Medizin: „Malaria hat nichts mit dem Klima zu tun!“

Unter den Gesundheitsfolgen der globalen Erwärmung beunruhigt vor allem der Hitzestress. Ansonsten wird vieles subsumiert, was ganz andere Ursachen hat – und andere Lösungen braucht.

Am Donnerstag, 6.Dezember 1945, gab es für die darbenden Nachkriegsösterreicher laut „Neues Österreich“ eine Sonderzuteilung, „für Kleinkinder 10 Deka Sauerkraut, für Schwerstarbeiter eine Packung amerikanischer ,Seenotverpflegung‘ (10 Keks, etwas Salz, Tee, Zucker, Malaria-Pillen, 2 Kaugummi, 5 Streichhölzer)“. Malaria-Pillen? Vielleicht für Soldaten irgendwo in den Tropen in Seenot, aber nicht mitten in Europa! Doch: „In Österreich gab es bis Mitte der 50er-Jahre Malaria, und zwar gar nicht so wenige Fälle, bis zu tausend im Jahr“, berichtet Heinrich Stemberger, Doyen der heimischen Tropenmedizin, der „Presse“: „Malaria hat mit dem Klima nichts zu tun.“

Das erklärt der Arzt vielen Touristen, die sich vor Reiseantritt in seinem Wiener „Tropeninstitut“ Rat holen und und sich bei Malaria in falscher Sicherheit wiegen: „Oft glauben sie, es sei von der Jahreszeit her gerade keine Gefahr, weil es am Zielort nur 15 Grad hat und deshalb keine Moskitos unterwegs sind. Aber das stimmt nicht, von zehn Grad aufwärts sind sie da.“

Trotzdem findet sich Malaria regelmäßig auf der Liste der ärgsten Folgen der globalen Erwärmung: „Der Klimawandel kann die menschliche Gesundheit direkt beeinflussen (z.B. durch reduzierten Kältestress in Ländern mit gemäßigtem Klima, aber erhöhten Hitzestress, Überschwemmungen und Stürme), und er kann sie indirekt beeinflussen durch Veränderung in der Ausbreitung von Krankheitsüberträgern (z.B. Moskitos)3, Wasserqualität, Luftqualität, Verfügbarkeit und Qualität der Nahrung.“

10.400 Hitzetote in Frankreich

So stand es in der Kurzfassung („Summary for Policymakers“) der vorletzten Klimaprognose des UN-Klimabeirats IPCC im Jahr 2001, die Fußnote (3) verwies explizit auf Studien, die eine wärmebedingte Ausbreitung von Malaria (und Dengue-Fieber) sahen. In der Kurzfassung der neuen Prognose, die vergangenen Freitag publiziert wurde, findet sich der entsprechende Passus nicht, dort findet sich überhaupt nichts über Gesundheitsfolgen. Das wird wohl nachgeholt, denn eine Folge ist unübersehbar: Hitzestress tötet, vor allem dann, wenn er auf medizinische Unterversorgung trifft: An der Hitzewelle 2003 starben in Frankreich 10.400 Menschen, in Portugal 1300 (es wären dort mehr geworden, hätte man nicht aus einer ärgeren Hitze von 1981 gelernt).

Alles andere ist unklar. In der Begleitmusik zur IPCC-Prognose war von 150.000 Klimatoten pro Jahr die Rede, offenbar hat man jede Dürre und Überschwemmung hineingerechnet. Im Fall der Malaria stellt sich das Problem vertrackter, hier geht es nicht nur um falsche Sorgen, hier geht es um fehlende Hilfe: Drei bis fünf Millionen Menschen sterben im Jahr daran, vor allem Kinder im südlichen Afrika, ihnen hilft der Klimaschutz nichts, ihnen würden Medikamente helfen (teuer) und Impfungen (nicht vorhanden).

Ihnen würde helfen, was unseren Ahnen geholfen hat: Malaria hat es in Europa in den kältesten Zeiten – 17.Jahrhundert – bis an den Polarkreis gegeben, sowohl bei Shakespeare als auch Defoe kommt die Krankheit vor („Ague“). Dann wurde es wärmer, aber man unternahm etwas, vor allem legte man Sümpfe trocken, aus denen die Gefahr ausflog und -dünstete: „mal aria“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2007)

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