Die Bemühungen für eine Kosovo-Lösung geraten immer tiefer in die Sackgasse. Der Westen hat sich verspekuliert.
Nun steht es schwarz auf weiß: der Kosovo ist "untrennbarer Teil" Ser biens. Dieses Dogma wird in der neuen serbischen Verfassung festgeschrieben; die Regierung in Belgrad hat sich dafür nun den Sanktus der Bevölkerung geholt. Schön für Serbiens Premier Kostunica, der sich damit einen alten Traum erfüllt. Weniger schön für die internationalen Kosovo-Vermittler, deren Arbeit nicht einfacher geworden ist. Und völlig unerheblich für die Kosovo-Albaner, die sich nicht im Mindesten darum scheren, was in Belgrad beschlossen wird.
Natürlich ist es Serbiens gutes Recht, sich eine neue Verfassung zu geben und darin die Unversehrtheit des eigenen Territoriums zu verankern. Einer Lösung der Kosovo-Frage rückt man damit aber keinen Millimeter näher. Im Gegenteil: Die Verhandlungen zur Klärung des virulentesten Problems in Südosteuropa geraten immer tiefer in eine Sackgasse. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass irgendjemand rechtzeitig den Rückwärtsgang einlegt. Vielmehr droht ein Crash gegen die Mauer am Ende der Sackgasse.
Serben und Albaner haben ihre Positionen einzementiert. Den Regierenden in Belgrad ist mittlerweile klar, dass sie die Kosovo-Albaner nicht mehr beherrschen können. Zudem will man das ungeliebte Volk im Süden des Landes ohnehin nicht wirklich in den gemeinsamen Staat integrieren. Hunderttausende Albaner, die - als gleichberechtigte serbische Bürger - den verarmten Kosovo verlassen und sich im reicheren Norden des Landes ansiedeln; Albaner in zentralen Positionen der serbischen Regierung, Armee oder Polizei: für viele Serben eine Horrorvision.
Belgrad ist deshalb bereit, den Kosovo-Albanern weitgehende Autonomie zuzugestehen - sprich: Sie können untereinander machen, was immer sie wollen. Das Gebiet auf dem sie das tun, muss aber - auf dem Papier - Teil Serbiens bleiben. Gemäß einer alten serbischen Wunschvorstellung: Man will zwar das "alte Nationalheiligtum" Kosovo besitzen, aber ohne Kosovo-Albaner - immerhin 90 Prozent der Einwohner.
So stimmten nun die Serben über eine neue Verfassung - mitsamt des Passus zu Kosovo - ab. Die Kosovo-Albaner wurden jedoch erst gar nicht gefragt. Andererseits hätten sie an so einer Abstimmung ohnehin nie teilgenommen. Die Albaner sind noch immer im selben Verhaltensmuster gefangen, das sie während der Herrschaft von Slobodan Milosevic aufgebaut haben: Alles was aus Belgrad kommt, wird grundsätzlich boykottiert, heute genauso wie vor 16 Jahren. Und ihr einziger Lösungsvorschlag für die Zukunft des Kosovo lautet: volle staatliche Unabhängigkeit - und kein bisschen weniger.
Die USA und die Europäer sind bereit, den Albanern diese Unabhängigkeit zuzugestehen, wenn auch unter Auflagen. Und bis vor kurzem sah es so aus, als sei diese Lösung ausgemachte Sache. So hatten sich die bisherigen Verhandlungen in Wien - zum Ärger Belgrads - nicht darum gedreht, wie der künftige völkerrechtliche Status des Kosovo (Unabhängigkeit, Autonomie etc.) aussehen soll. Vielmehr ging es um den Status der serbischen Minderheit in einem künftigen unabhängigen Kosovo.
Doch nun wird immer klarer, dass der Westen die Rechnung offenbar ohne den Wirt gemacht hat. Beseelt von neuem Selbstbewusstsein, beginnen die Russen zu mauern. Sie wollen nun nur mehr dann einer Lösung zustimmen, wenn diese auch von Serbien akzeptiert wird; und dass die derzeitige Regierung in Belgrad von einer Unabhängigkeit des Kosovo nichts wissen will, zeigt die neue serbische Verfassung nur allzu deutlich. Ohne Moskaus "Da" im UN-Sicherheitsrat gibt es aber keine verbindliche Lösung für Kosovo.
Amerikanern und Europäern bleiben nicht mehr viel Auswege. Sie müssen nun Belgrad ein gutes Angebot machen, um doch noch eine Zustimmung zu einer bedingten Unabhängigkeit des Kosovo zu erkaufen. Es votierte ohnehin nur knapp die Hälfte der Serben für die neue Verfassung - ein Hinweis darauf, dass der Wunsch, die Provinz zu behalten, in Serbiens Gesellschaft nicht so tief verankert ist wie in den Führungszirkeln.
Oder man definiert den künftigen Status des Kosovo so schwammig, dass Belgrad und Pristina hineininterpretieren können, was immer sie wollen. Die Hardliner unter den Kosovo-Albanern würden sich damit aber wohl nicht abspeisen lassen. Sie würden dann endgültig dazu antreten, ihren Traum mit Waffengewalt umzusetzen - die Schaffung eines unabhängigen, "serbenfreien" Kosovo: Keine sehr rosigen Aussichten für Südosteuropa.