten der Finanzbranche. Das zentrale Problem ist die allerorts um sich greifende Angst. Und das noch größere Problem ist, dass diese Angst berechtigt ist.
Derzeit treffen nämlich ein paar ungemütliche Ereignisse aufeinander: Die beiden großen Wirtschaftsblöcke USA und Europa befanden sich schon vor dem Sommer im Abschwung, der nun durch die schwere Immobilien- und Aktienkrise verstärkt wird. Als wäre das nicht schon genug, droht auch noch eine globale Finanzierungskrise.
Egal, wie viel Geld die Notenbanken auch in die Märkte pumpen – die Banken leihen einander kaum noch was, weil sie einander nicht mehr trauen. Zu Recht, sie haben sich auch über Jahre hinweg gegenseitig ganz prächtig angelogen. Jetzt verkaufen Banken und Investmentfonds, was das Zeug hält und jagen damit die Börsenkurse immer tiefer in den Keller. Sie brauchen Geld, das sie vor lauter Angst horten. Um die Ecke wartet nämlich eine schmerzhafte Wirtschaftskrise auf uns.
Bevor jetzt alle die Nerven wegschmeißen, ist zu erwähnen, dass wir nicht vor der ersten Krise stehen. Seit Beginn des Freihandels haben wir über 40 Vertrauenskrisen gemeistert, die von den jeweiligen Beobachtern allesamt zum Untergang hochgedeutet wurden. Das System der Marktwirtschaft ist fehleranfällig, aber lernfähig – und langfristig gesehen das beste, das wir kennen. Nach jeder gemeisterten Krise wurden bessere Entscheidungen getroffen als davor.
Der „Lender of last resort“
Da müssen wir durch. Auch, wenn die gewährten Staatshilfen einem Blankoscheck für die Bankrotteure gleichkommen. Auch, wenn der Weg aus der Krise über die teilweise Verstaatlichung von Banken führt. Hoffentlich nur vorübergehend – der Staat hat schließlich hinlänglich bewiesen, der schlechteste aller Banker zu sein. Als „Lender of last resort“ kann der Staat aber helfen, die von ihm mitverursachte Krise zu meistern. Mit seiner ausufernden Geldpolitik und der völlig vernachlässigten Finanzaufsicht ist er ja zumindest ein Mittäter.