Demografie: Die Frauen fehlen zu Millionen

Forscher warnen vor Gewaltpotenzial des Männerüberschusses in Asien.

Etwas mehr als die Hälfte der Bevöl kerung ist männlich, man weiß nicht, warum, es ist in den meisten Gesellschaften so, zumindest in "normalen" Zeiten. Dann werden pro 100 Mädchen 107 Burschen geboren, John Grant dokumentierte es erstmals in London 1710, eine weltweite Studie in 24 Ländern über den Zeitraum von 1962 bis 1980 bestätigte es: 105,9 ist das "Geschlechtsverhältnis bei der Geburt". Das stimmt nicht mit dem der erwachsenen Populationen überein, die Kindersterblichkeit bei Burschen ist höher, in westlichen Gesellschaften schwankt das "Geschlechtsverhältnis der Populationen" zwischen 97,9 und 100,3.

Aber die Zeiten sind nicht immer normal. In den Weltkriegen fiel auf, dass sowohl in als auch nach dem Krieg überproportional viele Burschen geboren werden, im Korea- und im Vietnam-Krieg war es auch so, im ersten Golfkrieg (Irak/Iran) hingegen nicht, auch nicht in den Balkankriegen. Und warum es in den anderen Kriegen so war, ist unklar, es kann mit dem Stress der jungen Männer - Soldaten - zusammenhängen, aber es gibt nur Hypothesen. Eine andere, evolutionsbiologische, vermutet, dass die Natur irgendwie den Männerverlust an den Kriegsfronten ausgleicht, aber dafür waren die modernen Kriege viel zu kurz.

Klarer sieht man bei den kulturellen Einflüssen: Von Südostasien bis Nordafrika werden Söhne bevorzugt, sie sichern die Einkommen, sie setzen die Familien-Linien fort. Die Antwort hieß lange Infantizid - neugeborene Mädchen wurden getötet oder schlecht ernährt und medizinisch versorgt. Dann kam der Fortschritt und ermöglichte die Geschlechtsbestimmung von Embryos, mit Ultraschall. Nun hieß die Antwort Abtreibung - in Indien etwa kommen die mobilen Einheiten in die Dörfer, vorne im Wagen das Ultraschall-Gerät, hinten der Operationstisch. Das ist zwar verboten, wird aber nach wie vor in großem Stil praktiziert.

Noch schärfer stellt sich das Problem in China, dort ist seit 1979 die "Ein-Kind-Familie" verordnet. Das hatte zwar den erwünschten Effekt - das Einbremsen des Bevölkerungswachstums -, aber die Nebenwirkung ist drastisch: In Großfamilien wird auch der unerwünschte weibliche Nachwuchs eher willkommen geheißen. Wenn hingegen nur ein Kind erlaubt ist wie heute noch im ländlichen China, dann gibt es zwar Ausnahmegenehmigungen - ist das erste Kind ein Mädchen, darf ein zweites gezeugt werden -, es wird auch viel getrickst, die Geburt eines Mädchens etwa einfach nicht den Behörden gemeldet. Trotzdem ist das Geschlechtsverhältnis von 106 (1979) auf 117 (2001) hochgeschnellt, regional beträgt es 130: "Alleine in China werden pro Jahr eine Million Burschen mehr geboren als Mädchen", bilanzieren Therese Hesket (University College London) und Zu Wei Xing (Zhejang Normal University, Jinhua): "Weltweit gab es 2001 67 bis 92 Millionen ,fehlende Frauen'" (Pnas, 28. 8.).

Das ist etwas weniger als in früheren Schätzungen - die gingen auf 100 Millionen -, es liegt daran, dass in vielen Gesundheitssystemen Asiens die Behandlung vom Staat getragen wird: Unerwünschte Mädchen sind in dieser Hinsicht keine ökonomische Last für die Familien, man lässt sie nicht mehr einfach sterben, wenn sie krank sind. Aber für den Gegen-Trend sorgen die steigenden Geschlechtsbestimmungen von Embryos inklusive Abtreibung. Die lässt sich durch rigorose Anwendung der Gesetze minimieren, in Südkorea etwa wurde das Geschlechtsverhältnis so von 116 (1998) auf 110 (2004) gedrückt. Zudem profitieren natürlich die Frauen, die erwünschte Kinder waren, ihre Rolle wird aufgewertet, und sie haben ein größeres Angebot an Bewerbern.

Die sind die Verlierer: "In Teilen Chinas und Indiens wird es einen Überschuss von 12 bis 15 Prozent an jungen Männern geben", prognostizieren die Forscher: "Sie werden ausgerechnet in Gesellschaften, in denen Familie hohen Wert hat, keine Familien gründen können."

Und sie, das sind nicht einfach die jungen Männer, es trifft die Armen und Ungebildeten: "94 Prozent der Unverheirateten in China sind Männer im Alter zwischen 28 und 49, 97 Prozent davon haben keine abgeschlossene Schulausbildung", es sind oft Bauernsöhne, die sich als Wanderarbeiter in den Metropolen durchschlagen, sie ziehen die glitzernden Kapitalspaläste hoch.

Bisher halten sie still, politisch zumindest, die Kriminalitätsrate ist hoch, in machen chinesischen Städten begehen Wanderarbeiter 80 Prozent der Verbrechen. Auf Dauer könnten diese jungen Männer die "soziale Stabilität und Sicherheit gefährden", fürchten die Forscher, und mehr noch: "Diese jungen Männer, die nicht wissen, wohin mit ihrer sexuellen Energie, könnten von militärischen und paramilitärischen Organisationen angezogen werden und das Potenzial haben, großflächige und internationale Gewaltakte auszulösen."

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