Ein Magenbakterium zeigt alte Wanderwege des Menschen: Es war schon dabei, als unsere Ahnen vor 60.000 Jahren von Afrika aus die Welt erwanderten.
Wer auf Reisen geht, nimmt oft etwas mit, von dem er selbst nichts ahnt: Parasiten und Krankheitserreger, Bakterien etwa. Und in deren Genen sind frühe Wanderungen der Menschen oft präziser archiviert als in unseren eigenen: Unsere Ahnen kamen vor etwa 35.000 Jahren nach Europa, unsere Gene zeigen die Herkunft: Nordafrika. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. „Die Gen-Vielfalt unserer Helicobacter pylori zeigt neben der afrikanischen eine zweite Quelle: Indien oder Zentralasien“, berichtet Mark Achtman (MPI Infektionsbiologie, Berlin) der „Presse“: „Sie sind ein Gemisch, wir sind es also auch.“ (Details: Nature, 7.2.)
Das Bakterium H.pylori ist erst seit 1982 bekannt – und gefürchtet, es verursacht Magengeschwüre und -krebs –, aber es ist ein alter Begleiter und war schon dabei, als unsere Ahnen vor 60.000 Jahren von Afrika aus die Welt erwanderten. Meist bleibt es in der Familie – wird von Müttern auf Kinder übertragen –, deshalb ist sein Genom ein getreuer Zeuge der Geschichte.
Aus unseren Genomen weiß man seit den Neunzigerjahren, dass wir aus Afrika stammen, zwei Muster zeigen es: Je weiter weg von Afrika eine Population lebt, desto größer ist der genetische Abstand zu den Afrikanern – und desto geringer sind die Gen-Unterschiede innerhalb der Population. „Wir finden bei Helicobacter die gleichen Muster“, berichtet Achtman, „aber sie haben höhere Vielfalt“. Daran konnte der Forscher zunächst die Wanderung der Maori nach Polynesien und die der Bantu in Afrika verfolgen – und die Verschleppung afrikanischer Sklaven nach Amerika (Science, 299, S.1582).
Nun hat er die Analyse verbreitert und neben der europäischen Mischungsüberraschung fünf Urpopulationen der Menschheit gefunden, drei in Afrika, zwei in Asien. Weniger genaue Menschen-Stammbäume hat man schon aus den Genen des Malaria-Erregers und des Papillom-Virus gelesen, sie alle bestätigen den britischen Tropenmediziner Richard Ashcroft: „Zeig mir den Parasiten, und ich beschreibe dir den Wirt!“
Das Zeugnis der Kopfläuse
So hat etwa der Bandwurm gezeigt, dass die Menschheit vor zwei Millionen Jahren einen Entwicklungsschwung bekam, weil Afrikas Wälder offenen Steppen wichen, auf denen Gazellen weideten: Seitdem pendelt der Wurm zwischen Pflanzenfressern und uns hin und her (Proceedings B, 268, S.781). Noch Spannenderes lässt die Kopflaus vermuten: Die Gene eines Läusestamms in Amerika zeigen, dass die Einwanderer auf ihrem Weg durch Asien ganz anderen Menschen begegneten – man weiß nicht, welchen, sie sind lange ausgestorben, nur die Läuse bewahren ihr Erbe – und Läuse von ihnen übernahmen, sei es im Kampf, sei es beim Sex (PLos, 2, S.e378).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2007)