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Schimpansen: Nussknacker seit 4300 Jahren

Forscher dringen in die „Schimpansen-Steinzeit“ vor und analysieren alte Werkzeuge der Cousins. Vielleicht haben Menschen davon gelernt.

Sie knacken Nüsse auf, genau wie Menschen“, beobachtete 1844 der Missionar Thomas Savage in Liberia. Sie? Schimpansen. Darwin zitierte es noch, dann geriet es in Vergessenheit, erst Jane Goodall notierte 1960 wieder eine Beobachtung, sie sah einen Schimpansen, den sie „Greybeard“ nannte, mit Ästen nach Termiten angeln: „Das war das erste Mal, dass ein Mensch einen Nichtmenschen beim Werkzeuggebrauch beobachtete.“ Das erste Mal? Naja, in ihrem Überschwang hatte Goodall nicht nur Savage vergessen, sondern vor allem die Indigenen, die auch nicht blind waren. Aber wann und wo haben die das erste Mal die Cousins mit Werkzeugen in der Hand beobachtet?

Vor ein paar tausend Jahren am Ufer eines Flusses, der heute Audrenisrou heißt und durch ein Tiefland der Elfenbeinküste mäandert. Dort hat eine Gruppe um Julio Mercader (University of Calgari) und Christophe Boesch (MPI Leipzig) erste Erträge einer ganz neuen Forschungsrichtung eingeholt, der „Primaten-Archäologie“: Man hat klassisch archäologisch in den Sedimenten des Flusses gegraben und viele Steine gefunden, die nicht durch natürliche Prozesse entstanden sind. Um das zu zeigen, hat man sie mit Steinen verglichen, von denen bekannt ist, dass sie nur künstlich gemacht aussehen. Aber die im Audrenisrou sind von Hand gemacht. Von wessen Hand?

Von Schimpansenhand, das zeigt sich an der Größe: Menschen-Werkzeuge aus der Steinzeit sind maximal 12 Zentimeter lang und 400 Gramm schwer; die nun gefundenen liegen bei einem Kilo, Schimpansen haben viel größere Hände und viel mehr Kraft. Aber Feingefühl haben sie auch, es geht darum, Nüsse zu knacken, mit Vorsicht, die Kerne sollen nicht pulverisiert werden. Das konnten die Schimpansen offenbar schon vor 4300 Jahren – im Sediment ist viel organisches Material, das exakte Datierungen ermöglicht –, und das Werkzeug hat noch Spuren davon, Stärkekörner.


Stärke von Lieblingsnahrung

Dass man aus denen lesen kann, hat die Archäologie gerade erst gelernt – etwa an Mühlsteinen der Inka –, Mercader/Boesch übernahmen die Methode und haben an den Steinhammern Stärkekörner identifiziert: „Heutige Schimpansen knacken fünf Nussarten, die, mit einer Ausnahme, von Menschen nicht verwertet werden. Zumindest drei Viertel der alten Funde stammen von diesen Nüssen“ (Pnas, 12.2.). Und keines der alten Stärkekörner stammt von Früchten, die nur von Menschen, nicht von Schimpansen bearbeitet werden, Wurzeln etwa.

Eine Frucht lieben beide, die einer Ölpalme. Das hat bei manchen Forschern den Verdacht geweckt, der heutige Werkzeuggebrauch der Schimpansen könne von dem der Menschen abgeschaut worden sein. Aber an der Elfenbeinküste waren die Schimpansen zuerst da, Spuren von Menschen finden sich erst vor 2300 Jahren. Haben sie damals abgeschaut?

Wie auch immer, die Erben der Schimpansen knacken immer noch: „Die ,Schimpansen-Steinzeit‘ hat sich über mindestens 200 Generationen gehalten. Die materielle Kultur der Schimpansen hat eine lange Vorgeschichte.“ Wie lange? Das ist schwer zu sagen, in Regenwäldern hat sich wenig erhalten. Aber die Forscher schließen nicht aus, dass Steinwerkzeuge schon vom gemeinsamen Ahnherrn von Mensch und Schimpanse erfunden wurden, vor über fünf bis sieben Millionen Jahren.

Inline Flex[Faktbox] WERKZEUGE: Kein Privileg

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2007)