diepresse.com

Textversion
Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech & Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum      Vollansicht

Artikel drucken

„Wir wussten Bescheid und haben nicht reagiert“

10.10.2008 | 18:39 | OLIVER GRIMM (Die Presse)

Sobald der Schutt der Finanzkrise beseitigt ist, müssen zwei Aspekte der Finanzwirtschaft strenger reguliert werden, sagt der US-Finanzprofessor Leeds: sogenannte „Schattenbanken“ und derivative Wertpapiere.

Washington. Nein, sagt Roger Leeds, Finanzprofessor an der Johns Hopkins University in Washington, er hätte es noch vergangene Woche für undenkbar gehalten, dass der amerikanische Finanzminister eines Tages mit dem Geld der Steuerzahler Anteile an ramponierten Banken kaufen würde. „Von Tag zu Tag steigt die Komplexität der Ereignisse. Wir befinden uns derzeit auf unerforschtem Gebiet. Da gibt es kein Lehrbuch, an das wir uns halten könnten“, sagt Leeds im „Presse“-Gespräch. „Wir werden derzeit Zeugen davon, welche Schwierigkeiten Regierungen haben, auf den Lauf der Ereignisse angemessen zu reagieren.“

Die globale Finanzkrise, nicht nur in den Augen des Internationalen Währungsfonds (IWF) die schwerste seit der großen Depression in den 1930er-Jahren, ruft allerorten die Befürworter strenger Regulierung auf den Plan. Der Kataklysmus von faulen Hypotheken, gigantischen Bilanzverlusten, zahlungsunfähigen Banken und einem Erstarren der Kreditvergabe wäre zu verhindern gewesen, sagen die Anhänger stärkerer Staatsaufsicht, wenn man den Banken, Investmentfonds und Versicherungskonzernen früher und genauer auf die Finger geschaut hätte.

 

Bislang keine Aufsicht

Leeds sieht das auch so. Der erste Schritt jeder Reform der Aufsicht über den US-Finanzmarkt, wo die Krise ihren Ausgang genommen hatte, müsse seiner Ansicht nach sein, die sogenannten „Schattenbanken“ unter die Aufsicht der Notenbank Federal Reserve und des US-Finanzministeriums zu bekommen. Als „Schattenbanken“ bezeichnet man all jene Finanzakteure, die großteils außerhalb der staatlichen Aufsicht agieren: also Investmentbanken, Hedgefonds und Private-Equity-Investoren. „Als Folge dessen konnten diese Akteure den Kredithebel viel stärker nutzen als normale Banken. Viele Risiken, die sich jetzt entfalten, wurden außerhalb der Bilanzen versteckt. Das darf es nicht mehr geben“, sagt Leeds.

Wobei dieses Problem nicht neu ist. Derivative Finanzinstrumente – durch die mit geringem Mitteleinsatz große Gewinne, aber auch Verluste verursacht werden können – bereiten dem US-Kongress seit eineinhalb Jahrzehnten Bauchweh. Wie die „New York Times“ in einer aktuellen Analyse erinnert, beauftragte der demokratische Abgeordnete Edward J. Markey schon 1992 das General Accounting Office des Kongresses mit einer Studie über die Risken des Handels mit Derivativen. Zwei Jahre später war dessen Bericht da. Fazit: Bei der Aufsicht über diese Finanzprodukte gebe es „signifikante Lücken und Schwächen“. Der plötzliche Rückzug eines der großen US-Derivativhändler könnte in den Märkten Liquiditätsprobleme und „Risiken für das gesamte Finanzsystem schaffen“, hieß es. „In manchen Fällen könnte ein Bailout (Aus-der-Klemme-Helfen, Anm.) notwendig werden, der von den Steuerzahlern bezahlt oder garantiert wird.“

 

Greenspan verteidigte Derivate

Doch die unregulierten Derivative hatten prominente Verteidiger in den Reihen der Wall-Street-Banken – und einen besonders einflussreichen Fürsprecher: Alan Greenspan, damals Chef der Fed. „Der Einsatz von Derivativen hat die Flexibilität der Volkswirtschaften deutlich verbessert“, meinte er noch im März 2003. Da war der gesamte Derivativmarkt schon mehr als 110 Billionen Dollar (81 Bio. Euro) schwer. Heute sind das 531 Billionen Dollar. Und trotzdem konnten Greenspan und seine Mitstreiter an der Wall Street die Aufsicht über diesen Markt zwei Jahrzehnte lang verhindern. Denn Greenspan war sakrosankt. Die Welt hing an seinen Lippen. Auch wenn sie nicht immer verstand, was genau er sagte.

„Wir wussten über diese Probleme Bescheid“, sagt Finanzprofessor Leeds heute. „Aber wir haben nicht reagiert.“ Er weist auf das Problem hin, dass es in den USA unterschiedliche Aufsichtsbehörden für die großen Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddy Mac gibt, in jedem Bundesstaat eine für die Versicherungsfirmen und etliche andere für den Rest der Finanzwirtschaft. „Das wird man vereinigen müssen. Vor allem muss die Börsenaufsicht der Securities and Exchange Commission deutlich gestärkt werden. Die war in den letzten Jahren völlig im Abseits.“

Allerdings warnt Leeds davor, in regulatorischen Übereifer zu verfallen. „Man muss sehr aufpassen, dass das Pendel nicht in die andere Richtung schwingt.“ Anders gesagt: Ein zu strenges gesetzliches Korsett würde auch den vernünftig kalkulierenden Banken die Luft abschnüren. Besonders dumm wäre es, eine neue Superbehörde zu schaffen. „So etwas wie das US-Heimatschutzministerium für die Finanzwirtschaft wäre keine gute Idee.“ Es gilt daher für die Politiker von Washington bis Brüssel, das richtige Augenmaß zu finden.


Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech & Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum      Vollansicht

© DiePresse.com