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Reaktionäre Islamisten als Verbündete?

Die Fatwa gegen weibliche Genitalverstümmelung ist ein ambivalentes Signal.

Am heutigen Internationalen Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung (FGM) wird man vieles über die hochgepriesene Konferenz von Kairo lesen, jedoch, ich befürchte, wenig Kritisches. Hochkarätige Mullahs und männliche „Experten“ aus aller Welt haben unter der Schirmherrschaft der Al-Azhar-Universität eine Fatwa gegen FGM ausgesprochen. An dem Treffen, zu dem die deutsche Menschenrechtsorganisation Target geladen hatte, nahmen unter anderen der Großscheich der Kairoer Al-Azhar-Universität, Mohammed Sayed Al-Tantawi, ein Lehrer Tariq Ramadans, der ägyptische Religionsminister Mahmoud Zakzouk und auch der berühmte Scheich Yusuf Al-Qaradawi aus Katar teil.

Qaradawi, der trotz seiner Zugehörigkeit zur Moslembruderschaft im Westen gerne als moderat und modern beschrieben wird, ist den fortschrittlichen Kräften im Nahen Osten jedoch schon lange ein Dorn im Auge. Er sei ein „geistiger Brandstifter“, der in seinen Fatwas nicht nur das Töten amerikanischer ZivilistInnen im Irak – und jüdischer ZivilistInnen in Israel – verlangt, (Selbst-)Mordattentate auch von Frauen rechtfertigt – wobei diesen freundlicherweise dabei auch erlaubt sei, das Kopftuch abzunehmen – und zur Steinigung von Schwulen und Lesben auffordert. Am 23. November 2006, also just dem Tag der viel beachteten Fatwa gegen FGM, gibt er auf seiner Homepage folgenden Rat, die exakt das Gegenteil der Fatwa aussagt: „[FGM] ist keine Vorschrift, wer glaubt, dass es im Interesse seiner Töchter liege, soll es tun, und ich persönlich unterstütze es unter den gegebenen Umständen in der modernen Welt. Aber wer sich dagegen entschließt, wird nicht als Sünder angesehen, da es vor allem dazu gedacht ist, Frauen zu ehren, so sehen es die Gelehrten.“

Österreich war ebenfalls an der Konferenz vertreten. Durch den Menschenrechtsbeauftragten der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ), Tarafa Baghajati, der hierzulande vor allem durch sein öffentliches Zweifeln an der Existenz von FGM im Irak hervortat und durch seine Aussage, dass FGM ein „afrikanischer Brauch“ sei, den es im Irak nie gegeben habe.

Auch Tantawi, neben Qaradawi sicherlich der einflussreichste Gelehrte der sunnitisch-arabischen Welt, ist nicht der Kuschelimam, als der er hierzulande gilt. In Ägypten, wo die Kandidaten der (verbotenen) islamistischen Muslimbruderschaft ein Fünftel der Parlamentssitze erringen konnten, kennt man ihn als Konservativen. Seine Universität, die Al-Azhar, verbietet Bücher, die gegen „islamische Werte“ verstoßen, und lehnt Gesetzesentwürfe ab, die nicht mit der Scharia konform sind. Vor kurzem wurde ein Gesetz abgelehnt, das Ehebruch nicht mehr unter Strafe stellt, wenn der betrogene Partner von einer Strafverfolgung absieht.


Ein taktisches Instrument

Die Anti-FGM-Fatwa von Kairo ist somit ein zweischneidiges Schwert. Einerseits kann sie als taktisches Instrument im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung eingesetzt werden, um muslimischen Frauen und Männer im Irak, in Ägypten, in Indonesien, in Europa, im Sudan, den USA etc. die Ausübung zu erschweren, andererseits wirft es die gerechtfertigte Frage auf, ob man mittels Fatwas reaktionärer Islamisten eine fortschrittliche Politik betreiben kann und will und dadurch nicht vielmehr eben jenen Kräften Gehör verschafft, die es durch Aufklärungskampagnen zu bekämpfen gelte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2007)