Ernst Hinterberger: Die Tote lebt

Zum 75. Geburtstag: Ernst Hinterberger schenkt sich einen Krimi.

Man kennt sie: die Hausmeisterin Turecek vom "Kaisermühlen Blues". Den Mundl! Den "Trautmann". Ernst Hinterberger hat den Österreichern Fernseh-Serien beschert, die so umstritten sind wie einmalig, die manche für Schund halten und andere für Kult, wobei Letztere sich wohl durchgesetzt haben: "Ein echter Wiener geht nicht unter" wird alle paar Jahre vom ORF als Wiederholung gezeigt. Zu Recht.

Wer allerdings jemals Hinterbergers literarische Vorlage zum "echten Wiener" in Händen gehabt hat, der weiß, was auf dem Weg zur TV-Serie verloren gegangen ist und um wie vieles genauer dem Autor seine Charakterstudien gelingen, wenn es nicht darum geht, ein Fernsehpublikum zu begeistern: Der literarische Mundl ist kein liebenswerter Chauvi, kein komischer Kauz: Er ist einer, der die Zeichen der Zeit nicht lesen kann und sich hoffnungslos ins Aus manövriert. Er endet einsam, verbittert, unbelehrbar.

Im neuen Krimi Hinterbergers, der anlässlich des 75. Geburtstags des Autors (Fest am 17. Oktober im Wiener Akzent) erschienen ist, steht wieder eine fernsehbekannte Figur im Mittelpunkt. Trautmann, genauer: Polycarp Trautmann. Kein Wunder, dass er seinen Vornamen unterschlägt: Schließlich ist er Kriminalbeamter am Karmelitermarkt, wo es zum guten Ton gehört, die Prostituierten beim Vornamen zu kennen und sich von Pferdeleberkässemmeln zu ernähren. Das ist kein Held, sondern ein vom Leben gebeutelter Kerl, der sein Heil im Buddhismus sucht wie der Autor selbst, wobei diese abgeklärte Form des Glaubens zu Trautmann nicht wirklich passen will.

In seinem jüngsten Fall ist der Ermittler mit einer Serie von Frauenmorden befasst - doch wer eine klassische Krimihandlung erwartet, wird enttäuscht. Von Mord zu Mord geht rein gar nichts weiter, immer wieder wird der Akt zur Seite gelegt, weil die Spuren kalt sind, weil es keinen Ansatzpunkt gibt, weil andere Fälle gerade die Aufmerksamkeit bündeln: Eine Türkin wird auf offener Straße erstochen, weil ihr Mann sie in flagranti beim trauten Gespräch mit einem anderen ertappt hat. Eine bulgarische Kinderbande wird aus dem Verkehr gezogen, wobei das Pärchen, das die Kinder zu Diebstahl und Prostitution gezwungen hat, erklärt, sie hätten für die Kinder eine Wien-Besichtigung organisiert. Ein ortsbekannter "Arsch mit Ohren" wird Opfer einer Pilzvergiftung. Polizeialltag eben: ungeklärte Verbrechen. Mörder, die man nicht lange suchen muss. Kleinkriminalität. Und Pferdeleberkässemmeln.

Als Trautmann den Frauenmörder am Ende doch noch schnappt, ist das zwar auch seinem kriminalistischen Spürsinn, viel mehr aber dem Zufall zu danken, was mindestens so realistisch ist wie die stets erfolgreiche Tatortanalyse in modernen US-Krimis wie CSI oder die raffinierten Schlüsse eines Sherlock Holmes: Hat das Glück der Ermittler nicht sogar einen Namen? Kommissar Zufall nennen wir es. Hier hat er zugeschlagen. Wieder einmal. Wir Leser haben unterdessen ein Stück Wien kennen gelernt, wie es sich uns normalerweise nicht präsentiert - und die Rezensentin weiß jetzt endlich, was man sich unter einem "Schas mit Quastln" genau vorzustellen hat.

Ernst Hinterberger Die Tote lebt

Ein Fall für Trautmann. 216 S., geb., € 19,80 (Echomedia Verlag, Wien)

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