Rjabtschuk, Popov, Milstein: 51. Staat der USA?

Wohin steuert die Ukraine? Mykola Rjabtschuk beschreibt seine Heimat in einem klugen Essay, die beiden russischen Journalisten Dmitri Popov und Ilia Milstein legen dagegen eine Art Hagiografie über Julia Timoschenko vor.

Spätestens mit der orangefarbe nen Revolution im Spätherbst 2004 hat sich die Ukraine auch den politisch weniger interessierten Europäern kraftvoll in Erinnerung gerufen. Eine Mehrheit der Bevölkerung wollte sich von einer machtgeilen und total korrupten Herrschaftsclique nicht mehr länger gängeln und erpressen lassen und ging für die Menschenwürde und Bürgerrechte bei klirrender Kälte tagelang auf die Straßen, bis die Machthaber einlenken mussten. Doch bei allem Respekt, welcher der Ukraine damals entgegengebracht wurde: Was weiß man denn heute über dieses große Land im Osten Europas?

Umso wichtiger, dass nun nicht mehr nur akademische Abhandlungen über die Ukraine auf dem Buchmarkt auftauchen. Mykola Rjabtschuk beschreibt seine Heimat in einem klugen, gut lesbaren und kompakten Essay. Der Kiewer Schriftsteller und Journalist, nebenbei auch der "Entdecker" des im März mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichneten Juri Andruchowytsch, versucht darin eine politpsychologische Analyse der Ukraine.

So erklärt er etwa, dass der Unterschied zwischen der West- und der Ostukraine "weniger konfessioneller oder sprachlich-kultureller als vielmehr geschichtlich-politischer Art" sei. Und Rjabtschuk schreibt von der Existenz "zweier Ukrainen", die "nicht nebeneinander, sondern ineinander existieren" und für die es nur zwei Entwicklungsmöglichkeiten gebe: "Erlangung einer eigenständigen ukrainischen Identität oder endgültige Auflösung in der sowjetisch-orthodox-ostslawischen".

Den Russen wirft der Autor vor, dass sie das Erbe des Kiewer Rus (mittelalterlicher Vorläuferstaat der heutigen Staaten Russland, Ukraine und Weißrussland) monopolisiert und ihrer imperialen Identität zu Grunde gelegt hätten. Bis heute habe das "imperiale Modell" in Russland viele Anhänger, was Rjabtschuk für "politisch gefährlich" hält: "Es weckt Illusionen, fördert den Revanchismus, verführt russische Politiker dazu, Ansprüche auf Nachbarländer zu stellen." Folge des imperialen Mythos sei außerdem der Glaube vieler Russen daran, dass "der Großteil der Ukrainer russisch spricht und dass jeder, der russisch spricht, sich auch dem alt-neuen Imperium anschließen will".

Später schildert der Autor die politische Entwicklungen in seiner Heimat seit der Unabhängigkeit 1991 bis herauf in die Gegenwart. Dabei kommt er noch einmal auf die zwei Entwicklungsperspektiven des Landes zurück: Verwestlichung oder Neoso-wjetisierung. Welchen Weg die Ukraine gehe, hänge dabei in hohem Maße von der Unterstützung der westlichen Länder ab. Speziell die EU aber hat Rjabtschuk zufolge bisher "einen erstaunlichen Mangel an Fingerspitzengefühl" gezeigt. Mit grotesken Vergleichen und erstaunlich dummen Erklärungen von höchsten Brüsseler Repräsentanten wurde das proeuropäische Lager in der Ukraine wiederholt vor den Kopf gestoßen.

Im Gegensatz zur "heuchlerischen Position" der EU habe die Nato von Anfang an klar formuliert, was ihre Aufnahmekriterien seien. Ob es aber deswegen, wie Rjabtschuk empfiehlt, für Kiew wirklich "besser wäre, in erster Linie die Beziehungen zu den USA zu entwickeln und zu stärken"? Die Geografie lässt sich nicht ändern und 51. Bundesstaat der USA wird die Ukraine gewiss nie werden. Auch wenn das EU-Europa die Ukraine bisher bitter enttäuscht hat: Kiew kann wohl nur weiter konsequent daran arbeiten, mit Hilfe von Freunden das westliche Europa vom Europäertum der Ukraine zu überzeugen - bis auch die Brüsseler Bürokratie und die ständig Nabelschau betreibenden westeuropäischen Regierungen einmal die außergewöhnliche strategische Position dieses Landes begriffen haben.

So empfehlenswert Rjabtschuks Ukraine-Essay ist, so sehr muss man von der vermeintlichen Timoschenko-Biografie zweier in München lebender russischer Journalisten abraten: Ein haarsträubend schlechtes Buch, in dem spekuliert statt analysiert, der Leser verwirrt statt aufgeklärt wird. Beschrieben wird der Werdegang der Politikerin, die durch ihr feuriges Engagement im Herbst 2004 zur Revolutionsikone aufgestiegen ist, im Stil der Regenbogenpresse: also Klatsch und Tratsch. Nur logisch, dass kaum Quellenangaben gemacht werden.

Beispiel gefällig? "In vollen Zügen atmet Timoschenko die Liebe der Menge ein, lässt sich von deren kollektiver Energie durchströmen. Dieses Glück ist mit nichts zu vergleichen - zu spüren, wie bei deinen Worten tausende Augenpaare aufleuchten, wie die Herzen der Zuhörer in einem Takt mit deinem Herzen schlagen." Im ganzen Buch trieft es nur so von solchen Schmalzflecken. Einmal schreiben die beiden Russen über Timoschenko und den heutigen Präsidenten der Ukraine, Viktor Juschtschenko: "Mit einem Wort, Juschtschenko und Timoschenko sind füreinander geschaffen." 86 Seiten weiter aber stellen sie das genaue Gegenteil fest: "Die Spaltung war nicht zu umgehen. Zu unterschiedliche Menschen hatten sich unter dem Banner der orangenen Revolution zusammengefunden."

Zum Schluss behaupten Popow und Milstein, "die Biografie Timoschenkos liegt vor uns wie ein offenes Buch", um gleich im nächsten Satz festzustellen, die Hauptfrage sei dadurch nicht beantwortet, nämlich: "Wer ist diese Frau und was kann man von ihr erwarten?" In der Tat, das klingt wie ein ungewolltes Eingeständnis: Denn auf 375 Seiten erfährt man in diesem Buch praktisch nichts Neues oder Überraschendes über Timoschenko, ihre Person oder ihre politischen Vorstellungen. Dafür lassen sich die beiden Autoren einmal über den ukrainischen Nationalcharakter aus und erwähnen da den "schwach entwickelten Bürgersinn" der Ukrainer. Und das - vor dem Hintergrund der erfolgreichen orangefarbenen Revolution - ausgerechnet von zwei Russen.

Mykola Rjabtschuk - Die reale und die imaginierte Ukraine
Essay. Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot. 176 S., brosch., € 9,30 (Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main)

Dmitri Popov, Ilia Milstein - Julia Timoschenko
Die Zukunft der Ukraine nach der Orangenen Revolution. Aus dem Russischen von Helmut Ettinger. 376 S., geb., € 19,50 (DuMont Verlag, Köln)

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