Arktis: Wem gehören die frei werdenden Seewege?

Der erste politische Konflikt im Gefolge der Erwärmung eskaliert zwischen Kanada und den USA: Kanada beansprucht die schiffbar werdende Nordwestpassage als nationales Gewässer.

Im hohen Norden schreitet die Erwärmung doppelt so rasch voran wie bei uns. Den Eisbären schmilzt das Eis unter den Füßen weg, den Siedlern geht es mit den Permafrostböden ebenso – und die Gemüter erhitzen sich: 2005 entsandte Kanada Kriegsschiffe nach „Hand Island“, einem fußballfeldgroßen Steinbrocken nördlich von Grönland, nahe dem Polarkreis, auch Dänemark erhebt Anspruch auf die Insel. Das war ein Vorspiel, Kanada legt sich wegen eines Effekts der Erwärmung mit der restlichen Welt an, insbesondere mit dem südlichen Nachbarn, USA: Es geht um das, was jahrhundertlang „Nordwestpassage“ hieß und in Kanada seit 9.April2006 „Canadian Internal Waters“ heißen soll, es geht um die freie Schiffspassage im Norden um Amerika herum.

Vermutlich haben Wikinger sie entdeckt – damals war es wärmer. Später suchten Abenteurer und Händler den kurzen Weg, das Militär ist seit 1743 mit dabei, die britische Admiralität setzte 20.000 Pfund für das Schiff aus, das als erstes die Passage bezwingt. Die Hälfte verdiente sich 1850 Robert McClure (er hatte als Person die Passage geschafft, aber sein Schiff verloren). Als Erster mit einem Schiff gelang es Roald Amundsen 1903 bis 1906, er überwinterte mehrfach im Packeis. 1957 kam das erste Schiff in einem Zug durch – eines der US-Küstenwache –, 1969 schaffte es der erste Supertanker, mit Eisbrecher vorneweg und eigens gehärtetem Bug.

Supertanker? Wo das Eis schmilzt, locken riesige Rohstofflager; und wenn heute ein Schiff von Europa nach Ostasien will, hat es – durch den Panamakanal – 12.600 Seemeilen vor sich, die Nordwestpassage wäre nur 7900 Kilometer lang. „In fünf bis zehn Jahren wird sie mindestens einen Monat im Sommer offen sein“, prognostizierten 2001 die Ozeanografen und Arktisforscher der US-Navy, ihre Krisenforscher waren auch dabei: „Beide, Kanada und Russland (um Russland herum wird die Nordostpassage frei; Anm.) wollen über ihre Passagen exklusive Kontrolle. Die USA haben eine andere Interpretation, mit Potenzial für Konflikt“ („Naval Operations in an Iceless Arctic“, unter dem Titel bei Google leicht zu finden).

„Souveränität über die Arktis“

Für Kanada gehört das nun offene Eis zum nationalen Terrain, weil auf dem Eis, als es noch zu war, kanadische Inuit lebten. Für die USA hingegen – und die meisten seefahrenden Nationen – sind die Arktis-Passagen freie Wasserwege wie andere auch, etwa die Straße von Gibraltar. „Wir erkennen Kanadas Anspruch nicht an“, erklärte der US-Botschafter in Kanada im Januar 2006. Die Antwort kam rasch, von Kanadas Premier Stephen Harper: „Wir haben signifikante Pläne für die Verteidigung unserer Souveränität, inklusive der über die Arktis.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2007)

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