Ein Volk der Denker?

Warum Friseurstöchter geringe Chancen haben, Staatssekretärin zu werden.

Meine Mutter findet die Deutschen toll. Jedes Mal, wenn sie eine Psychologentagung besucht, ist es das gleiche Lied: Wie eloquent und gescheit die Deutschen aufgetreten seien, erklärt sie mir. Und wie provinziell die Österreicher. Da müsse man sich, meint meine Mutter, ja schämen.

Ich erkläre meiner Mutter jedes Mal das Gleiche: Dass erstens das Hochdeutsche immer professioneller wirkt. Und dass es zweitens wesentlich mehr Deutsche als Österreicher gibt – und wo es mehr Menschen gibt, gibt es auch mehr kluge Köpfe. Das ist Statistik.

Allerdings ist das mit der Statistik so eine Sache. Nehmen wir den Abfahrtslauf: Es gibt in jedem Land vermutlich einen ähnlich hohen Prozentsatz an Menschen, die das Zeug zum Rennläufer haben. Aber das winzige Österreich liegt jenseits jeder statistischen Wahrscheinlichkeit trotzdem oft vorne, und das kommt...

Genau: Erstens lernt hier fast jeder Knirps das Skifahren, was zweitens die Chance erhöht, Talente zu entdecken, die drittens auch entsprechend gefördert werden.

Jetzt hat eine Studie ergeben, dass wir von 15 Ländern jenes sind, in dem prozentuell die wenigsten Leute studieren. Punkto soziale Gerechtigkeit belegen wir den vorletzten Platz – was bedeutet: Wenn die Mama Friseurin ist, wird die Tochter halt auch mit einem IQ von 130 eher Sekretärin denn Staatssekretär, was ihren Chef sicher sehr freut. Volkswirtschaftlich betrachtet ist das aber einigermaßen sinnlos.

Womit wir das Thema Studiengebühren streifen, um es gleich wieder abzuhaken, weil die Studiengebühren für diese Studie noch gar keine Rolle spielten! Die Misere beginnt früher, noch bevor sich die Friseurstochter überhaupt überlegen kann, ob sie studieren will und was es kostet: irgendwann zwischen Kindergarten und Matura.

Jetzt können wir sagen, es ist eh wurscht, wir haben genug Ärzte und Germanisten und Journalisten, wir können auf dieses kreative Potenzial verzichten. Aber erstens ist es – auch wenn das altmodisch klingt – ungerecht. Und zweitens wird es uns so nie gelingen, meine Mutter bei einer Tagung zu beeindrucken und sie davon zu überzeugen, dass wir nicht blöder sind als der Rest der Welt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2007)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.