Pressestimmen
"Süddeutsche Zeitung" (München): "Das Ensemble halbseidener Figuren in dem Spionagekrimi ist mittlerweile um einen neuen und nicht minder fragwürdigen Charakter bereichert worden: Juri Schwez, in den achtziger Jahren KGB-Spion in Washington (...) Sicher ist nur, dass Schwez - ebenso wie Litwinenko - einst für Boris Beresowski arbeitete, jenen in London lebenden Multimillionär, der Russlands Präsident Wladimir Putin in inniger Feindschaft verbunden ist. ...
"Süddeutsche Zeitung" (Fortsetzung): ... Worum es bei der von Schwez angedeuteten Spur gehen könnte, erfuhr der 'Observer' von der in London studierenden Julia Swetlitschnaja. Sie erinnerte sich, dass Litwinenko sie an einem Erpressungsgeschäft beteiligen wollte. 10.000 Pfund habe der chronisch unter Geldmangel leidende Litwinenko pro Erpressungsversuch kassieren wollen. Zu seinen Geschäftsinteressen hätten möglicherweise auch kriminelle Machenschaften wie Mädchenhandel und der Schmuggel mit radioaktiven Stoffen gehört, berichtete die 'Times' unter Berufung auf eine ungenannte Quelle. 'Menschen, die in Verbindung zu dieser Welt stehen, werden auf den Straßen russischer Städte häufig ermordet', konstatiert die Zeitung. 'Doch bis jetzt ist diese Praxis noch nicht bis London vorgedrungen.'"
"Der Tagesspiegel" (Berlin): "Alle Vorwürfe, der Kreml oder andere staatliche Stellen stünden hinter dem Mord, werden in Russland zurückgewiesen. Mario Scaramella stand am Sonntag weiter unter strenger Kontrolle der Ärzte. In seinem Urin wurden ebenfalls Spuren der Substanz Polonium 210 entdeckt, mit der Litwinenko vermutlich am 1. November vergiftet wurde. Beide waren an diesem Tag gemeinsam in London in einem Sushi-Restaurant. Die radioaktive Belastung im Körper des Italieners ist nach Auskunft der Ärzte weit geringer als bei Litwinenko. ...
"Der Tagesspiegel" (Fortsetzung): ...Vergiftungssymptome zeigten sich bislang nicht (...) Auch bei Litwinenkos Witwe Marina wurden Polonium-Spuren gefunden. Die Gefahr für sie ist nach Einschätzung der Ärzte aber gering. Der 'Observer' berichtete unter Berufung auf eine russische Studentin, dass Litwinenko im Besitz von Geheimdienstdokumenten war, mit denen er andere erpressen wollte. Die Liste habe von reichen russischen Geschäftsleuten über korrupte Beamte bis hin zu 'Quellen im Kreml' gereicht."
"The Financial Times" (London): "Putin ist im Jahr 2000 mit dem Versprechen an die Macht gekommen, wieder einen starken Staat zu schaffen, der sich an die Gesetze hält. Der Tod von Alexander Litwinenko und eine Menge von anderen Ermordungen legen die Vermutung nahe, dass Putins Russland wieder stark ist - aber weit davon entfernt, gesetzestreu zu sein. Bisher ist gegen niemanden Anklage erhoben worden. ...
"The Financial Times" (Fortsetzung): ... Die Liste der Verdächtigen reicht weit - von ehemaligen und amtierenden Geheimdienstlern über Geschäftsleute bis zu gewöhnlichen Banditen. Der Kreml weist jede Verstrickung zurück. Aber Putin kann sich nicht aus der Verantwortung dafür ziehen, dass er einen Staat geschaffen hat, in dem Mordanschläge zum Alltag gehören."
"The New York Times": "Es ist unumstritten, dass sich eine Kultur der Gesetzlosigkeit in Russland ausbreitet und dass Wladimir Putin wenig tut, um das aufzuhalten. Im Gegenteil: Er hat Russlands Demokratie geschwächt, indem er die Regierung mit Dunkelmännern aus dem Dunstkreis des alten KGB besetzt hat und Russlands tief sitzende Unsicherheit und das Misstrauen gegenüber der Außenwelt angefacht hat (...)
"The New York Times" (Fortsetzung): (...) Der Westen hat zwar keine Wahl und muss weiter mit Russland und Putin umgehen. Aber sobald Kreml-Kritiker angegriffen oder ermordet werden, muss der Westen eine umfassende und transparente Ermittlung sowie eine Bestrafung der Kriminellen fordern - egal, wer diese sind. Es ist Zeit, Putin wissen zu lassen, dass wir fest in seine Seele blicken - und wir mögen nicht, was wir dort sehen."
Weiter: Internationale Pressestimmen zum Fall Litwinenko vom 26. November 2006
"Möglicherweise beginnt hier eine schwere diplomatische Krise zwischen Großbritannien und Russland. Nicht nur wegen der Ermordung des ehemaligen KGB-Spions Alexander Litwinenko auf britischem Boden, sondern auch wegen der Art und Weise seines Todes: Der Gebrauch einer radioaktiven Substanz, die die Orte, an denen das Opfer verkehrte, kontaminiert haben könnte, was wiederum gesundheitliche Gefahren für andere Bürger mit sich bringt. Dies ist eine Bedrohung, die die britischen Behörden derzeit sehr ernst nehmen. (...)
(...) Der geringschätzige Spruch Putins ("Europa soll sich um seine vielen ungestraften politischen Morde kümmern") verbessert die Situation auch nicht. Im Gegensatz zu Russland handelt es sich bei Großbritannien um eine echte Demokratie, und wenn dort die öffentliche Meinung gegen Putin revoltiert, dann bleibt der Regierung nichts anderes übrig, als eine harte Linie zu fahren."
"Wenn jemand ein Motiv dafür hatte, Alexander Litwinenko aus dem Weg zu räumen, dann die russische Machtelite. Er selbst war von Beginn seiner Krankheit an überzeugt, dass der Geheimdienst seines Heimatlandes hinter dem Giftanschlag stand. Die Untat, die nun mit großem Aufwand aufgeklärt werden soll, fügt sich in ein unheilschwangeres Muster. Das Regime von Präsident Wladimir Putin räumt in zunehmenden Maß beschwerliche Opponenten aus dem Weg. Die Korruption blüht. ...
... Putins politische Rhetorik nimmt eine immer schärfere nationalistische und chauvinistische Wendung. Rassistisch motivierte Morde nehmen zu. (...) Putin will Vorstellungen von einem starken Russland verbreiten, ohne das die Welt nicht zurechtkommt. (...) Da ist das Leben einer mutigen Journalistin wie Anna Politkowskaja nicht viel wert für eine zynische Machtelite, die viel zu verbergen hat. Ebenso wenig wie das eines störenden Ex-Agenten."
"Wenn sich herausstellen sollte, dass Agenten des russischen Geheimdienstes tatsächlich in einem Londoner Restaurant einen Mordanschlag organisiert haben, dann wäre dies ein Dolchstoß in das Herz der britischen Diplomatie. Großbritannien hat sich beim Umgang mit Russland seit Anfang der 90er Jahre nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Tony Blair hat ständig verschwenderisch Lobpreisungen für Wladimir Putin gestreut. ...
... Sie sind in recht privater Atmosphäre in London und Moskau gefilmt worden. Sie haben Geschenke ausgetauscht. Ihre Frauen sind miteinander ausgegangen. Blair hat mit großer Wärme über ihn gesprochen. Er stand damit allerdings nicht allein. George Bush und Gerhard Schröder haben ihre diplomatischen Beziehungen zu Russland auf ganz ähnliche Weise geölt."
"Putin ist durch diesen Mord in schwere Verlegenheit gebracht worden. Für sein Streben, Russland wieder zu einem weltweit respektierten Staat zu machen, sind Anschuldigen, er führe ein Gangsterregime, nicht hilfreich. Er muss deshalb den britischen Ermittlern vollständige Kooperation und uneingeschränkten Zugang zu allen anbieten, die sie befragen wollen. ...
... Eine Weigerung oder Ausflüchte müssten als Beweis einer Komplizenschaft verstanden werden. Russland sollte auch nicht den Eindruck vermitteln, dass es dies für eine Episode hält, die in ein paar Wochen vergessen ist. Jede Politik des Aussitzens sollte auf eine stärkere Reaktion Großbritanniens stoßen. Litwinenko war ein Bürger dieses Landes. Seine Ermordung ist ein Angriff auf unsere Gesetze, unsere Demokratie und unsere Lebensweise."
"Nahezu alle Anschuldigungen gegen den Kreml und den russischen Auslandsgeheimdienst sind entweder von früheren KGB-Offizieren erhoben worden, aus denen MI6-Agenten wurden, oder durch Freunde, Verbündete oder Angestellte von Boris Beresowski - jenes russischen Oligarchen der Jelzin-Ära, dessen Auslieferung unter dem Vorwurf der Veruntreuung Russland bisher vergeblich verlangt. ...
... Selbst wenn Russlands Behauptung, es habe Mordaktionen im Ausland schon vor langer Zeit aufgegeben, nicht unbedingt zutrifft (ein tschetschenischer Rebellenführer wurde 2004 in Katar getötet), macht doch Russlands Argument durchaus Sinn, dass ein solcher Skandal das letzte ist, was Präsident Putin derzeit brauchen kann. Warum sollte der Kreml einen Aufschrei der Empörung im Westen durch die Tötung eines unbedeutenden Kritikers in London riskieren?"
"Sein Tod ist ein Komplott, fast mit Sicherheit ein Staats-Komplott, und wahrscheinlich das Komplott eines stahlharten und mächtigen Staates wie es das Russland Putins ist. Darauf deuten einige überzeugende Indizien hin. Das erste (...) ist die Methode: Vergiftung. Ein Dilettant haut Dir ein Messer in den Rücken oder schießt Dir in den Magen. Auch das Organisierte Verbrechen, die Mafia, organisiert Komplotte: Autobomben sind ihre Spezialität. Aber nur der Geheimdienst einer Regierung benutzt eine hoch entwickelte und komplexe Methode wie die Vergiftung. ...
... Im Fall Litwinenko kommt dabei noch die verwendete Substanz hinzu: (...) Ein radioaktiver Stoff. Das ist etwas, was man nicht in der Apotheke kauft und auch nicht in der Küche selbst fabriziert. Eine sehr seltene, äußerst schwer zu beschaffene Substanz. Und die Logik sagt uns, dass nur eine Nuklearmacht sie haben kann. Und wie viele Nuklearmächte gibt es auf der Welt? Sagen wir mal etwa zehn. Und wie viele von diesen zehn hassten Litwinenko und konnten ein Interesse daran haben, ihn zu ermorden? Nur eine, Russland. Um ihn zum Schweigen zu bringen, um jemand anderem Angst einzujagen oder aus einem anderen obskuren Grund."