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Die Jahre der Modernisierung

Computer-Einsatz, Online-Ausgabe, Lehrredaktion - und der Einstieg der Styria.

Als Schulmeister nach 15 Jahren vom Amt des Chefredakteurs abtritt und in den Herausgeberposten wechselt, hat die „Presse“ ein Redaktionsstatut, ausgehandelt zwischen dem „Verein zur Förderung der bürgerlichen Presse in Österreich“ als Eigentümer und Verleger und der Redaktionsmannschaft. Die grundsätzliche Haltung des Blattes, „in Unabhängigkeit von den politischen Parteien bürgerlich-liberale Auffassungen auf gehobenem Niveau“ zu vertreten, wurde hier, im November 1974, fixiert. Kein Redakteur darf gezwungen werden, gegen die Standespflichten, gegen sein Gewissen oder die Grundsätze seiner Zeitung zuwiderzuhandeln.

Zum ersten Mal wird jetzt, 1976, ein Chefredakteur in geheimer Wahl gewählt, nicht ernannt, und es ist kein Neuling: Thomas Chorherr, der 1955 bei der „Presse“ als Lokalreporter begonnen hat, steht für Kontinuität.

1985: Komplett-Umstellung auf Computer

Unter Chorherr vollzieht die „Presse“ – vor allen anderen mitteleuropäischen Zeitungen - die größte technische Umwälzung ihrer Geschichte: Den Abschied vom Bleisatz auf Lichtsatz hat sie schon hinter sich. Nun, 1985, baut sie ein Redaktionssystem auf, in dem vom Schreiben und Redigieren bis zum Umbruch der fertigen Seite alles auf dem Computerbildschirm geschieht. Der Ganzseitenumbruch bringt dem einzelnen Journalisten größere Aktualität und Flexibilität, aber auch mehr Verantwortung: Der Kontakt mit dem Korrektor und dem Setzer entfällt. Es empfiehlt sich in Zukunft, den Duden griffbereit neben dem Bildschirm liegen zu haben.

Die Styria steigt ein

Zu Beginn der neunziger Jahre befindet sich die „Presse“ auf Partnersuche. Im Mai 1990 bestätigt der Eigentümervertreter, Handelskammerpräsident Rudolf Sallinger, Übernahmeangebote ausländischer Medienunternehmen. Doch es gelingt eine österreichische Lösung. Sie wird am 5. November 1991 bekannt gegeben und bereits mit 1. Dezember 1991 umgesetzt: Als Unternehmensform wird eine GesmbH mit unechten stillen Gesellschaftern gebildet. Am Kapital dieser Gesellschaft hat der „Verein zur Förderung der freien bürgerlichen Presse in Österreich“ 51 Prozent, den Rest teilen sich der steirische Medienkonzern Styria, die Erste Österreichische Spar-Casse, die Druckerei Herold sowie weitere Unternehmen, darunter Banken. Im geschäftsführenden GesmbH-Teil des Unternehmens wird Styria 51 Prozent, die übrigen Anteile der Verein halten.

Mit dieser Konstruktion solle fixiert werden, dass der „verlegerische Part“ bei Styria liege, so Styria-Generaldirektor Hanns Sassmann und Verlagsdirektor Julius Kainz. Das Grazer Verlagshaus werde in dieser GesmbH die Geschäftsführung übernehmen, Julius Kainz übernimmt dieses Amt. An der Spitze der Redaktion seien keine Änderungen vorgesehen, die redaktionelle Linie des Blattes als liberale und unabhängige Zeitung wird beibehalten, Thomas Chorherr bleibt Chefredakteur.

Sanierungskonzept

Styria steigt mit einem fertigen Sanierungskonzept bei der „Presse“ ein. Bis spätestens 1995 will der neue Geschäftsführer eine „nachhaltig positive Bilanzierung“ erreichen. Dies werde ermöglicht durch die Zufuhr neuen Kapitals, das eine Marketing- und Vertriebsoffensive sowie die Erweiterung des journalistischen Angebots ermöglicht.

„Die Presse GesmbH“, die ab sofort den „Verein zur Förderung der freien bürgerlichen Presse in Österreich“ als Eigentümer der Tageszeitung ablöst, wird mit Eigenmitteln in der Höhe von 250 Millionen Schilling ausgestattet. Keinen Zweifel lassen die neuen Eigentümer daran, dass es keinerlei Abstriche bei der journalistischen Qualität der Zeitung geben werde. Sie solle vielmehr „wie bisher die mediale Visitenkarte des Landes bleiben, aber darüber hinaus auch ihre Rolle als mediale Visitenkarte Österreichs im erweiterten Europa spielen“. Eine Zusammenarbeit zwischen „Presse“ und „Styria“-Verlag, der die „Kleine Zeitung“ herausgibt, werde es im kommerziellen, keinesfalls aber im redaktionellen Teil geben.

Im Februar 1992 erhält Julius Kainz Unterstützung: Franz Ivan, der langjährige Generalsekretär des Verbandes Österreichischer Zeitungsherausgeber und Zeitungsverleger (VÖZ), zeichnet als Verlagsleiter für die Unternehmensbereiche Vertrieb, Anzeigen und Druck verantwortlich, Kainz leitet als Geschäftsführer die Bereiche Finanzen und Personal. Die Redaktion bereitet sich mit einem neuen Ressort, „Redaktionelle Produktion und graphische Gestaltung“, geleitet vom Neuzugang Michael Maier, auf optische Änderungen in der Zukunft vor.

Formatwechsel und Farbe

1993 wird die umfangreichste Werbekampagne in der bisherigen Geschichte der Zeitung initiiert, der Leser soll auf ein neues Gesicht der Zeitung, ein umfangreiches Relaunching vorbereitet werden. Ermöglicht wird der Quantensprung durch eine neue Rollen-Offsetmaschine der Druckerei Herold an ihrem neuen Standort im Arsenal. So wie das österreichische Traditionsblatt als erste heimische Zeitung 1986 mit dem Computer-Ganzseitenumbruch Pionier war, so beschreitet es jetzt wieder Neuland. Am Montag, den 14. Juni 1993, erscheint sie in einem neuen Gewand auf dem Zeitungsmarkt. Der renommierte Print-Designer Rolf Rehe hat knapp ein Jahr lang an der Modernisierung gearbeitet.

Ein Formatwechsel vom „Rheinischen“ zum kleineren „Berliner“ Format – eine Mehrheit der Leser hat sich in Umfragen dafür ausgesprochen – ermöglicht eine wirtschaftliche Nutzung der neuen Druckmaschine bei Herold. Ganz neu ist das kleine Format für die Zeitung nicht: Von der Gründung bis ins Jahr 1963 erschien „Die Presse“ in genau dieser Größe und wurde erst dann auf das Rheinische Format umgestellt. Der Vorteil für die Leser ist evident: Wesentlich mehr Seiten in einer handlicheren Zeitung. Für die Redaktion bedeutet das beträchtlichen Mehraufwand. Ab jetzt müssen 32 Seiten termingerecht zur Druckerei geschickt werden, der Zeitplan wird straff wie die Papierbahn in der Druckmaschine.

Jahre der Konsolidierung

Nach dem Jahr der Revolutionen kommen die Jahre der Konsolidierung. „Die Presse“ liefert sich täglich mit dem „Standard“ das spannende Match um die Pole-Position auf dem Qualitätszeitungsmarkt in Österreich. 1994 gelingt es, mit einer verkauften Auflage von 65.176 im Wochendurchschnitt den Konkurrenten zu überflügeln. Die Reichweitenanalyse zeigt rund 40.000 neue Leser an.

Am 25. Jänner 1995 wird bekannt, dass mit 1. März Michael Maier, Chef vom Dienst der Zeitung und erst 36 Jahre jung, die Chefredaktion übernehmen soll. Mit Michael Maier tritt ein Jurist mit zusätzlich abgeschlossenem Musikstudium (er ist Hobby-Organist) an die Spitze, er gilt als „Styria“-Vertrauensmann in der Redaktion, hat die Blattreform Rolf Rehes erfolgreich umgesetzt und hat für die „Presse“ ein Medienressort aufgebaut.

Änderungen beim Mehrheitseigentümer Styria

Der Mehrheitseigentümer der „Presse", die Styria, ist nach ORF und Mediaprint zum drittgrößten Medienunternehmen des Landes geworden. 1997 wird die Styria-Organisationsstruktur geändert, als Unternehmer fungiert nunmehr statt des Katholischen Preßvereins der Diözese Graz-Seckau die Styria Medien AG. Als Motiv für die Umwandlung in eine Kapitalgesellschaft gilt der Umstand, dass ein Verein „nicht mehr ein geeigneter Träger für geschäftliche Tätigkeit“ sei. Mit Ende 1997 tritt Vorstandsvorsitzender Reinhard Haberfellner zurück, sein Nachfolger wird Horst Pirker, der schon bisher im Konzern für „Kleine Zeitung“, Druckereien und Neue Medien zuständig war.

Unter Horst Pirker geht in der Folge die Expansion des Medienkonzern zügig voran. Mit Engagements bei Tages- und Gratiszeitungen, Radio, Fernsehen und Internet erfolgt der Ausbau des traditionsreichen Druck- und Verlagshauses zur „Content Company“. Pirker registriert bei „Kleiner Zeitung“ und „Presse“ mit Genugtuung steigende Tendenzen bei Auflagenkontrolle und Mediaanalyse.

1996: Die Online-Ausgabe erscheint

Am 21. September 1996 erscheint die erste Internetausgabe der „Presse“. Peter Krotky, der Initiator der Online-Presse, hat sein Ziel endlich erreicht. Er ist bis 1999 die einzige Person, die im gesamten Unternehmen mit den Internet-Aktivitäten des Verlags befasst ist - und das zusätzlich zu seiner eigentlichen Tätigkeit als außenpolitischer Redakteur. Erst Anfang 1999 wird ein erstes, vier Mann starkes Online-Team unter der Leitung von Krotky geschaffen.

1997: Start der Lehrredaktion

Am 13. September 1997 wird die erste „Presse“-Lehrredaktion vorgestellt, sie wird in der Folge eine ständige Einrichtung werden. Eine neunköpfige Gruppe ambitionierter Nachwuchs-Schreiber erhält einen zwölfwöchigen intensiven und praxisnahen Crashkurs, in dem das journalistische Einmaleins vermittelt wird: Das Verfassen von Kurzmeldungen, Interview-Techniken, Zusammenarbeit mit den alten Hasen der Redaktion. Die Lehrredaktion ist seither das wichtigste Element der Rekrutierung des journalistischen Nachwuchses der "Presse".

1998: 150-Jahr-Feiern

Am 3. Juli 1998 feiert die „Presse“ den 150. Jahrestag ihrer Gründung im Revolutionsjahr 1848. Das Traditionsblatt lässt keine Gelegenheit aus, daran zu erinnern. Höhepunkt ist ein Festakt im Schloss Belvedere in Wien. Julius Kainz und Andreas Unterberger können Prominenz aus Politik, Medien, Kultur und Wirtschaft begrüßen. Viel Lob kommt von Bundespräsident Thomas Klestil und Bundeskanzler Wolfgang Schüssel für die „alte Dame“ des heimischen Journalismus, die „europäische Zeitungs- und österreichische Literaturgeschichte“ geschrieben habe (so Klestil).

1999: Start der Karriere-Beilage

Mit 18. September 1999 startet die „Presse“ die Wochenendbeilage „Karriere“, mit der sich die Zeitung als Kommunikationsmedium für jobsuchende Aufsteiger profilieren will. Hintergrundgeschichten mit Informationen zum Thema Erfolg im Beruf, dazu Stellenanzeigen für qualifizierte Jobs soll eine Kernleserschicht der „Presse“ ansprechen: Jeder vierte Akademiker liest die „Presse.“

Am 1. Dezember 1999 übernimmt Michael Prüller die Leitung des Wirtschaftsressorts, in dem er schon früher gearbeitet hatte, bevor er von Ogilvy&Mather abengagiert worden war.

1999: Styria wird Alleineigentümer

Mit Notariatsakt vom 17. Dezember 1999 erwirbt Styria, schon seit 1991 zu 51 Prozent Mehrheitseigentümer der „Presse“, vom „Verein zur Förderung der freien bürgerlichen Presse in Österreich“ auch den Minderheitsanteil. Damit ist die Verlagsgesellschaft nun zu 100 Prozent im Eigentum der Styria Medien AG. Gleichzeitig erwirbt die Styria alle stillen Beteiligungen, die „Presse“ bleibt also weiterhin in rein österreichischem Eigentum.

Die genaue Höhe des Kaufpreises wird nicht bekannt gegeben. Styria-Vorstandsvorsitzender Horst Pirker spricht von einer „erheblichen Stärkung für die ‚Presse’ und die ganze Styria-Gruppe“, in der „Die Presse“ ein besonderes „Juwel“ darstelle. Die redaktionelle Unabhängigkeit und Qualitätsorientierung der Zeitung werde durch die neue Eigentümerkonstruktion nicht nur nicht beeinträchtigt, sondern sogar verstärkt.

Ab Juli 2000 übernimmt Angela Fritz (45) von Julius Kainz die Geschäftsführung der „Presse“. Mit Fritz steht damit erstmals in Österreich eine Frau an der Spitze eines Tageszeitungsverlages.

Teil 5: Nach der Jahrtausendwende »