"Kinder sind in den seltensten Fällen edel. Zumindest ich war es nicht." Christine Nöstlinger über frühe Jahre, neue Mütter, Paradeiser, Quark und das Unkeuschheit-Treiben. Ein Gespräch zum 70. Geburtstag.
Christine Nöstlinger, vor ein paar Monaten hat Renate Welsh in einem Interview mit der "Presse" sehr gegen den Schund in der Kinderliteratur gewettert - vor allem gegen die Bücher von Thomas Brezina. Sie hat gemeint, "Tom Turbo" sei Mist.
Wir selber lesen ja auch nicht immer Hochliterarisches. Wenn ich den ganzen Krimi-Schmarren nehme, den ich in den vergangenen Jahren zusammengelesen habe . . .
Schund in der Kinderliteratur ist ja kein neues Phänomen. Ich habe als Kind "Hanni und Nanni" gelesen. Ich muss zugeben: Das hätten sich meine Töchter nicht getraut. Wenn ich sie bei einem Schmarren ertappt habe, ist meine Häme so ausgefallen, dass sie das gelassen haben. Mir ging es um Ethik und Ästhetik. Dass ich so strikt war, tut mir heute noch leid, und ich entschuldige mich bei ihnen. Und jetzt? Bei Ihren Enkeln?
Da bin ich viel milder. Haben sie es jetzt eben nötig! In einem Jahr lesen sie dann garantiert wieder etwas anderes. Außerdem sollen sich viele Kinderbuchautoren an der eigenen Nase nehmen: Ich denke da an die vielen Problembücher. Ein Buch soll ein Stück Leben beschreiben, und so ein Leben ist nicht ein Problem. Und zu allem Überfluss verpassen sie dem Buch noch ein Happy End! 120 Seiten ist der Papa uneinsichtig, und das Kind nimmt Drogen. Und auf Seite 124 wird der Papa einsichtig, und das Kind ist clean? Was haben Sie als Kind gelesen?
Mein Großvater war ein alter Sozi und gab jede Menge Geld für Bücher aus, aber nur für Lexika und Fachbücher. Und was wir geschenkt bekommen haben, etwa in der Schule, war lauter Nazi-Literatur. Ich kann mich erinnern, wie ich mit dem Buch "Mutter erzählt von Adolf Hitler" nach Hause gekommen bin. Es hatte einen knallroten Einband. Mir hat das Buch gefallen. Meine Mutter hat es gepackt und in den Ofen geschmissen. Mein Lieblingsbuch hieß "Lori und der Feuerwehrmann". Wir wurden ausgebombt, und so ist es verloren gegangen. Ich habe später versucht, ein Exemplar zu bekommen, habe es aber nie wieder entdeckt.
Können Sie sich noch daran erinnern, worum es in dem Buch ging? Das ist sehr eigenartig. So, wie ich es in Erinnerung habe, kann es ganz offensichtlich nicht gewesen sein. Eine Geschichte wie diese wäre damals nicht gedruckt worden: Das Buch handelte - in meiner Erinnerung - von einem Mann, der ständig betrunken ist und eine rote Schnapsnase hat. Eines Tages ist er so betrunken, dass er im Wald einschläft. Es beginnt zu schneien, bald ist er unter einem Berg von Schnee begraben: Aber die Schnapsnase schmilzt den Berg wieder weg. Ich hatte nicht viele Kinderbücher. Als ich acht Jahre alt war, war gerade der Krieg aus. Aber mein Großvater hat mir viel erzählt: Geschichten aus dem wahren Leben - alles erlogen. Wie haben Sie das als Kind unterscheiden können?
Das wollte ich gar nicht. Meine Mutter hat immer wieder versucht, mir zu erklären, dass diese Geschichten alle erfunden sind. Sie hatte dafür vermutlich pädagogische Gründe, schließlich hat mein Großvater immer davon erzählt, was für ein toller, frecher Bub er gewesen war. Aber wenn sie mir erklärt hat, dass das alles nicht wahr ist, bin ich sehr grantig geworden.
Sie haben ursprünglich Gebrauchsgrafik studiert. Ich habe das Pech gehabt, ein Gymnasium zu besuchen, in dem niemand zeichnen konnte - darum haben alle gemeint, ich könne das so hervorragend. Für die Akademie hat
es auch gereicht. Aber als Gebrauchsgrafikerin hätte ich damals mit meiner Mappe von Firma zu Firma wandern müssen und den Werbechefs erklären müssen, wie gut ich bin. Dazu war ich viel zu schüchtern. Auch später mit dem Schreiben: Wenn ich nicht einen Kinderbuchverleger gekannt hätte, wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen. Und hätte der Verlag das nicht angenommen, hätte ich sicher keinen zweiten Versuch gestartet. Dann hätte ich mir gedacht: Okay, das kannst du also auch nicht. Als Sie später als Kinderbuchautorin Erfolg hatten - hat es Sie da nie gereizt, Ihre eigenen Bücher zu illustrieren?
Ich war nie mit dem zufrieden, was ich zeichnerisch gemacht habe. Wenn Sie die Arbeiten jetzt wieder ansehen würden?
Ich habe alles weggeschmissen. Für welche Altersgruppe schreiben Sie am liebsten? Schon für die Älteren, so ab zehn, zwölf Jahren. Da muss ich mich sprachlich nicht so einschränken. Gerade für Erstleser muss man jeden Satz sehr genau überlegen, es gibt auch Vorgaben durch die Pädagogen: Erstleser können zum Beispiel nichts mit eingeschobenen Nebensätzen anfangen. Angeblich. Und ich habe mit meinem deutschen Verlag auch ausgemacht, dass ich in meinen Büchern für Erstleser auf Austriazismen verzichte, weil die Kinder sonst überfordert wären.
Also keine Paradeiser und keine Fisolen für Siebenjährige.
Aber auch hier gilt: Einen "Quark" will ich wirklich nicht haben. Obwohl es natürlich passieren kann, dass ich etwas übersehe oder dass ich einfach nicht dazukomme, die Fahnen zu lesen oder sie verschlampt habe. Dann rufen die mich zum fünften Mal an, und ich müsste zum fünften Mal sagen, dass ich noch Zeit brauche. Dann sage ich eben: Jaja, es ist eh alles in Ordnung. Auf diese Weise ist es passiert, dass sie aus "Machen wir noch einen Schnapser" ein "Herr Wirt, noch ein Bauernschnaps" gemacht haben. Da bin ich dann schon peinlich berührt. In Ihren Büchern werden die Eltern immer netter. Eigentlich sind Ihre Mütter - gerade in der "Franz"- und der "Mini"-Reihe - mittlerweile ziemlich cool. Die Mütter werden ja auch in der Realität immer netter. Oder nicht? Dafür sind die Freundinnen in Ihren Büchern manchmal ziemlich fies. Kinder sind nicht immer edel. Auch Mobbing will gelernt sein. Man wird ja nicht mit 18 plötzlich zum Ungustl. Die Konflikte mit Freunden stehen im Kinderleben oft im Mittelpunkt. Wenn ich alle Streitereien meiner Enkelin mit ihren Freundinnen auflisten wollte, da kämen locker 1000 Seiten zusammen. Sie ist elf und in einer Gruppe mit fünf, sechs Schnepfen, die streiten und versöhnen sich dauernd. "Mit der Laura spreche ich kein einziges Wort mehr", sagt sie weinend am Telefon, und wenn ich am nächsten Tag wieder anrufe, um zu erfahren, wie es ihr geht, ist sie mit der Laura im Schwimmbad. Brauchen Kinder heute andere Bücher als früher?
Da bin ich nicht die richtige Auskunftsperson. Einen Menschen, der für Erwachsene schreibt, fragt man das ja auch nicht dauernd. Man bietet etwas an und freut sich, wenn es angenommen wird, darf sich aber auch nicht wundern, wenn es nicht angenommen wird. Gibt es ein Buch von Ihnen, das von den Kindern nicht angenommen wurde?
Den "Spatzen in der Hand" mögen die wenigsten Kinder. Es ist ein ehrliches Buch und beschreibt das Milieu meiner Kindheit. Es ist doch so: Der durchschnittliche Kinderbuchheld ist ein edles Geschöpf, er kann frech sein, aber er ist charakterlich einwandfrei. Jetzt sind aber Kinder in den seltensten Fällen edel. Zumindest ich war es nicht.
Also ging ich davon aus, dass es für Kinder frustrierend sein muss, dauernd von Kindern zu lesen, die moralisch höher stehen als sie selber. Aber das kam gar nicht gut an. Kinder wollen eben den einwandfreien Helden. Ich versuche zwar immer noch, das ein bisschen gegen den Strich zu bürsten, aber es geht nicht über ein bestimmtes Maß hinaus. Es ist nicht leicht, zu erraten, was Kinder wollen, was sie wissen und verstehen - und was nicht. Meine Kinder reimen sich oft sehr eigenartige Dinge zusammen.
Wenn ich daran denke, was ich früher als Kind so alles geglaubt habe! Und dabei hätte ich ja durchaus die Möglichkeit gehabt, Erwachsene zu fragen. Aber offenbar wäre ich mir dann blöd vorgekommen. Ich habe zum Beispiel gedacht, Eau de Toilette sei ein Kloputzmittel. Das ist nur ein Beispiel.
Ich habe nicht gewusst, was "Unkeuschheit treiben" bedeutet. Ich habe gedacht, ich treibe Unkeuschheit, wenn meine Babysitterin mich nackt sieht.
Ich kann mich an eine Situation erinnern, als ich mit meiner Klasse zur Beichte ging. Wir mussten uns vor den Beichtstühlen anstellen, und ich habe gesehen, dass alle mit einem Bildchen wieder herauskommen. Aber als ich drankam, habe ich kein Bild bekommen, vermutlich waren sie ausgegangen. Ich bin also zum nächsten Beichtstuhl, habe dort wieder gebeichtet, und habe das Bildchen gekriegt. Ich bin gierig geworden, bin zu noch einem und dann zu noch einem . . .
Ich weiß nicht genau, warum, aber aus irgendeinem Grund habe ich mir eingebildet, ich müsse jedem etwas anderes erzählen. Beim Letzten sind mir die Sünden ausgegangen, und ich habe gesagt: "Ich habe Unkeuschheit getrieben." "In Worten oder in Taten", hat er mich gefragt. Jetzt habe ich natürlich nicht gewusst, was ich antworten soll und habe mir gedacht, ich mache das besonders elegant und sage: "In beidem." Der alte Mann hat das Fensterchen aufgemacht, hat mich angeschaut mit meinen beiden Zöpfen und hat gesagt: Gehe hin mit Gott. Bildchen habe ich keines gekriegt.
Meine Tochter hat mir aufgetragen, Sie zu fragen, wann wieder ein "Mini"-Buch herauskommt. Ich soll eh eines schreiben. Ich muss nur die ersten eineinhalb Seiten hinter mich bringen. Schließlich muss ich den Kindern, die noch nie ein "Mini"-Buch gelesen haben, erst erklären, wer die Mini überhaupt ist, und es ist ziemlich mühsam, sich da immer neue Varianten einfallen zu lassen. [*]
CHRISTINE NÖSTLINGER: ZUR PERSON.
CHRISTINE NÖSTLINGER WURDE AM 13. OKTOBER 1936 in Wien geboren. Die Gebrauchsgrafikerin begann 1970 zu schreiben - weil sie, wie sie sagt, sich nie als Nur-Hausfrau und Mutter entworfen hätte. "Die feuerrote Friederike" wurde ein Erfolg. Weitere Klassiker: "Das Austauschkind", "Maikäfer flieg", "Rosa Riedl Schutzgespenst", "Konrad oder Das Kind aus der Konservendose." Eltern jüngerer Kinder seien die Erstlesereihen "Mini" und "Franz" empfohlen.