Wieder künstliche Erregung in Wien, Bozen und Rom: In der Südtirol-Debatte ist die Zeit irgendwann in den 60er-Jahren stehen geblieben.
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ie neu aufgeflammte Südtirol-De batte ist vor allem eines: absurd. Da hat Europa den Kalten Krieg hinter sich gelassen, Mauern abgebaut und Grenzen geöffnet. Es werden gerade Konzepte entwickelt, wie eine politische Union verwirklicht werden könnte. Doch was beschäftigt die Minister in Rom? Der Südtiroler Schützenbund. Und was bereitet den meisten Südtiroler Bürgermeistern, die von Wien "beschützt" werden wollen, die größten Sorgen? Die Regierung in Rom. Da wird man das Gefühl nicht los, dass die Zeit irgendwann in den 60er-Jahren stehen geblieben ist.
Mal ganz abgesehen davon, dass die Debatte schon deshalb absurd ist, weil die Schutzrolle Österreichs für die autonome norditalienische Provinz außer Frage steht. Das hat Italien im Jahr 1992 mit der Streitbeilegungserklärung vor der UNO indirekt akzeptiert.
Verstörend ist vielmehr, dass auch heute noch mit nationalen Themen Wahlkampf gemacht werden kann. Dass TV-Bilder aufmarschierender Schützen in Lederhosen und mit Gewehr nicht komisch, sondern bedrohlich wirken. Dass man mit Parolen wie "Gefahr für die nationale Einheit" einerseits und "Selbstbestimmungsrecht des Landes Tirol" anderseits immer noch Emotionen schüren kann. In Südtirol gibt es kein reales Volksgruppen-Problem. Die deutsche Sprachminderheit in Südtirol ist weder gefährdet, noch wird sie bedroht. Doch offenbar haben Parteien auf beiden Seiten großes Interesse daran, ein solches Problem künstlich zu schaffen. (Seite 9)