Wo kein Tourist mehr hin will. Mit heiligem Zorn: Marie Vieux-Chauvets Roman 2liebe wut wahnsinn" ist eine einzige Attacke auf ein Regime, das Haiti alles nahm, was es hatte.
Haiti - das ist die Tristesse direkt neben dem Ferienparadies. Das Ödland wenige Kilometer neben der wuchernden Natur. Der haitianische Teil der karibischen Insel, die sich der Staat mit der Dominikanischen Republik teilt, ist seit Jahrzehnten abgeholzt, von Krisen geschüttelt und von Überschwemmungen bedroht. Hierher verirrt sich kaum noch ein Tourist. An die Grenze zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik hielten sich bis vor zwei Jahren sogar die Gelsen: Vor 2005 wütete die Malaria nur in Haiti.
Über dieses früher blühende Land gebot von 1957 bis 1971 Fran§ois Duvalier, auch Papa Doc genannt, und wenn man Marie Vieux-Chauvets Roman "liebe wut wahnsinn" gelesen hat, kann man ermessen, wie groß der Schaden ist, den der Diktator und sein Sohn - Jean-Claude Duvalier, genannt Baby Doc - dieser Gesellschaft zugefügt haben: Hier gibt es keinen Schutz. Nichts, worauf man sich verlassen kann. Und es gibt keine Grenzen des Schlechten.
In "Liebe", dem noch "harmlosesten" Text des dreiteiligen Bandes, beobachtet Claire, wie ihre Nachbarin Dora vom Kommandanten der Stadt abgeholt wird: "Sie folgte ihm, ihren Rosenkranz betend, über die Grand-Rue, wo sich die Leute hinter ihren halb geöffneten Fensterläden im Dunkeln verkrochen hatten. Zwei Tage später kam sie zurück, verstört, nicht wiederzuerkennen, verfolgt vom Spott der Bettler, die vor Lachen kreischten, sie wie eine Behinderte breitbeinig gehen zu sehen."
Wie gesagt: Das ist noch harmlos. Denn in diesem ersten Teil des Bandes steht, wenn nicht die Liebe selbst, so doch zumindest das Begehren im Mittelpunkt. Claire ist die älteste von drei Schwestern - und die mit der dunkelsten Hautfarbe. Das zählt! Sie bleibt unverheiratet, muss beobachten, wie ihre Schwestern umworben werden - und verliebt sich in ihren Schwager.
Tief taucht Marie Vieux-Chauvet ein in ein Leben aus zweiter Hand, das Glück nur in heimlichen Fantasien und in Selbsttäuschungen findet. Wo das Leben so wenig bietet, bleibt viel Zeit für Beobachtung. Claire registriert genau die Veränderungen, denen Haiti unterworfen ist, sie beäugt argwöhnisch den Kommandanten, und sie wird sich zu wehren wissen. In einer überraschenden Wendung nutzt Claire die Gunst der Stunde, um den brutalen Kommandanten zu erdolchen - statt wie geplant ihre Schwester zu ermorden. Der Hass auf die Machthaber ist hier stärker als der Neid auf das private Glück anderer. Vielleicht
die einzige positive Botschaft des Romans.
"liebe wut wahnsinn" erschien erstmals 1968 im Pariser Gallimard Verlag. Laut Klappentext war es Marie Vieux-Chauvets Mann, der aus Furcht vor Repressalien sämtliche Exemplare, die den Weg nach Haiti gefunden hatten, aufkaufte - woraufhin die Autorin ihn verließ und in die USA emigrierte. Das Nachwort, von Mitgliedern ihrer Familie geschrieben, liest sich da differenzierter. Die Autorin selbst sei es schließlich gewesen, die in Paris anrief, um die offizielle Verbreitung ihres Werkes zu stoppen. Die Kinder aber gaben später das Werk unter der Hand weiter.
Es wurde spekuliert, ob es auch die erotische Offenheit der ersten Erzählung war, die dieses Werk so schockierend erscheinen ließ, dass es nur heimlich verbreitet werden durfte. Doch wer "liebe wut wahnsinn" liest, hat kaum Zweifel: Es war ein für das Haiti Papa Docs politisch schlicht und einfach völlig unmögliches Buch. Dieser Roman ist eine bei aller poetischen Umformung unverhohlene, mit glühendem Zorn geschriebene Attacke auf ein Regime, das dem Land alles nahm, was es hatte.
Dabei steigert sich der Roman noch: Ist in "Liebe" das politische Geschehen noch einigermaßen nüchtern geschildert, ist der zweite Teil als Anklage kaum zu übertreffen: "Wut" ist eine Art haitianische "Fräulein-Else"-Geschichte. Eine Familie wird enteignet. In die Erde, die schon der Großvater bebaut hat, treiben die neuen Machthaber mannshohe Pfähle. Der Vater spricht bei einem korrupten Anwalt vor, der einen üblen Handel vorzuschlagen hat: die Grundstücke gegen die Ehre der Tochter.
"Wut" ist der schwächste Teil des Bandes, vielleicht gerade deshalb, weil die Autorin sich hier an einen ausgeklügelten Plot hält, statt ihren Figuren zu folgen. Aber auch hier gelingt es ihr, uns hineinzustoßen in eine Welt, in der Angst und das Gefühl der Demütigung noch die alltäglichste Verrichtung begleitet.
"Wahnsinn", der letzte Teil, beschwört endgültig die Apokalypse herauf: Vier junge Dichter haben sich in einer finsteren Absteige verbarrikadiert. Sie hungern, sie sind am Verdursten, außer hochprozentigen Alkohol haben sie nichts mehr im Haus. Sie verrichten ihre Notdurft in einen Nachttopf, von draußen herein strömt der Verwesungsgeruch eines Ermordeten. Sie hören Schüsse, sie sehen den Widerschein des Feuers, Ratten attackieren sie - und immer wieder tauchen wie aus dem Nichts die "Schwarzen Teufel" auf.
Aber nein! Es stellt sich heraus: Alles ist Einbildung. Der Tote vor der Tür der vier Freunde, das ist kein Mensch - da wird nur ein Hundekadaver von Würmern zersetzt. Und die Schwarzen Teufel - sie existieren tatsächlich nur in ihrer Fantasie. Ein hoffnungsvolles Ende? Keineswegs. Denn während sich gerade herausstellt, dass wir es hier nur mit Einbildung zu tun haben, müssen wir erkennen: Die Realität ist um keinen Deut besser! Die Wahnsinnigen haben auf ihre Weise Recht.
Düsterer kann ein Roman nicht enden.
Marie Vieux-Chauvet: liebe wut wahnsinn. Roman. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. 480 S., geb., Â 22,70 (Claassen Verlag, Berlin)