Weltkrisen-Management in Wien-Landstraße

Die Fronten in der Iran-Krise sind in Bewegung gekommen. Jetzt gilt es, das Misstrauen abzubauen.

Was eigentlich ist politischer Wahn witz? Wer ein Beispiel dafür sucht, der findet es in der aktuellen Ausgabe des "Spiegel". Das Nachrichtenmagazin schickte drei Redakteure nach Teheran, um Präsidenten Mahmud Ahmadinejad zu interviewen. Aus einem Interview wurde bald ein heftiges Streitgespräch, in dem der Iraner seine umstrittenen Positionen - Leugnung des Holocaust, Nichtanerkennung des Existenzrechts Israels - dadurch zu verteidigen versuchte, indem er die Ansichten der drei Fragesteller aus Hamburg zu erschüttern trachtete.

Ahmadinejad ist sicher nicht dumm. Aber in dem Interview zeigt er sich als das, wofür man ihn inzwischen vielerorts im Ausland hält: als religiöser Fundamentalist, politischer Fanatiker, bauernschlauer Populist. Halt einer von der Sorte, wie sie derzeit auf der ganzen Welt zwischen Bangkok und Warschau, Caracas und Minsk an den Schalthebeln der Macht sitzen.

Aber Teheran ist nicht Minsk. Der Iran hat von seiner geografischen Lage und seinem Potenzial her alle Voraussetzungen, zur starken Regionalmacht des Nahen Ostens zu werden, deren Wort auch in globalen Fragen Gewicht hat. Dass das derzeit nicht so ist, hat nicht zuletzt mit der religiös-politischen Elite des Landes zu tun - eben mit Leuten wie Ahmadinejad, die einen Hang zum Narrentum zeigen und dadurch wenig vertrauenserweckend sind.

Das ist einer der Kernpunkte der Weltkrise um das iranische Atomprogramm, aus der gestern beim Außenministertreffen im dritten Wiener Gemeindebezirk ein Ausweg gesucht wurde: Wie umgehen mit einem Land, das solche politischen Führer hat (das Atomproblem gibt es ja nicht erst seit Ahmadinejads Amtsantritt im Sommer 2005)? Die EU-3, unterstützt vom europäischen Oberlangweiler Javier Solana, haben in dreijährigen Verhandlungen keinen Weg aus der Krise gefunden. Die Amerikaner, die die europäischen Bemühungen bisher von außerhalb begleiteten, auch nicht. Russen und Chinesen haben in der ganzen Angelegenheit in erster Linie ihre wirtschaftlichen Interessen im Auge.

Also war es eigentlich schon längst Zeit für neue Ansätze. Ahmadinejad selbst versuchte es mit einem reichlich kuriosen Brief an US-Präsident Bush. Die Europäer versuchen es mit einer Nachbesserung ihres Angebots: Der Iran bekommt Zugang zu moderner Nukleartechnologie, wenn es auf die Urananreicherung verzichtet.

Und jetzt die Amerikaner: Sie bieten Teheran die Wiederaufnahme des Dialogs nach 27 Jahren (!) an, wenn die Iraner die Urananreicherung stoppen. Mit allen positiven Konsequenzen, die es haben könnte, wenn das Eis zwischen Washington und Teheran einmal zu schmelzen beginnt.

Natürlich kann das in Jahrzehnten immer größer gewordene Misstrauen zwischen Iranern und Amerikanern nicht über Nacht verschwinden. Und gerade wenn ein Angebot von der jetzigen US-Regierung kommt, die im Nachbarland Irak unter fadenscheinigen Vorwänden eine Militärintervention gestartet hat, muss man verstehen, wenn Teheran zunächst einmal zurückhaltend reagiert.

Trotzdem: Mit ihrem Angebot haben die Amerikaner den Ball weit ins iranische Feld geschlagen. Wenn der Iran sich so verbohrt, intransigent und unbelehrbar wie Ahmadinejad im "Spiegel"-Interview in der Holocaust- und Israelfrage zeigt, wird sich das Land international weiter isolieren, sodass ihm möglicherweise nicht einmal mehr seine Anwälte Russland und China helfen können. Und: Dem Iran würde gewiss kein Proton aus dem Atomkern fallen, wenn es auf die - laut internationalen Verträgen grundsätzlich erlaubte - Urananreicherung für die Zeit von Verhandlungen verzichtet.

Andererseits: Nicht alle Argumente, die von Ahmadinejad und anderen iranischen Führern gebraucht werden, sind wahnwitzig: Es ist richtig, dass die Atommächte die Atom-Habenichtse mit dem Kernwaffen-Verdacht nicht auf ewig von der Nuklearforschung fernhalten können. Die eine Seite der Medaille ist die Verhinderung der Verbreitung von Atomwaffen; die andere Seite ist die Verpflichtung der Nuklearmächte zur atomaren Abrüstung. Stattdessen redet die Regierung Bush von der Entwicklung von "Mini-Atomwaffen", die die Schwelle für den Kernwaffeneinsatz noch senken würde.

Aber was jetzt nötig ist, ist wohl nicht, sich weiter gegenseitig all die Argumente und Gegenargumente um die Ohren zu hauen. Was es jetzt braucht, ist der Abbau von Misstrauen. Das gestrige Tªte- -tªte im Botschaftsviertel in Wien-Landstraße war vielleicht ein erster Schritt dazu.

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