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Wien, im Herbst 1922. Nach sie ben Jahren Abwesenheit kehrt der einstige Oberleutnant der k. u. k. Armee Balthasar Beck aus Russland zurück. Auf der Höhe von Mannswörth verlässt er ein Schleppschiff und schlägt sich nach Wien durch. Zerlumpt, erschöpft und nur 42 Kilogramm schwer meldet er sich bei der Heimkehrerstelle am Nordbahnhof.

Als Beck seine Frau Marianne 1915 verließ, wusste er zwar, dass sie schwanger war, darüber hinaus hatte er aber durch sieben Jahre hindurch keinerlei Informationen über seine Familie. Denn er war früh in russische Kriegsgefangenschaft geraten und sukzessive Richtung Osten verbracht worden: Von Westsibirien bis Wladiwostok und an die Grenze zur Mandschurei wurde er von einem Lager ins nächste verschleppt. Später kämpfte er für die Bolschewiken gegen die von General Koltschak geführte Gegenrevolution - traf dort auf frühere Kameraden - und hatte eine längere Affäre mit einer Bäuerin am Baikalsee. Währenddessen brachte Marianne in Wien ein Mädchen, Aimée, zur Welt und führte ihren Krieg gegen Hunger, Kälte und Hyperinflation in der zu einer Metropole des Elends herabgekommenen ehemaligen Reichshauptstadt. Sie nahm eine Büroarbeit an und schöpfte daraus ein starkes Selbstbewusstsein. Die neuen republikanischen Verhältnisse sahen die frühere Offiziersgattin rauchend und mit Bubikopf ihr Leben meistern; abends las Marianne für die "Rote Fahne", die Zeitung der jungen KPÖ, Korrektur. Die Wandlung von der behüteten Offiziersgattin zur politisch und beruflich aktiven Republikanerin konnte größer nicht sein.

Der Heimkehrer braucht lange, bis er die Kraft findet, seine Familie aufzusuchen. Mit einer Mischung aus Schock und Erleichterung nimmt Marianne den verschollen Geglaubten auf. Noch ist der Mann, der von den Erlebnissen in den Lagern, von Krieg und Bürgerkrieg schwer traumatisiert ist, nicht wirklich zu Hause angekommen. Schon in der ersten Nacht verlässt er die Schlafstatt neben seiner Frau und legt sich im Vorzimmer zum alten Hund auf den Boden. Als das Mädchen sich morgens über ihn beugt, antwortet er mit einem Reflex der Faust, der Aimée um ein Haar schwer verletzt. Das Töchterchen ist von der Wildheit und Fremdheit der Jammergestalt abgestoßen, lange Zeit gelingt es Beck nicht, eine Beziehung zu seinem Kind aufzubauen, was damit zu tun hat, dass Beck einen despotischen Vater hatte, der sein Kind mit Prügeln, Strafen und Vorwürfen überschüttete und der im ersten Jahr der Lagerexistenz dem Gefangenen Beck ausrichten ließ, er geniere sich dafür, einen Sohn zu haben, der die Frechheit und Feigheit besäße, sich vom Feind überrumpeln zu lassen.

Tagsüber treibt Beck sich im winterlichen Wien umher, auf der Suche nach Nahrung und in der Nähe seiner alten Arbeitsstätte am Kriminalkommissariat. Sein früherer Kollege Moldawa vermag ihm zwar keine Beamtenposition in Aussicht zu stellen, die Mitarbeit an einem ungewöhnlichen Kriminalfall verbessert Becks Chancen aber so nachhaltig, dass sein Wiedereintritt in die alte Berufslaufbahn als Polizeioffizier möglich wird. Lange Zeit hat es den Anschein, als würde Beck nicht nur selbst in diesen Kriminalfall verstrickt sein, einige Tage lang steht er sogar selbst unter Tatverdacht. Ein Skelett war in jenem Haus aufgetaucht, in dem Beck wohnte, kurz darauf wurde auf dem Treibrad einer Schiffsmühle eine Leiche gefunden, zerfetzt von einer russischen Nagaika-Peitsche und um neun Finger amputiert. Schließlich taucht noch die Leiche eines weiteren Kriegsheimkehrers und ehemaligen kaiserlichen Offiziers in einem Eisblock auf. Beck gelingt es, den Zusammenhang zwischen den Morden so weit zu rekonstruieren, dass klar wird: Sie gehörten einem Offizierskomitee eines Lagers in Sibirien an. Das Komitee bestand aber noch aus einem vierten Offizier: Balthasar Beck. Der Heimkehrer kann sich also ausrechnen, wann er an die Reihe kommen wird, hat aber keine Ahnung, weshalb und durch wen er gemeuchelt werden soll.

Die Lösung des Falles soll hier nicht verraten werden, angemerkt sei nur, dass ein aufgeweckter Wiener Mittelschüler namens Lintschinger darin eine zentrale Rolle spielt. Das Komitee war nämlich dazu verpflichtet, Fluchtpläne dem Kommandanten zu melden, andernfalls zehn Prozent der Lager-insassen getötet würden. Als eines Tages eine Gruppe von Gefangenen einen Fluchtplan ausheckte, wurde das Vorhaben verraten. Das Komitee meldete dies der Obrigkeit. Daraufhin wurden die zehn Fluchtbereiten vor versammelter Lagerbelegschaft gepeitscht und im Schnee liegen gelassen. Bettina Balàka legt mit diesem umfangreichen Roman ein erstaunliches Werk vor. Ein Epos über das devastierte Wien der frühen Zwanzigerjahre, gekleidet in einen Kriminalfall, dessen Auflösung bis zum letzten Moment für Spannung sorgt - wenn auch der Showdown ein wenig konstruiert wirkt. An dem penibel gearbeiteten Text faszinieren besonders die souveräne Sprachbe-herrschung in der Sphäre des Krieges und dessen Widerspiegelung in den Verwerfungen von Becks Psyche. Die Anordnung in kurzen Kapiteln, das Arbeiten mit Rückblenden und psychischen Übertragungen sind durchwegs gelungen.

Verstörend wirkt indes die von den Personen ausgehende Kälte. Beschrieben wird ein liebendes Paar, eine Familie, die trotz aller Anfechtungen durch den Krieg gekommen ist und deren Mitglieder einander wieder gefunden hat. Kaum aber wird man der Emotionen teilhaftig, die diese Menschen ja unbeschadet aller durchlittenen Krisen haben müssen. Streckenweise bewegen sich Beck und seine Frau wie ferngesteuert durch eine romanhafte Versuchsanordnung, in der das Entsetzliche des Kriegs und des Lagerlebens, das Ertragen von Hunger, Kälte und Einsamkeit, zur Prostitution gezwungenen Kindern, von Rattenplage und tyrannischen Kommandanten ausgemalt werden.

Die Autorin ruft diesen Eindruck der Kälte bewusst hervor - nicht umsonst trägt das Buch ja den Titel "Eisflüstern" -, wohl um deutlich zu machen, dass Verhältnisse Menschen niederdrücken und das Menschliche in den Personen ersticken. Dieserart entfaltet Balàka ein kunstvolles, oft dichtes, aber auch seltsam distanziertes Gemälde vom Krieg und den von ihm zerstörten Seelenlandschaften. So ist der beeindruckende Roman auch als Studie über die vom Krieg traumatisierte Psyche eines überlebenden Paares zu lesen. [*]

Bettina Balàka
Eisflüstern

Roman. 388#S., geb., €#24 (Droschl Verlag, Graz)