Gemeinsam statt Einsam. Experten plädieren für eine vernetzte Juristenausbildung: Dass an der Uni Wien künftig Fächer zusammen gelernt werden müssen, wird daher begrüßt.
WIEN. Die Notwendigkeit einer Reform liegt für Heinz Mayer, ab dem Wintersemester Dekan der Jus-Fakultät der Uni Wien, auf der Hand. "Die Zufriedenheit mit dem Studienplan hat in den letzten Jahren abgenommen", betonte er vorige Woche bei einer von der "Presse" mitveranstalteten Podiumsdiskussion am Wiener Juridicum. Zusammen mit dem Verein "Zepra Universität & Praxis" hatte man Experten zu einer Debatte über die künftige Juristenausbildung geladen.
Die Eckpunkte von Mayers Reform: Zusammengehörige Fächer, etwa Bürgerliches Recht, Unternehmensrecht und Zivilverfahrensrecht, müssen gleichzeitig gelernt werden. Dadurch soll vernetztes Denken bei den Studenten aufgebaut werden. Dazu verstärkt man die wirtschaftliche Ausbildung.
Protest gegen Mayers Plan kam prompt aus dem Publikum: Eine Studentin erklärte, es sei zu schwierig, viele Fächer auf einmal zu lernen. Mayer ließ das nicht gelten: "Es ist ganz einfach und locker, Frau Kollegin" - man dürfe halt künftig nicht mehr erst sechs Wochen vor der Prüfung zu lernen beginnen, so Mayer. "Wenn man von Anfang an mitlernt, dann kann es kein Problem sein."
Gerhard Benn-Ibler, Präsident des Österreichischen Rechtsanwaltskammertags, freut sich, dass auch der neue Studienplan zum Universal-Juristen ausbildet. "Denn Sie wissen nicht, in welchem Beruf Sie letztlich sein werden", so Benn-Ibler. Die Hinwendung zum vernetzten Lernen sei der richtige Weg - es sollte sogar noch stärkere Verpflichtungen geben, Prüfungen über bestimmte Fächer gleichzeitig oder innerhalb kurzer Zeit abzulegen. Aus der Sicht der Rechtsanwälte bedauerlich: Nach wie vor seien die Jus-Studien an den verschiedenen heimischen Unis zu unterschiedlich.
Wie wichtig vernetztes Denken in der Praxis ist, wurde auch von Dorit Primus, Richterin am Oberlandesgericht Wien, betont. Überdies könne man nie voraussagen, welche Entwicklungen im Recht kommen. Wenn plötzlich etwas Neues wie einst das Europarecht kommt, müsse ein guter Jurist damit umgehen können. Und Primus lobte die verstärkte ökonomische Komponente: "Denn Bilanzierung ist auch für Richter wichtig."
Auch für die Wirtschaftsjuristen am Podium war das fächerübergreifende Verstehen enorm wichtig. Das gelte aber auch für Fremdsprachen, betonte Eva Marchart, Vorstandsvorsitzende der Raiffeisen Centro-Bank AG. "Englisch ist nicht mehr das Thema, absolut perfektes Englisch ist das Thema", lautet ihr Credo. In dieselbe Kerbe hatte schon zuvor Peter Kunz, Rechtsanwalt und "Zepra"-Vorstandsmitglied, geschlagen. "Mich stört am meisten, dass man das Jusstudium weiterhin mit bescheidenen Fremdsprachenkenntnissen abschließen kann", betonte er. Das sei ein Wettbewerbsnachteil gegenüber Wirtschafts-Absolventen. Er fände es gut, etwa Römisches Recht auf Englisch zu unterrichten - das sei ja ein internationales Recht. "Wir sind keine Sprachschule" konterte Mayer. Gewisse Dinge müssten sich die Studenten außerhalb der Uni aneignen. Immerhin eine Lehrveranstaltung muss übrigens in einer Fremdsprache absolviert werden.
Alexander Wrabetz, kaufmännischer Direktor des ORF, wünschte sich ein verstärktes Erlernen von konkreter Vertragsgestaltung an der Uni. Der Studienplan sei aber ein Schritt in die richtige Richtung. "Und die Diskussion hat mir fast Lust gemacht, noch einmal mit dem Studium zu beginnen."