Jos© Saramago: Die Stadt der Sehenden

Rabenschwarzer Optimismus: der neue Saramago.

Es ist ein Gedankenexperiment. Und man weiß nicht so recht, ob man dem 1922 geborenen Jos© Saramago nun Schwarzmalerei oder hoffnungslosen Optimismus vorwerfen soll. Oder beides. Im Roman "Die Stadt der Sehenden" ist die Demokratie ein mehr als fragiles Konstrukt: Es braucht nicht viel, und die Machthaber demonstrieren, dass sie nicht vergessen haben, wie das geht: Diktatur. Folter. Mord. Andererseits lernen wir eine fast unheimliche staatstragend-gefestigte Bevölkerung kennen: Sie bleibt selbst unter direkter Bedrohung gefasst und übt Solidarität, wo doch jedem seine eigene Haut die nächste sein könnte. Mustergültig.

Zur Geschichte: In der ungenannten Hauptstadt eines nicht näher bezeichneten Landes - es könnte Portugal sein, die Heimat des Autors - gehen die Menschen zu den Urnen und wählen weiß. Zu über 80 Prozent! Sie haben sich nicht abgesprochen, sie gehören sogar ganz offensichtlich politisch verschiedenen Lagern an, und wenn man sie befragt, berufen sie sich höflich aber bestimmt auf das Wahlgeheimnis - oder darauf, dass auch Weißwähler ihrer staatsbürgerlichen Pflicht nachkommen.

Erst will die Regierung, mit Spitzelei und etwas Folter, die Ursachen des seltsamen Aufstandes ergründen - als sie dabei scheitert, zieht sie sich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus der Stadt zurück und nimmt den Beamtenapparat gleich mit. Die Stadt wird abgeriegelt. Keiner soll mehr durchkommen. Sollen die "Weißen", wie sie bald nur noch heißen, doch sehen, was passiert.

Es passiert: Eben nichts - darin liegt der unfassbare Optimismus dieses Buches. Die Menschen gehen ihrer Arbeit nach und erscheinen nun, wo keiner mehr darüber wacht, ganz besonders gesetzestreu. Von dieser friedlich-anarchischen Parallelgesellschaft fühlt sich nun die Regierung so provoziert, dass sie zu noch drastischeren Maßnahmen greift: Im Bahnhof explodiert eine Bombe und kostet etliche Todesopfer. Doch der Trick, das den "Weißen" in die Schuhe zu schieben, scheint nicht zu funktionieren.

Dann, auf Seite 208, stellt uns Saramago endlich einen der Hauptdarsteller des Buches vor. Bis dahin wurde das Gedankenexperiment zwar nach allen Regeln der Kunst aufgestellt, blieb aber seltsam papieren, was man vom Autor gerade nicht gewöhnt ist: So sehr konzentriert sich der Literaturnobelpreisträger auf die Machtmechanismen, dass er die Menschen dahinter vergisst. Seine Figuren heißen: Der Innenminister. Der Premierminister. Der Bürgermeister. Sie ringen um Einfluss, sie versuchen einander auszubooten, Fehler nachzuweisen, Schwächen der anderen auszunutzen. Selbst dort, wo es "persönlich" wird, wirkt das Klischee weiter: Die Politikerfrau reagiert auf den Machtzuwachs ihres Mannes mit einem kurzen Aufflackern des Begehrens.

Die Menschen in Saramagos "Stadt der Sehenden" werden uns entweder in ihrer Funktion als Machthaber vorgestellt - oder als Volk. Interessanterweise stammen die meisten Figuren, die uns dann - doch noch etwas näher kommen, aus einem anderen Buch, dem Vorgängerbuch sozusagen, nämlich aus "Die Stadt der Blinden": Damals ließ der Autor einen nach dem anderen das Augenlicht verlieren, mit Ausnahme der Frau eines Augenarztes. Im Roman "Die Stadt der Blinden" hat uns Saramago einen Ort gezeigt, an dem nur mehr das Recht des Stärkeren regiert. Es ist ein grausiger Roman: Dorthin, zeigt uns Saramago, geraten Menschen, die von keiner Macht, keiner Institution kontrolliert, auf sich selbst gestellt sind: in die blutige Anarchie nämlich.

Nun stellt er quasi die Gegenbehauptung auf. Bei aller Sympathie für Jos© Saramagos Hoffnungen und politischen Träume: Es fällt schwer, ihm so weit zu folgen.

Jos© Saramago - Die Stadt der Sehenden
Roman. Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis. 384 S., geb., € 23,60 (Rowohlt Verlag, Reinbek)

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