Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Die Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg

Die wiedererstandene Presse begleitet die Geschichte der Zweiten Republik 1946 bis 1970.

Der letzte Leitartikel der „Neuen Freien Presse“ Ende Jänner 1939 war unterzeichnet mit E.M. Fast auf den Tag genau sieben Jahre später stand diese Chiffre in der ersten Ausgabe der neugegründeten „Presse“. Es ist ein und derselbe, der die NFP als stellvertretender Chefredakteur bis zu den letzten schlimmen Tagen begleitet hat und nun, nach dem Krieg, zu den wenigen übriggebliebenen Zeitungsbesessenen gehört, die entschlossen sind, die Grundsteine für eine neue Publizistik zu legen: Ernst Molden.

Er kann und will an die Tradition anknüpfen, doch seine Startbedingungen sind ungleich schwerer: 1848 fand ein smarter Geschäftsmann in einer Gründerwelle ohnegleichen ideale Bedingungen vor. 1864 konnte die NFP auf eine wohlbestückte Abonnentenkartei aufbauen. Doch 1945/46 in Wien? Die alte Garde der Wiener Journalisten war in alle Winde zerstreut, die Dezimierung der geistigen Elite Österreichs durch Krieg und NS-Rassenpolitik hatte in besonderem Maß die einstige literarische Großmacht Presse getroffen.

Sicherlich: Das Publikum war nach der publizistischen Dürreperiode ausgehungert nach Zeitungen, doch wie sollte man sich durchsetzen in einem vierfach besetzten Land, dessen Besatzungsmächte argwöhnisch auf ihre eigenen Zeitungsgründungen achteten und das Machtmittel der Lizenzerteilung einzusetzen verstanden? Wie sollte man sich durchsetzen in einem Dreiparteienstaat, der entschieden auf Lagerzugehörigkeit achtete? Gegen Unabhängige, Liberale, wusste man sich sehr gut zu wehren, die geringen Papiervorräte sollten den eigenen Parteizeitungen zugute kommen. Für andere war eben kein Papier da. Zeitungen wurden in Österreich als Sprachrohre verstanden – nicht nur in der Besatzungszeit, noch lange Jahre danach. Und sie sollten den Besatzern und den Parteien dienen.

Bis 1948 nur als Wochenzeitung

So dauerte es bis zum 26. Jänner 1946, bis es Ernst Molden gelang, seinen Traum, den er schon während des Krieges verfolgt hatte, zu verwirklichen. Die guten Kontakte seines Sohnes Fritz zu den Amerikanern halfen, die Probleme der Lizenzerteilung zu lösen. Die österreichischen Parteien hielten aber nichts von einer unabhängigen Zeitung. Das Papier reichte bis zum Oktober 1948 nur für eine Wochenausgabe.

Ernst Molden nannte seine Zeitung in Anknüpfung an 1848 „Die Presse“. Sie sieht sich in der Tradition der „Neuen Freien Presse“, wagt es aber aus rechtlich-taktischen Gründen nicht, im Titel direkt anzuschließen.

Internationale Perspektive

Was will die Zeitung? Das Programm ist knapp gehalten: Zum Nutzen von Volk und Staat ein Wiener, ein österreichisches, ein europäisches Blatt sein, niemandem als dieser Verpflichtung unterworfen. Die Menschen sind mit dem täglichen Überlebenskampf beschäftigt, fast trotzig setzt „Die Presse“ ihre internationale Perspektive im Blatt durch. Die Wirtschaft liegt danieder, doch dem Economist wird breiter Raum gewidmet. Das liberale Bürgertum im Land muß sich erst regenerieren, doch die Zeitung bietet wieder wie einst ein Feuilleton an. Die Parteien beginnen sich das Land aufzuteilen, doch die Zeitung wahrt ihre Unabhängigkeit.

Als „Die Presse“finanziell ins Schleudern gerät, springt Ernst Moldens Sohn ein. Er versteht es, Geld aufzutreiben, die Eigentümer danken es ihm: Nach dem schmerzlich frühen Tod seines Vaters 1953 übernimmt der erst 29-jährige den Verlag und zeigt eine gute Hand: Milan Dubrovic und Otto Schulmeister leiten die Redaktion; Gustav Peichl und Friedrich Torberg beginnen für die Zeitung zu arbeiten; Ernst Benedikt und andere werden eingeladen, aus dem Exil zurückzukehren und wieder journalistisch zu arbeiten.

Ständig gibt es Geldprobleme, doch keiner von denen, die Ernst Molden während des Krieges für sein Projekt gewonnen hat, schert aus. Für alle ist es eine Ehre, bei der „Presse“ zu arbeiten – und sei es auf engstem Raum wie im Palais Reitzes in der Universitätsstraße.

Übersiedlung auf den Fleischmarkt

Als Fritz Molden seinen Verlag ins legendäre Druck- und Verlagsgebäude des ehemaligen „Neuen Wiener Tagblatts“ am Fleischmarkt übersiedeln kann, atmet die Redaktion auf. Zehn Jahre lang hatten die russischen Besatzer und ihre österreichischen Schützlinge von hier aus versucht, die Propagandaschlacht um Österreich zu gewinnen. Nun, 1956, war der Spuk vorbei, zum erstenmal lernten die „Presse“-Redakteure nach getaner Arbeit an ihren Schreibtischen das unvergessliche Gefühl kennen, wenn die Rotationsmaschinen der hauseigenen Druckerei im Souterrain anliefen und ein leises Beben durch alle Räume des Hauses ging.

Misstrauen der Regierenden

Das Misstrauen der Regierenden gegen die unabhängigen Bürgerlichen, die sich so gar nicht als Sprachrohre einspannen lassen, ist unverändert. Doch Fritz Molden segelt auf Erfolgskurs: Er übersteht auch Ende der fünfziger Jahre den sogenannten „Zeitungskrieg“. Molden übernimmt die Gesellschaftsanteile des Verlags, der neben der „Presse“ auch die „Wochenpresse“ herausgibt. Seine Druckerei ist ausgelastet und er baut am Heiligenstädter Donaukanal ein neues fünfzehnstöckiges Pressehaus, das seine inzwischen vier Zeitungen beherbergen und die Macht der unabhängigen Journalistik Österreichs weithin sichtbar dokumentieren soll.

Diesen finanziellen Balanceakt schafft Wiens junger Presselord nicht und er muß sich von seinen Zeitungen trennen. Eine Ära österreichischer Zeitungsgeschichte ist beendet. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hat Molden 20 Prozent des österreichischen Zeitungsmarktes beherrscht und dem Erbstück seines Vaters, der „Presse“, verbissen im parteiproporzverseuchten Österreich die Unabhängigkeit erhalten.

Fred Ungart übernimmt die Verlagsrechte

Kommerzialrat Fred Ungart, ein der ÖVP Julius Raabs verbundener Werbeunternehmer, erwirbt die Verlags- und Herausgeberrechte. Die publizistischen Gegner jubeln, doch der Käufer übernimmt die gesamte Redaktion und an der grundsätzlich bürgerlich-liberalen Richtung des Blattes wird auch im Kaufvertrag nicht gerüttelt.

Doch möglicherweise wäre das alles das Papier nicht wert gewesen, auf dem es stand, wäre nicht Otto Schulmeister an die Spitze der Redaktion gerückt. Er kann die Unabhängigkeit der Zeitung behaupten und er wird – nicht zuletzt auch durch seine eindrucksvollen Auftritte im neuen Medium Fernsehen – eine jener Persönlichkeiten, an die der Österreicher denkt, wenn er mit dem Wort „Journalist“ konfrontiert wird: Mit oft schneidender Ironie versteht er es, alle, die sich mit dem österreichischen Proporzstaat als bequemer Dauerlösung abgefunden haben, aus dem politischen Dornröschenschlaf zu wecken.

Und mit den schier grenzenlosen rhetorischen und theatralischen Fähigkeiten, die ihm zur Verfügung stehen, hämmert er seinen Redakteuren ein, die Unabhängigkeit nicht nur als Lippenbekenntnis im Mund zu führen, sondern sie „hinauszuschreien“, sich nicht zu „Rauchfasslschwingern“, „Schlepenträgern“ und „Alleinunterhaltern“ degradieren zu lassen.

1965: Die Bundeswirtschaftskammer steigt ein

Als 1965 ein Wiener Rechtsanwalt im Auftrag der Bundeswirtschaftskammer 80 Prozent der Anteile der „Presse Verlagsgesellschaft m.b.H.“ erwirbt, wird die materielle Basis des Blatts wieder gesichert. Mag es auch Bestrebungen in der Bundeswirtschaftskammer und der ÖVP gegeben haben, lieber heute als morgen Schulmeister durch eine servile Figur zu ersetzen, die Redaktion jedenfalls forderte die Bestätigung ihrer journalistischen Freiheiten.

Schulmeister bringt die Probleme auf den Punkt: „Die Redakteure der ‚Presse‘ sind nicht in der Lage, selbst das Geld für die Zeitung aufzubringen, die sie machen. Sie danken ihren Besitzern, wenn sie das respektieren, was seit Wiedererscheinen der ‚Presse‘ ihre innere Rechtfertigung gibt – sich unabhängig zu halten, ohne die Gesinnung zu verleugnen, der sie die Herkunft dankt. Wir machen Fehler in diesem Blatt, wir haben unsere Schwächen, aber eines haben wir nicht: Lakaien- oder Apparatschikmentalität.“

Schulmeisters Verdienst in den sechziger Jahren ist es, inmitten eines nervtötenden Auf und ab in der „Presse“ ein Reservat unabhängigen Denkens bewahrt zu haben, zum Missvergnügen harter Interessensvertreter der Wirtschaft, doch mit einem überagend hohen Prozentsatz von Meinungsführern in der Leserschaft im Rücken. Im Rückblick ist das lustvoll betriebene „Wer-kauft-Die-Presse-Spiel“ vergessen. Anfang der siebziger Jahre hat die Zeitung sich endgültig freigespielt, die Konkurrenz strapaziert zwar noch gerne das Klischeebild vom „Unternehmerblatt“ und „alten Schlachtschiff Presse“, der Zeitung der „Abendlandretter“ – doch ein Viertel der Leser ist 1971 unter dreißig Jahre und das Durchschnittsalter der Redakteure wird immer jünger. Die geballte Ladung von Zähigkeit, Dynamik, Sturheit und intellektueller Brillanz, die Schulmeister verkörpert, hat der „Presse“ das Überleben gesichert.

Teil 4: Die Modernisierung »