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Das Heimgehen vom Einkaufen ist mit der Gefahr verbunden, in eine Depression zu kippen. Ich trage die Einkaufssäcke, Menschen mit Einkaufstaschen sieht man immer seltener, ich gehe über die Kreuzung Zieglergasse- Westbahnstraße, an der seit einiger Zeit eine Fußgeherampel ist. Der Gehsteig führt nun leicht bergauf, das Schottenfeld lag ja auf ei- nem der Hügel Wiens, war bewaldet und bewiest, es geht von der Ringstraße bereits bergauf, am Volkstheater vorbei, in die Breite Gasse, wo das kleinste Haus von Wien steht, und weiter bergauf in die Siebensterngasse, bis zur Neubaugasse, und wieder bergauf, Westbahnstraße bis zur Haltestelle an der Zieglergasse. Diesen Weg zu Fuß zu gehen lässt einen außer Atem kommen. Es fährt der Neunundvierziger, es fahren die Autos und Fahrräder, es ziehen Menschen ihre Einkaufswagen. Am Schnitzelhaus vorbei, in dem nur wenige Gäste sind, ich weiß nicht, wovon sich dieses Restaurant ernährt und wem es gehört, gegenüber die Kirche, deren Tor sonntagnachmittags versperrt ist, am Sonntagnachmittag gibt es keinen Weg zum lieben Gott, an "Höchstkrediten" vorbei, dann der Juwelier, ein geheimnisvol-ler Laden, in dem ich eigentlich nie Kundschaft sehe, ein Teppichgeschäft, der griechische Arnes, ein Restaurant, das auch meist leer steht, und gegenüber die Apotheke, brauche ich noch irgendetwas, ich gehe gern in die Apotheke hinein, wegen des Geruchs. Ich werde immer müder. Jetzt ist der Moment, in dem ich mich auffangen muss. 30 Jahre wohne ich hier, seit 30 Jahren gehe ich einkaufen, das sind 10.000-mal ungefähr, dass ich diesen Weg schon gehe. Wiederholungen haben etwas Deprimierendes. Schon 10.000-mal den Schlüssel ins Haustor gesteckt, 10.000-mal gedacht in der Schottenfeldgasse, ob ich vorsichtig überquere oder überfahren werde. Nur keine Depression jetzt beim Anblick der Stufen im Haus, ganz bewusst habe ich sie nie gezählt, und wenn ich in Versuchung komme, sie zu zählen, sage ich mir den Text eines Liedes vor. Vor der Wohnungstür, 10.000-mal aufgesperrt. Im Vorzimmer die Säcke abstellen, das hat ja Zeit, immer wieder in den Eiskasten einräumen und in die Küche stellen, ich schaue zuerst, ob mich jemand angerufen hat, es ist das rote Blinken ein Willkommensgruß. Nein, es hat niemand angerufen, ich sage mir, das ist nicht so wichtig, dass jemand anruft, sie denken an einen, auch wenn sie nicht anrufen, wer weiß, wie viele Menschen in der Welt jetzt gerade an mich denken. Wie oft denke ich an Menschen, intensiv, ohne sie deshalb gleich anzurufen oder ihnen zu schreiben. Ich bin nicht allein. Ich lebe nicht allein. Ich wohne nur allein. Und das ist gut! So, Depression abgewehrt. Ich habe eine geräumige Wohnung (die Wohnung hat mich), ich habe einen großen Schreibtisch (der Schreibtisch hat mich), ich habe eine Schreibmaschine, ein Radiogerät, sie haben mich.

Eigentlich bin ich unwichtig, sage ich mir, wenn der Verfolgungswahn kommt. Es ruft mich niemand an, weil alle meine Bekannten beschlossen haben, mich zu boykottieren. Sie haben vereinbart, dass ich ganz allein sein soll, ganz allein, auch keine Briefe mehr vom Briefträger, das Postamt ist beauftragt, Briefe, die an mich gerichtet sind, nicht mehr zuzustellen, das Postamt ist beauftragt, Briefe, die ich absenden möchte, in ei- nen Papierkorb zu werfen, das Postamt erneuert immer dann einen Posten mit einem neuen Beamten, wenn ich Vertrauen gefasst habe und beim Abgeben der Briefe scherze. Vielleicht, wenn ich ein Los kaufe, bleibt der Beamte länger. Er ist ja kein Beamter mehr, eigentlich, sondern ein kündbarer Angestellter. Es kommt auf den Umsatz an. Darum fragt er auch manchmal: "Ist ein Los vielleicht gefällig?"

Es läutet das Telefon. Eine mir unbekannte Männerstimme: "Spreche ich mit Frau Brigitte Schwaiger?" - "Ja." - "Wir haben ein Abonnementangebot an Sie, Sie bezahlen acht Euro monatlich und erhalten unsere Zeitung ein halbes Jahr lang zu diesem Preis geliefert. Sie können das Abonnement dabei jederzeit kündigen." Ich nehme das Abonnement an, weil es nett ist, dass jemand sich für mich interessiert. Als ich aufgelegt habe, weiß ich, dass ich einen Fehler gemacht habe. In der Therapie sollte ich nämlich das Abgrenzen lernen. Das Verhalten ändern, den Mut haben, Nein zu sagen. Dann läutet das Telefon ein zweites Mal. Ich will mutig sein. Ich will nicht auf dem Anrufbeantworter zuerst alles anhören und dann zurückrufen. Ich hebe ab. "Schwaiger?" - "Ja, Frau Schwaiger, es freut uns, dass wir Sie erreichen, wir haben eine Umfrage. Frauen zwischen 30 und 50 werden gefragt, ob sie . . ." - "Ich bin nicht zwischen 30 und 50, es tut mir Leid", sage ich und lege auf. Was bildet ihr euch ein. Fast jede Woche eine Umfrage. Manchmal sogar um acht Uhr Abend. Einmal sogar um halb zehn Uhr Abend.

Oder sie haben sich das ausgemacht, dass sie mich stören und irritieren mit Umfragen, sie sind mit der Postdirektion und meinen Bekannten im Bunde, es läutet ja manchmal an der Tür, und ich mache nicht auf. Einmal war es der Briefträger, und ich wollte öffnen, da hörte ich eine Stimme: "Pass auf, geh ja nicht hin! Der will dich umbringen!" Ich ging zur Tür und spähte durch den Spion. Da sah ich, wie der Briefträger seine Hand in der Sakkotasche stecken hatte, er versuchte, ei- nen Kugelschreiber herauszubefördern, aber das gelang ihm nicht, denn die Sakkotasche war vollgestopft mit etwas, einer Waffe? Er klopfte dann an die Tür. Ich rief: "Legen Sie bitte die Post auf die Türschwelle." Ja, da wäre etwas zum Unterschreiben. "Ich unterschreibe nichts mehr."

Ich dachte ja früher oft: Wenn ich aus dem Haus gehe, werde ich erschossen. Ich habe auch immer schon Angst gehabt, dass jemand sich von hoch oben aus einem Fenster stürzt und auf mich drauffällt. Eigentlich bin ich am liebsten daheim, obwohl ich weiß, jederzeit kann die Tür eingetreten werden. Besonders in der Nacht, wenn ich aufwache und es ist stockdunkel, weiß ich, dass die Mörder jederzeit bei meinem Bett stehen können. Ich höre ja manchmal ihre Stimmen. Dann muss ich wieder die Medikamente nehmen, oder aber ich entschließe mich, tapfer zu sein. Ich liege im Bett, ich schlafe, dann schlafe ich nur halb, denn in der Wohnung sind feste Schritte, das Holz knirscht, es begeben sich Männer in mein hinteres Zimmer und beraten. Ich halte durch, ich bin aufgewacht, es sind akustische Halluzinationen, die werde ich aushalten, bis sie abklingen. Ich möchte ja, obwohl ich psychisch krank bin, Respekt vor mir haben.

Wenn es regnet, weiß ich, dass ich etwas getan habe, was nicht in Ordnung ist. Der Himmel würde sonst nicht traurig sein. Es tut mir nur Leid, dass die anderen Menschen den Regen ebenfalls zu spüren bekommen, obwohl sie schuldlos sind. Wenn jemand stirbt, dann weiß ich, dass es ist, weil ich ei- nen Fehler gemacht habe. Wenn sich jemand umbringt, dann weiß ich, das ist nur, weil ich mich noch nicht umgebracht habe. Ich war ja guten Willens, etliche Male, doch ich scheiterte stets. Nun ist auch so ein Leben zwischen Leben und Tod nicht leicht zu ertragen, weil zwischen Leben und Tod wenig Platz ist. Man muss aufpassen beim Sterben, dass die Seele gut hinüberfindet aus dem Diesseits ins Jenseits. Ich bereite mich auf das Sterben vor. Jeden Abend bete ich ein Vaterunser und ein Gegrüßet seist du Maria. Am Tag bin ich froh, wenn die Nacht mit schlimmen Träumen vorbei ist. Ich zünde mir eine Zigarette an, trinke Kaffee, hole die Zeitung herein, mir sehr wohl gewahr werdend, dass mich genau in dem Moment, in dem ich mich um die Zeitung bücke, ein Schlag auf den Kopf treffen kann. Aber ich bin mutig. Ich habe meine Zeitung, ich löse ein Sudoku, nehme die Stricknadeln und stricke, drehe das Radio auf, die Nachrichten, drehe ab, weil die Nachrichten mich nicht interessieren, ich gehe zum Fenster und schaue, ob vielleicht drüben jemand herausschaut, die Nachbarin Erika, der ich winken kann, sie winkt dann zurück und fragt mich, wie es mir geht.

Gegen halb elf schleiche ich dann hinunter durchs leere Stiegenhaus, schaue unten, ob Post ist. Wenn der Kasten leer ist, war der Briefträger noch nicht da. Wenn zwei Reklameblätter drin sind, weiß ich, er war schon da, und Gott liebt mich nicht. Ich habe einen Fehler gemacht. Und ich denke nach, was für einen.

Soll ich mich jetzt anziehen, oder soll ich im Nachthemd bleiben? Wenn ich das Nachthemd trage, glaube ich, ich bin eine Krankenhauspatientin. Trage ich meinen Pyjama, so glaube ich, ich bin ein alter kleiner Mann. Ich muss aufpassen, dass ich nicht Selbstmordgedanken bekomme, denn die fressen sich sofort so in mich ein, dass ich anfange, die Tabletten und Kapseln zu zählen, die ich bei mir habe, sie wieder in eine Porzellanschale lege und die kommende Zeit damit verbringe, immer auf die Schale zu blicken. Vielleicht kann man vom bloßen Anschauen der Medikamente eines Tages tot sein. Ich denke lieber, dass gegen mich eine Verschwörung besteht, und zwar seit meiner Geburt. Und dass sie alles tun werden, um mich zu vernichten.

Wenn ich einkaufe beim Billa, rieche ich gern das Warenangebot, es ist alles bunt, ich habe glückliche Sekunden, während ich auf die Waren zusteuere, in den Gängen mit den Regalen voller Flaschen, Dosen, Säckchen, ich möchte alle Fruchtsäfte und Gemüsegläser heimtragen, wenn sie nicht so schwer wären, ich kaufe Zündhölzer, Haushaltspackung, weil sie so billig sind, ich kaufe Pantoffeln, mehrere Paare, weil sie nur 99 Cent kosten, ich kaufe Kaffee, in größerer Menge, nicht ein Glas, sondern drei, es könnte ja sein, dass ich mich eines Tages so mit Lebensmitteln und Genusswaren eindecke, mit Mineralwasser und Fruchtsäften ohne Zucker, dass ich eine oder zwei Wochen hindurch in der Wohnung bleiben kann.

An der Kassa bin ich ein normaler Mensch. Obwohl ich die Kassiererin schon beim Hereinkommen gegrüßt habe und sie mich auch, sagt sie jetzt, als ich ihr die Waren aufs Förderband stelle, noch einmal "Grüß Gott!", und ich sage es auch. Es könnte sein, dass sie von jemandem geschickt ist, ich bemühe mich, möglichst unauffällig zu sein. Manchmal tue ich ihr den Gefallen und bezahle bar. Dann braucht sie nicht so lange zu warten, bis ich die Bankomatkarte eingeschoben und getippt habe. "Danke!", sagt sie, wenn sie mir das Geld zurückgibt. "Ich danke!", sage ich stolz und beeindruckt von meiner Höflichkeit. Höflichkeit erleichtert das Leben, hat ein Filmregisseur einmal zu mir gesagt, das sei von Friedrich Nietzsche. Ich verlasse den Billa im Triumph, mit meinen schweren Säcken, aber draußen beginnt der Gehsteig.

Er ist hart, so wie die ganze Stadt hart ist, der Boden, die Häuser, ich gehe leicht bergauf, weil beim Billa hier die sich erhöhende Straße weitergeht, einmal noch an der Trafik vorbei, die Tür ist offen, es ist ein warmer Tag. Ich könnte hineingehen, um eine menschliche Ansprache zu haben, und noch zwei Schachteln Zigaretten kaufen, obwohl ich zu Hause genug habe, und ich könnte auch vielleicht eine Zeitung kaufen, dann wird das Gespräch länger. Aber dann gehe ich vorbei, ich möchte tapfer sein und mich nicht immer trösten mit zwischenmenschlichen Begegnungen, ich verlerne das Reden, meine Sprache geht mir verloren in den Tagen unaufhaltsamen Strickens, ich werde mit einer Lebenserwartung von noch 30 Jahren 30 Jahre lang stricken und Sudokus lösen, hoffentlich gibt es die immer. - Nun stehe ich an der Kreuzung Zieglergasse-Westbahnstraße. Sie haben uns hier eine Fußgeherampel hergebaut, die wir wegen der Übersichtlichkeit nicht brauchen. Ich schaue hinüber zur Kirche. Notfalls ist sie immer da. Man kann hineingehen und sagen: "Lieber Gott, hier bin ich, was willst du von mir, das ich tue, ich bin ja bereit, ein guter Mensch zu sein." Ich stelle einen Sack ab und benetze mich mit Weihwasser. Da sagt die Stimme meiner Mutter: "Geh, das ist doch voller Bakterien."

Dann setze ich mich auf die vorderste Bank rechts, bei der Marienstatue. Es brennen einige Kerzen, aber ich möchte die Einkaufstaschen nicht aus den Händen geben, also zünde ich keine an. Ich sitze da und glaube nicht und fürchte mich vor Gott und der Maria.

Wenn ich hinausgehe, habe ich es hinter mich gebracht. Ich stelle die Taschen ab, um mich mit Weihwasser zu benetzen, da sagt meine Mutter: "Na, das war aber ein kurzer Besuch!" Das Sonnenlicht verscheucht die Stimme, ich gehe hinüber auf den anderen Gehsteig, leicht bergauf, an "Höchstkrediten" vorbei, am Juwelier, ich gehe vorbei am Schanigarten des Griechen Arnes, dann weiß ich nicht, soll ich in eine Depression kippen oder durchhalten und mir sagen: Ich bin fröhlich.