Ein Hof im Bezirk Naqu. Kein Strom, Lehmboden überall. Wovon der Bauer träumt? "Mit der neuen Eisenbahn nach Peking zu fahren, um das Mausoleum des großen Vorsitzenden Mao Zedong zu besuchen." Tibet an der Schwelle zur Modernisierung: ein Lokalaugenschein.
Gemächlich rollt der Zug in den Bahnhof ein. 4513 Meter zeigen die roten Ziffern auf der Anzeige tafel im Innern des Waggons an. Ankunft Naqu, Nordtibet. Wir merken sofort, als wir aussteigen: Das Atmen fällt hier noch schwerer als in Lhasa, das gut dreieinhalb Eisenbahnstunden entfernt ist und 800 Meter tiefer liegt. Aber die chinesischen Soldaten aus unserem Waggon sind ohnedies nicht ausgestiegen, um frische, dünne Luft zu schnappen. Eilig reißen sie ihr Zigarettenpäckchen auf, beginnen hektisch an ihren Zigaretten zu ziehen. Denn der Aufenthalt in Naqu ist kurz. Nach wenigen Minuten geht die Fahrt weiter nach Xining, Hauptstadt der Nachbarprovinz Qinghai. Während wir von unseren lokalen Gastgebern herzlich mit den langen, weißen Glücksschals begrüßt werden, fährt der 16 Waggon lange Zug, der von drei Diesellokomotiven gezogen wird, aus dem Bahnhof und kriecht über eine Brücke auf Betonstelzen hinauf in noch größere Höhen.
Dabei haben wir in den Schriften und auf den Internetseiten der Exiltibeter gelesen, dass die seit 1. Juli in Betrieb genommene Eisenbahn nach Tibet vor allem auch dazu diene, zusätzliche chinesische Truppen in die autonome Region Tibet zu schaffen, um die tibetische Gesellschaft noch mehr zu militarisieren. Aber während des zehntägigen Aufenthalts in Tibet, da wir mehrere Städte und Regionen bereisen, sehen wir kaum chinesisches Militär - Polizisten ja, en masse. Aber Soldaten? Außer eben die Einheit, die mit uns im Zug gesessen ist. Und die ist nach Xining unterwegs. Ach ja, und auf der Straße von Naqu zurück nach Lhasa: plötzlich Militärlastwagen, aus der Heimat wohlbekannte Steyr-LKW. Einer, Dutzende, ja 100 oder noch mehr brummten die Straße in der engen Schlucht herauf. Aber nur die Fahrer und ihre LKWs, keine Soldaten hinten auf der Ladefläche.
Naqu, obwohl Verkehrsknotenpunkt wichtiger Straßenverbindungen aus den benachbarten Provinzen, gehört sicher nicht zu den aufregenden Städten Tibets. Im Sommer scheinen die tief hängenden dunklen Wolken das Städtchen fast erdrücken zu wollen. Kurz, aber heftig lassen sie ihre Regenmassen los. In den löchrigen Straßen bilden sich Tümpel, auf denen der Abfall schwimmt. Hier jedenfalls wird die Argumentation schon einsichtig, dass abseits der Wolkenkratzerglitzerwelt von Schanghai und anderer chinesischer Großstädte die Volksrepublik doch immer noch ein Dritte-Welt-Land ist. Vor allem in den westlichen Landesteilen, gerade auch hier in Tibet.
In der Volksschule, die uns in Naqu vorgeführt wird, stehen Tibetisch, Chinesisch und Englisch auf dem Stundenplan. Drei Sprachen, drei Schriften schon für die Kleinen in ihren blauweißen Schuluniformen. Stolz wird uns ein Sprachlabor gezeigt, das von einer der reicheren Küstenprovinzen gespendet worden sei. Gleich in unmittelbarer Nähe ein eher unscheinbarer buddhistischer Tempel. Der Duft von Räucherstäbchen, das Purpurrot und Gelb der Mönche, das aus dem düster-dunklen Raum hervorsticht, das Murmeln von Gebetsformeln - unterbrochen plötzlich vom lauten Tuten aus zwei Hörnern, die wie überdimensionierte goldene Trompeten ausschauen.
Wie überall in Tibet: Geduldig lassen die Mönche den Überfall der westlichen Besucher, die in ihre Andacht geplatzt sind, über sich ergehen. Stoisch nehmen sie das Blitzlichtgewitter der Kameras in Kauf. Nur der eine oder andere Blick verrät dann, dass die Störenfriede sich doch bitte wieder zurückziehen und den Betenden ihre Andacht lassen sollten. Auch auf der Straße von Naqu hinunter nach Lhasa. Eine Gruppe Pilger taucht auf. An ihre Hände haben sie kleine Holzbretter geschnallt, die die Haut schützen, wenn sie sich ausgestreckt auf den Asphalt werfen, aufstehen, ein paar Schritte gehen, und sich wieder in den Staub werfen. Ihre Gesichter sind entsprechend staubig, aber auch zerklüftet, zerfurcht - fast so wie die Welt, in der sie leben. Eigentlich sind es weniger Gesichter als Gesichtslandschaften, die vor allem die Zähigkeit des hiesigen Menschenschlags widerspiegeln. So sind diese Pilger buchstäblich im Staub Wochen und Monate unterwegs, um zu den heiligen buddhistischen Stätten in Lhasa zu kommen.
In Lhasa pocht das Herz Tibets: Potala, der Winterpalast des Dalai Lama, der heilige Jokhang-Tempel und Barkhor, die einzigartige Altstadt um ihn herum, das Sera- und das Drepung-Kloster - magische Anziehungspunkte für alle Pilger, aber auch für die anschwellenden Touristenmassen aus dem Westen ebenso wie aus China. Denn auch dort beginnen sich immer mehr Menschen für die von Peking lange Zeit fast hermetisch abgeschlossene, aber weltweit einzigartige Region zu interessieren. Und es war nicht nur einmal, dass wir in Peking Chinesen sagen hörten: "Jetzt ist Tibet noch authentisch, jetzt muss man Tibet noch sehen, bevor die neue Eisenbahn nach Lhasa immer mehr Besucher aufs Dach der Welt bringt."
Es ist tatsächlich schon absehbar: Wenn es so weitergeht, wie sich das in diesem Juli bereits abzeichnet, droht Lhasa, vor allem den dortigen heiligen Städten, ein Besucher-Kollaps. Der Zugang zum Potala-Palast, dem einzigartigen Wahrzeichen der Stadt, ist bereits streng reglementiert. Westliche und chinesische Touristen zahlen für lokale Verhältnisse saftige Eintrittspreise, Eintrittskarten werden auf dem Schwarzmarkt der Stadt zu weit überhöhten Preisen gehandelt. Die Verwaltung des Palastes erklärt uns, dass die Tibeter auf jeden Fall weiter ihre Pilgerzüge durch die Räumlichkeiten des Palastes machen können sollen. Sie zahlen einen Yuan Eintritt statt der 100 Yuan, die Touristen berappen müssen.
Im heiligen Jokhang-Tempel ist die Reglementierung offenbar nicht so streng und das Gedränge geradezu beängstigend. Pilger, Mönche, Touristen - alles drängt gleichzeitig in die Räumlichkeiten mit den heiligen Statuen. Wer sich nicht mit dem Menschenstrom bewegt, wird mitgerissen. Nichts für Leute mit schwachen Nerven oder Platzangst. Wer es aber geschafft hat, auf das Dach des Tempels zu kommen, wird für alle Müh' und Angst entschädigt: ein herrlicher Blick hinüber zum Potala-Palast und hinunter ins Barkhor-Viertel, wo tibetische Pilger zügigen Schrittes ihre "kora" machen, die rituelle Umrundung des Tempels; Alte, Junge, Gesunde, Kranke, auf Krücken, im Rollstuhl, gehend, kriechend - und wieder jedes Gesicht mit einer eigenen Landschaft und mit einer unerzählten Geschichte vom harten Leben im kargen, aber schönen Tibet. Lhasa ist auch das politische Zentrum des Landes - und das heißt im Falle Chinas: Zweigstelle der kommunistischen Zentralmacht in Peking. Nach Ansicht der Exiltibeter und ihrer starken Lobby in vielen westlichen Hauptstädten geht es den chinesischen Kommunisten nur um eines: die Militarisierung Tibets, die rücksichtslose wirtschaftliche Ausbeutung des Hochlandes, die Zerstörung der buddhistischen Traditionen und der Kultur sowie die allmähliche Sinisierung Tibets durch Sesshaftmachung von immer mehr Han-Chinesen.
"Blödsinn", hören wir von allen Politikern und Experten, die wir in Peking und Lhasa zu letztgenanntem Punkt befragen: "Die Han-Chinesen", erklärt man uns etwa in der Gesellschaft für tibetische Studien in Peking, "tun sich in der Höhenlage von Tibet noch schwerer als Europäer. Sie gehen zwar nach Tibet, um dort ein paar Jahre zu arbeiten und Geld zu verdienen, aber sie wollen nicht auf Dauer dort leben, weil sie sich eben nicht an die dortigen Luftverhältnisse anpassen können. Die Befürchtung einer Sinisierung Tibets ist unberechtigt."
Auch Wu Yingjie, der Vizevorsitzende der autonomen Region Tibet, wischt die Vorwürfe einer allmählichen Sinisierung Tibets beiseite: "Ich hoffe sogar, dass noch mehr Han-Chinesen nach Tibet kommen, um uns beim Aufbau der Region zu helfen." Seinen Angaben nach machen die Tibeter weiter 95 Prozent der rund 2,7 Millionen starken Bevölkerung Tibets aus, Han-Chinesen und andere Minderheiten wie die muslimischen Hui machten zusammen gerade fünf Prozent aus. Sagen solche Zahlen die Wahrheit?
Natürlich, erklärt uns eine junge Tibeterin, sind die Chinesen bei allem, was in ihrem Land geschieht, tonangebend: "Die brauchen gar keinen Druck mehr auszuüben, die chinesische Dominanz allein dirigiert den Lauf des Geschehens." Diese Dominanz zeigt sich in erster Linie in den Massenmedien - vor allem im Fernsehen. Die Dominanz zeigt sich auch daran, dass in der Boom-Branche Tourismus mit Tibetisch allein nichts geht. Selbstverständlich müssen aufstrebende Tibeter gut Chinesisch beherrschen. Ergo: Wer nicht Chinesisch spricht, hat mehr als nur ein Handicap. Selten genug, aber doch kann man einen antichinesischen Ausfall von Tibetern erleben. Etwa am alten Markt der zweitgrößten tibetischen Stadt Shigatse. Als wir einer besonders aufdringlichen tibetischen Händlerin ihre so heftig angepriesenen Halsketten partout nicht abkaufen wollen, zischt sie uns plötzlich bösartig an: "You Chinese!" Oder vor einer Bar in Lhasa. "Wo kommt ihr her", fragt ein junger Mann. "Aus Österreich." "Ah, Österreich ist gut", und er blickt sich um und flüstert im verschwörerischen Tonfall, "aber China ist schlecht."
Aber das sind keine markanten Beispiele dafür, dass es in Tibet eine breite antichinesische Stimmung geben würde. Uns wurden von den Gastgebern auch andere Beispiele präsentiert. Etwa der Bauer in der endlosen Weite des tibetischen Hochlands im Bezirk Naqu. In dessen prächtigem Hof gibt es noch Lehmboden, im Wohnzimmer stehen die buddhistischen Reliquien neben Porträts der kommunistischen Führer Chinas - aber Strom haben weder er noch die anderen in seinem Dorf, obwohl die neue Eisenbahn höchstens zwei Kilometer entfernt vorbeiführt. Was er denn in seinem irdischen Leben noch für einen Traum habe? "Mit der neuen Eisenbahn nach Peking zu fahren, um das Mausoleum des großen Vorsitzenden Mao Zedong zu besuchen."
Nein, Tibet im Sommer 2006 bietet nicht den Eindruck, dass die Führung in Peking gerade dabei ist, die lokale Kultur, Tradition und Religion an der Wurzel zu packen und auszurotten. Die Pilger strömen und kriechen manchmal auf Straßen durch Landschaften, wie es sie in ihrer Farbenpracht sonst wohl nirgendwo aus der Welt gibt: das Grün des Getreides, das Gelb der Rapsfelder, darüber das Rotbraun der Berge, das in das Weiß und Blau des Himmels übergeht.
Peking und seine Statthalter in Tibet behaupten: "Uns geht es um die Entwicklung der westlichen Landesteile, damit diese nicht noch weiter hinter die entwickelten Küstenprovinzen zurückfallen." Die neue Eisenbahn sei ein Kernprojekt dieses Vorhabens. Tatsächlich ist die Eisenbahn bei weitem nicht die einzige Investition der Zentralregierung. Unbeabsichtigt wählten unsere Gastgeber auf der Fahrt zurück von Shigatse nach Lhasa die Bergstrecke über Gyantse. Die 100 Kilometer zwischen Gyantse und dem Yamzhong-Yumco-See über ein paar Bergpässe schafft ein geübter Fahrer normalerweise in gut zwei Stunden. Wir benötigten acht Stunden. Grund: Auf der gesamten Strecke wird an einer neuen Straße gebaut, hinter jeder Kurve eine neue Baustelle. Einige tausend Straßenbauarbeiter sind im Einsatz. Das ist Verbesserung der Infrastruktur und sicher keine Show für westliche Skeptiker.
Es wird tatsächlich investiert, gebaut und modernisiert in Tibet. Eine neue Eisenbahn, neue Straßen, noch viel mehr Besucher: Natürlich wird das Tibet stark verändern. Aber nur zum Guten? Zumindest das Problembewusstsein ist in Peking ebenso wie in Lhasa vorhanden, was die neue Zeit für das alte Tibet alles bringen könnte, auch an Negativem. Und dieses Wissen ist nicht wenig, wenn man es auch sinnvoll zum Erhalt einer weltweit einzigartigen Kultur einsetzt.