Pfeife, kalt geraucht

Sorgfältig recherchiert, flott geschrieben, grandios komponiert: Simon Sebag Montefioris Beschreibung des stalinistischen Hofstaats ist ein Meisterwerk. Ebenso ergiebig: Richard Overys Vergleich des Stalinismus mit den Nazis.

Ich bitte um die Erlaubnis, den Angriff der Deutschen zurück schlagen zu dürfen", beendete General Georgij Schukow am Telefon seinen Bericht über den erst vor wenigen Stunden begonnenen Angriff Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion. Doch am anderen Ende der Leitung vernahm er nur schweres Atmen in den Hörer. "Haben Sie mich verstanden", fragte Schukow verunsichert nach. Wieder Schweigen. Doch plötzlich meldete sich Stalins Stimme. "Wo ist der Verteidigungskommissar? Kommen Sie mit Timoschenko in den Kreml. Sagen Sie Poskrebyschew, er soll alle Mitglieder des Politbüros zusammenrufen."

Stalin ist am 21. Juni 1941, dem Tag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, nicht völlig zusammengebrochen, wie es immer wieder heißt. Er war niedergeschlagen, wirkte gedankenverloren, sah den Angriff zunächst als eine Provokation des deutschen Offizierkorps. "Hitler weiß gar nichts davon", redete er sich und seinen Höflingen ein. Erst allmählich dämmerte Stalin die ganze Katastrophe, die er durch seine Gutgläubigkeit gegenüber Hitler mit verursacht hatte. Die Deutschen rückten vor, die sowjetischen Abwehrfronten befanden sich in Auflösung. Schon nach sieben Angriffstagen waren Hitlers Truppen fast 500 Kilometer vorgerückt und eroberten Minsk. An diesem 28. Juni 1941 erlebte der Diktator seinen Tiefpunkt: "Alles ist hin. Ich gebe auf. Lenin hat unseren Staat gegründet, und wir haben alles versaut", murmelte er auf der Fahrt vom Kreml zu seiner Datscha in Kunzewo. "Wir haben es vermasselt. Ich trete ab."

Zwei Tage lang war der Diktator danach für niemanden erreichbar. Ein Nervenzusammenbruch? Oder doch ein bewusst inszeniertes Drama? Ein Kollaps, schreibt Simon Sebag Montefiori, wäre mehr als verständlich gewesen. Schließlich offenbarte Hitlers Angriff Stalins völlige Fehleinschätzung. Immer wieder hatte er seinen Höflingen eingeredet, 1941 werde die Wehrmacht ganz bestimmt nicht angreifen. "Jetzt stand der Kaiser entblößt da. So etwas konnte nur ein Diktator überstehen, der zuvor alle möglichen Rivalen aus dem Weg geräumt hatte", beschreibt Montefiori diese dramatischen Stunden im Leben des Diktators.

Aber der zweitägige Rückzug aus dem Machtzentrum war offenbar doch eine Inszenierung. Die wichtigsten Politbüro-Mitglieder - Molotow, Beria, Mikojan, Malenkow, Woroschilow - pilgerten zu Stalin nach Kunzewo: "Wir bitten dich, wieder an die Arbeit zurückzukehren", flehten sie ihn an. "Aber kann ich den Hoffnungen des Volkes noch gerecht werden", schien der sich zu zieren. Nur wenig später war Stalin wieder fest im Sattel. Aber ein durchtriebener Menschenkenner und Machtpolitiker wie Beria ahnte sogleich: "Wir haben Stalins eklatanteste Schwächephase miterlebt, das wird er uns niemals verzeihen."

Gut in der Mitte seines 870-Seiten-Wälzers finden sich diese Schilderungen Simon Sebag Montefioris über den Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges, des mörderischen Ringens der Weltgeschichte. Das ganze Buch des englischen Historikers und Publizisten ist gespickt mit solchen viel sagenden Episoden aus der dramatischen Geschichte der Sowjetunion von den Dreißigerjahren bis zum Tod des Diktators 1953: Das Geschehen ist exakt ausgeleuchtet, Personen und Schauplätze sind genau beschrieben. Dazwischen streut der Autor scharfe Beobachtungen und kluge Kommentare ein.

Montefiori hat keine Stalin-Biografie geschrieben, sondern er beschreibt den Alltag einer kommunistischen Diktatur: Stalin im Zentrum, um ihn herum die Höflinge, unterwürfig, furchtsam, brutal, paranoid, menschenverachtend, pervers. Einer von ihnen, der Geheimdienstchef Genrich Jagoda, ließ die Kugeln aus den Schädeln der Opfer holen und versah die Projektile mit Etiketten, auf denen ihre Namen standen: "Sinowiew", "Kamenew". Diese Relikte bewahrte er dann zwischen seiner umfangreichen Sammlung von Erotika und Damenstrümpfen auf. Stalin selbst gestand einmal einem dieser Opfer, Kamenew: "Der höchste Genuss ist für mich, den Feind zu stellen, alles genau vorzubereiten, sich weidlich zu rächen und dann schlafen zu gehen."

Über 700.000 ließ er während des großen Terrors 1937/1938 erschießen, 1,5 Millionen festnehmen. Der permanente Kampf gegen Verräter war sein ideologischer Antrieb: "Kein anderer führender Politiker war derart auf die Vernichtung seiner Feinde programmiert wie Stalin", meint Montefiori. "Onkel Joe", nannten ihn die angloamerikanischen Verbündeten des Zweiten Weltkriegs, und zu seinem onkelhaften Image trug seine Pfeife bei. Gerade diese Pfeife aber signalisierte seinen Höflingen stets, wie es um den "Woschd", den Führer, gerade stand: "Wenn er die Pfeife kalt rauchte, drohte Unheil, wenn er sie ablegte, ein Donnerwetter; wenn er sich jedoch mit dem Mundstück über den Bart strich, gefiel ihm etwas. Die Pfeife zeigte an, wie es um seine Laune stand."

Je älter Stalin wurde, desto zorniger, rachsüchtiger und paranoider wurde er. Als Gegengewicht zu seiner Grausamkeit und Primitivität blieben Geduld und Charme intakt. Ja, doch: Charme. Der Georgier hatte diese Gabe, und in Montefioris Studie tritt das immer wieder zu Tage; er konnte die Menschen um ihn herum nicht nur terrorisieren, sondern auch regelrecht betören und für sich einnehmen.

Auch das gehört zu diesem Machtmenschen, der das 20. Jahrhundert so wesentlich mitformte. Und doch war niemand vor seiner Paranoia sicher, nicht einmal seine engsten Vertrauten wie etwa Molotow, Mikojan, Beria oder sein Bürochef Alexander Poskrebyschew. Wenn Stalins Rachsucht sie nicht selbst der Vernichtung preisgab, dann zumindest ihre Angehörigen, die wie rund 20 Millionen Sowjetbürger in den Mühlen des Terrorstaates zermalmt, wie 28 Millionen weitere deportiert wurden oder wie 18 Millionen als Sklaven im Gulag schufteten.

Montefioris Beschreibung des stalinistischen Hofstaats ist schlicht ein Meisterwerk: Sorgfältig recherchiert, flott geschrieben, grandios komponiert, enthält es auch für Kenner der sowjetischen Geschichte eine Fülle bisher nicht bekannter oder kaum beachteter Details. Es ist aber nicht das einzige neue Meisterwerk der neuesten Geschichtsschreibung zum titanischen Ringen zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus während des Zweiten Weltkriegs.

Richard Overy, mit zahlreichen Büchern zum Thema längst über den Kreis der Fachhistoriker hinaus bekannter Autor, legt einen Vergleich des nationalsozialistischen und des kommunistischen Herrschaftssystems vor: Sein Buch ist noch umfangreicher als Montefioris, enthält einen noch längeren Anmerkungsapparat. Overys Studie liest sich schwerer als Montefioris Buch, aber die Lektüre ist genauso ergiebig. Nur der Haupttitel ist irreführend. Denn der Londoner Professor für Neuere Geschichte vergleicht weniger die Diktatoren Hitler und Stalin - der biografische Vergleich ist eines von 14 Kapiteln -, sondern vor allem die beiden Diktaturen.

Regierungskunst, Personenkult, Parteienstaat, Terrormechanismen, utopische Ziele, Rhetorik, Freund-Feind-Schema, Kulturpolitik, Kommandowirtschaft, Militarisierung, Kriegsführung, Lagersystem ("der grausame Spiegel der Diktaturen"): Nationalsozialismus und Kommunismus hatten sehr vieles gemeinsam, was Overy auf über 1000 Seiten akribisch herausarbeitet. Beide Diktaturen huldigten dem Antiliberalismus, hatten den Hass als Triebfeder, postulier-ten einen Absolutheitsanspruch, waren von der eigenen historischen Mission zutiefst überzeugt. Beide Diktaturen wiesen große Ähnlichkeiten in den Herrschaftsmechanismen auf, gingen dabei von angeblich wissenschaftlich fundierten Grundlagen aus. Führerverehrung, Masseninszenierungen, Monumentalarchitektur, Heroismus in der Kunst - all dies fand sich in der braunen und in der roten Diktatur gleichermaßen. Und doch verweist Overy wiederholt auf einen fundamentalen Unterschied hin: "Stalin wollte die sowjetische Bevölkerung dazu bringen, eine sozialistische Zukunft aufzubauen, die ,Gleichheit und Freiheit für die Menschen' bereithalten würde. Hitlers Ziel war die Errichtung eines ,Imperiums der Herrenrasse', erstanden aus dem Blutbad des Krieges." An anderer Stelle formuliert Overy: "Der Sowjetkommunismus sollte ein Instrument für den menschlichen Fortschritt sein, während der Nationalsozialismus seinem ganzen Wesen nach ein Instrument für den Fortschritt eines ganz bestimmten Volkes war."

Weder im einen noch im anderen System war die Opposition und der Widerstand gegen die Diktatur sehr groß. Overys Urteil fällt da überaus nachsichtig aus: "Das Verhalten der Mehrheit zeigte ein tiefe Klugheit gegenüber einem System, das eine breite, wenn auch bedingte Zustimmung fand und überaus wachsam war. Sehr schnell gewöhnten sich die Menschen Unterwürfigkeit und Verstellung an, gaben beides aber schnell wieder auf, nachdem die Diktaturen verschwunden waren. Aber Einverständnis bedeutete eben Einschluss, Verweigerung Ausschluss. Vor eine derart extreme Wahl gestellt, entschieden sich die meisten Menschen, lieber Freund als Feind zu sein."

Auch interpretiert Overy die rigorose staatliche Unterdrückung im Deutschland Hitlers und in Stalins Russland nicht als Ausdruck einer uneingeschränkten Machtfülle: "In Wirklichkeit war sie ein Ausdruck der Schwäche. Beide Diktaturen waren von tiefgreifenden Ängsten und Unsicherheiten durchsetzt." Die Angst vor inneren und äußeren Feinden, vor der Konterrevolution in der Sowjetunion beziehungsweise der Unterwanderung des deutschen Volkes führte in beiden Diktaturen zu einem permanenten Ausnahmezustand.

Es gibt viele intelligente, tiefschürfende, erkenntnisreiche Beobachtungen und Vergleiche in diesem Buch. Beinahe fassungslos steht der Leser vor der Fülle des Materials, das da gesichtet, verglichen, geordnet und zusammengefasst wurde. Auch die Kapitel über die Kultur-, die Wirtschaftspolitik oder das "moralische Universum" der beiden Diktaturen bereiten einen Hochgenuss bei der Lektüre, von den Abschnitten über die Militarisierung, den Krieg und die Lagersysteme gar nicht zu reden.

Während also Montefioris und Overys Arbeit die Hochachtung für die englische Zeitgeschichtsschreibung nur in lichte Höhe treiben können, ist die Stalin-Biografie des Kieler Historikers Klaus Kellmann eine eher matte Sache. Gut, er legt die Latte von vornherein nicht so hoch, wenn er schreibt, seine Arbeit richte sich weniger an professionelle Osteuropahistoriker, sondern an zeitgeschichtlich Interessierte. Aber da gibt es seit langem viel knappere Lebensbeschreibungen Stalins als seine, die trotzdem spannender, instruktiver sind. Vor allem fehlt in Kellmanns Buch der Mensch Stalin, man erfährt nur etwas über den Machtpolitiker.


Simon Sebag Montefiori: Stalin. Am Hofe des roten Zaren. Aus dem Englischen von Hans Günter Holl. 874 S., geb., € 25,60 (S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

Richard Overy: Die Diktatoren. Hitlers Deutschland, Stalins Russland. Aus dem Englischen von Udo Rennert und Karl Heinz Silber. 1024 S., geb., € 49,90 (Deutsche Verlags-Anstalt, München)

Klaus Kellmann: Stalin. Eine Biografie. 352 S., brosch., € 25,60 (Primus Verlag, Darmstadt)

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