Jubiläum: Frei, öffentlich und doch so scheu: Hugo Portisch wird 80

Seine Fähigkeit, Politik und Weltgeschichte einprägsam und verständlich zu erklären, hat ihn zur ORF-Legende gemacht.

Die Geschichte des Hugo Portisch ist auch eine Geschichte der Verweigerung. Er hat sich nie vereinnahmen lassen, hat politische Angebote, auch ehrenvolle, stets abgelehnt. Er wollte auch nicht als Präsidentschaftskandidat ins Rennen gehen – zwei Mal wurde er gefragt. Sein Argument 1991? „Seit 25Jahren arbeite ich freiberuflich, nicht angestellt, weil ich mich nur so wohlfühlen kann.“ Vor kurzem hat Portisch der Ruf der Regierung ereilt, er solle als „Neutraler“ in den ORF-Stiftungsrat gehen. „Abgelehnt!“, stempelte der 79-Jährige Kanzler und Vizekanzler ins Stammbuch. Am Montag feiert Portisch seinen 80.Geburtstag. Warum sollte er sich jetzt noch die Unabhängigkeit abkaufen lassen?

Trockene Politik, duftende Schwammerl

Portisch will den Leuten lieber die Welt erklären. Nicht gleich die ganze. Aber peu à peu ein Stück, dass sich jeder aus den Teilen ein Puzzle zusammensetzen kann. Er deutete der Fernsehnation die Weltkriege, den Kalten Krieg, den Sowjetkommunismus, die chinesische Kulturrevolution oder die Zweite Republik. Und er klagte 1997 visionär „den wahren Klimasünder USA“ an. Keiner kann wie er trockene Politik, bis hin zur EU, ebenso schmackhaft machen wie nach frischer Walderde duftende Schwammerl.

Als verlässlicher und unbestechlicher Erzähler und Erklärer hat er sich das (ungewollte) Prädikat „Geschichtslehrer der Nation“ erarbeitet – und den Nimbus der Respektsperson. Ein Mann, dem man vertraut und alles zutraut, was er auch anfasst. Eben, weil er es nicht anfassen würde, wenn er selbst nicht glaubte, den eigenen hohen Maßstäben gerecht werden zu können. Portisch sagt gerade heraus, was er denkt. Er macht keinen Umweg. Auch nicht um Unbequemes. Das schafft auch Feinde.

Die kommunistische „Volksstimme“ echauffierte sich zum Beispiel 1970 über die „Seeschlange im ORF“, einen gewissen Hugo Portisch, der nach einer Rede Leonid Breschnjews vor dem Plenum des ZK der KPdSU doch glatt behauptet hatte, dass sich die sowjetische Landwirtschaft in einer tiefen Krise befand, ja dass 40% des Getreides verfault seien. „Dass sich der Bildschirm nicht bog, lag sicherlich nur an der Festigkeit des Materials“, ätzte der Kommentator. Zeitungspapier ist eben auch geduldig.

Portisch wiederum ist ein flammender Redner, der es versteht zu überzeugen und zu begeistern. Auch für eine breite Aufarbeitung der eigenen, teilweise verdrängten (Kriegs-)Vergangenheit konnte er die Österreicher im Fernsehen und in seinen Buchreihen („Österreich I + II“) gewinnen. Überzeugt und überzeugend stellte er auch festgefahrene Meinungen in Frage – etwa die These, die Erste Republik wäre nicht lebensfähig gewesen. Und als er 1991 in einem „ZiB2“-Studiogespräch darauf drängte, Österreich solle endlich seiner Verantwortung in der Geschichte ins Auge blicken, da klang das für manche Kommentatoren schon „wie eine Antrittsrede als Bundespräsident“.

Initiator des Volksbegehrens

Portisch aber krönt seine Karriere lieber mit einem weisen Lächeln – und der Gewissheit, von einem Millionenpublikum geschätzt zu werden. Am 19.Februar1927 in Pressburg geboren, steuerte er schon während des Studiums auf die Redaktionen des Landes zu. Er war unter anderem Chefredakteur des „Kurier“ und auch maßgeblich am Rundfunk-Volksbegehren 1964 beteiligt. Ab 1967 war er Chefkommentator des ORF.

Er produzierte etliche große TV-Dokumentationen, darunter „Der Zweite Weltkrieg – Ursachen und Hintergründe“ (gemeinsam mit Henry Kissinger), „Österreich I+II“, „Hört die Signale“, „Schauplätze der Zukunft“ und „Die Zweite Republik – eine unglaubliche Geschichte“. Er ist Renner-Preisträger, hat Goldene Kameras, den Staatspreis und vier Romys, eine davon in Gold für sein Lebenswerk. Und er wird den Feiern zum 80er nicht entkommen. Auch wenn er – scheu wie immer, wenn es um ihn als Person geht – vorerst unerreichbar abgetaucht ist...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2007)


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